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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-09-19 · N° 38 u. 39. (19.9.1877) · p. Seite 299

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 38 u. 39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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— 299 — lichen Instinctes. Wir gehen heute weiter und vervollständigen unsere Meinung, daß die 5 Bücher Moses der Ausdruck der gesunden menschlichen Vernunft sind. Unsere Vernunft zwingt uns, Alles, was uns zuin Bewußtsein kommt, logisch zu erklären. Wem es unmöglich ist, zu denken, wer unsruchtdaren Grübeleien nachhängt, der ist entweder geisteskrank oder geistesschwach. Wer aber gesund ist, der wird Freude am Forschen haben, und wenn er auch über einen gewissen Punkt nicht hinaus kann, wird ihn die Zunahme des Wissens, der Gebrauch seiner geistigen Fähigkeit so erfreuen, wie die Gymnastik des Körpers. Der Anfang und die Ziele dessen, was wir erforschen, der Rahmen uitseres Denkens, sind aber principiell in der Bibel enthalten. Alle Philosophen, Historiker, die Theologen gar nicht zu erwähnen, siitd darüber einig, daß dem Menschen der Trieb nach dem Idealen angeboren ist. *) Alles in der Natur zeigt esjn gewisses Bestreben. Legen wir den menschlichen Maßstab, den einzigen, den wir kennen und den wir unlegen müssen, wenn wir überhaupt die Berechtigung zu forschen in Anspruch nehmen, an die Ereignisse der Natur, so finden wir: Die Dinge haben das Bestreben, sich zu vervollkommnen, d. h. Alles in der Welt ist unvollkommen; aber Alles strebt einem vernünftigen Zwecke zu, nämlich der Erreichung des Ziels, des Vollkommenen, dem Ideale. So ist also das Harmonische in der Welt nichts, als das Aufhören des Kampfes, der Sieg. Anziehung und Abstoßung, Freude und Leid, Liebe und Haß, oder wie man den Kampf in der Natur und in dem Innern des Menschen nennen will, sie sind nur Gegensätze nach menschlichen Begriffen. — In Wahrheit existirt ja die Trennung nur soweit wir sie denken. Was wir in der moralischen Welt Gerechtigkeit nennen, ist es in der organischen Welt etwas anderes, als das Wallen der Naturgesetze? Ein Blick auf die Bezeichnung für „Allmacht" („Naturkräfte") in dem Urtexte der Bibel (Elohim) im Anfang der Schöpfungsgeschichte und späterhin auch als „Gerechtigkeit" (Richter), wie sie auch von Menschen gehandhabt werden muß, zeigt uns, daß diese Anschauung die der Bibel ist. Das, was wir Allmacht nennen, was der Materialismus mit Naturgesetz bezeichnet, was ein großer Theil der Welt als Eigenschaft einer geoffenbarten Gottheit betrachtet, das zu betrachten, wird allgemein noch immer als der Hauptinhalt einer religiösen Beschäftigung angesehen. Liegt es nun gewiß einem jeden Menschen am Herzen, Jrrthümer zu beseitigen, die Wahrheit zu verbreiten, so wird es um so mehr sein Streben sein, in religiösen Dingen zur Einigung der Gemüther beizutragen. Namentlich in Neligionssachen sind ja immer die Geister heftig auf einander geplatzt; Proselytenthum hat aber in seinem Gefolge so traurige Ereignisse, daß wir nur die Religion als die wahre ansehen können, welche diese erste Bedingung: ohne Verletzung der Humanität allgemein verbreitet werden zu können erfüllt. Allerdings: Was ist Humanität? Ist es human, Jemanden im Aberglauben leben und glücklich sein zu lassen, oder ihm möglichst früh zur ewigen Seligkeit zu verhelfen? Und hier sehen wir nun uns gleich bei der Forderung, uns über das, was nach biblischer Auffaffung human ist, zu verständigen, gezwungen, die festen Grundprincipien anzuführen, auf denen wir unsere Untersuchung zu führen haben, oder vielmehr die Angelpunkte, um die sich die Anschauungen der Bibel und namentlich die Gesetzgebung Moses durchweg in gleicher Weise bewegen. (Wird fortgesetzt werden.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. **♦ Frankfurt a. M., 10. Sept. (Or.-Corr.) Unsere Ab« dieses Ideal ist begrenzt; der cosmogonische Instinkt kann ebenso ausarten, wie jeder andere. Di e natüliche Begrenzung liegt im fcÄnm!f'rba keine Vernachlässigung der materiellen Interessen verlangt, wre es z. B. m der christlichen Lehre der Fall ist. Stadt hat am 8. ds. einen der verdienstvollsten Bürger, einen Ehrenmann im eigentlichen Sinne des Wortes, den mehrjährigen Präsidenten der Stadtverordneten Versammlung, Dr, jur, Wolfgang Neukirch, durch den Tod verloren. Mit inniger Theilnahme hatte die Bürgerschaft diese Nachricht erfahren, und mit aufrichtiger Trauer sah sie heute den Mann zu Grabe tragen, der mit tiefgewurzelter Liebe an seiner Vaterstadt hing und in seinem öffentlichen Wirken stets einen unbeugsamen Rechtssinn, einen unwandelbaren Eifer für die Sache der Wahrheit und der Gleichberechtigung aller Bürger zeigte. Was er viele Jahre hindurch im Pflegamt der Irrenanstalt, was er als Director der Blindenanstalt und ein Vierteljahrhundert als Secretär des Schulraths der israel. Gemeinde geleistet und zum Wohle seiner Mitbürger gewirkt hatte, mag eine beredtere Feder schildern. Die unübersehbare Menge, die ihm heute das letzte Geleite zur ewigen Ruhe gab, war das sprechendste Zeugniß,. wie sehr alle Parteien, alle Stände, alle Confesfionen den Heimgegangenen Ehrenmann ehrten und hochhielten. Unter den Klängen eines Trauermarsches, den das Musikcorps der vollzählig erschienenen Feuerwehr spülte, bewegte sich der Zug nach dem israelitischen Friedhofe, wo zuerst der Vicepräsident der Stadtverordneten im Namen der städtischen Behörden Worte der Anerkennung und des Dankes sprach; Herr Sonnemann schilderte hierauf Namens der demokratischen Partei die Verdienite des Dahingeschiedenen und erinnerte an dessen Streben und Kämpfen für die Gleichstellung feiner Glaubensgenoffen. Herr Director Baerwald feierte in warmer Rede des Verstorbenen unendliche Verdienste um das Schul- und Erziehungs- Wesen innerhalb der israel. Gemeinde. Zum Schluß entwarf der Redner der Loge „zur aufgehenden Morgenröthe", Herr vr. S. I. Katz, in tiefempfundenen Worten ein Bild von dem unermüdlichen Wirken des trefflichen Mannes auf allen Gebieten freiheitlicher uno humanitärer Bestrebungen, sowie von seinem liebenswürdigen, sanften und müden Charakter, der ihn im öffentlichen wie im Privatleben auszeichnete. Mit den Worten des rheinischen Dichters schloß der Redner: „Ob kalt und stumm, sie leben doch, die wir ins dunkle Grab gesenkt, so lang' ein Herz auf Erden noch in Liebe ihrer treu gedenkt." — L. Allenstein in Ostpreußen, 4. September. (Or.-Corr.) Gestern wurde hier die Synagoge eingeweiht. Herr Rabb. vr. Bamberger aus Königsberg hielt die Weihrede. Die Spitzen der Behörden waren durch den Landrath und Magistrat vertreten; die katholische und evangelische Geistlichkeit hatte die Einladungen zurückgewiesen. (Man sollte doch die Herren gar nicht erst damit beehren ) Der kath. Erzpriestec erlaubte seinem Cantor nicht einmal die Leitung des Chores zu übernehmen. Von den umliegenden Gemeinden waren meist die Vorstände und Cultusbeamten erschienen. Um 11 Uhr hielt Herr Lehrer Tonn die Abschiedsrede im alten Tempel. Er wies in schwungvollen Worten daraufhin, daß es nur durch die Energie und Opferwilligkeit der kleinen Gemeinde gelungen sei, diesen Prachtbau (für 42,000 Mark), eine Zierde der Stadt, herzustellen und mahnte die Gemeindemitglieder zur Eintracht. — Herr Rabb. Dr. Bamberger knüpfte seine Weihrede an den Hallelvers: '121 ” D1\“l n», geißelte die hier noch herrschende mittelalterliche Unduldsamkeit, schloß die fehlende Stadtg-istlichkeit dennoch in sein Gebet ein, was einen guten Eindruck hervorbrachte. Das zu Nachmittags anberaumte Festmahl würzte Herr Rabb. vr. B. durch sinnreiche Toaste, die vom Landrath erwiedert wurden. Schönebeck. (Or. Corr.) Die vom Herrn Bürgermeister Blüthgen bei Ueberreichung des Schlüffels zum neuen Tempel gesprochenen schönen Worte verdienen in Ihrem Bl. veröffentlicht zu werden. Sie lauten: „Geehrte Versammlung! Wer von uns erinnert sich heute nicht mit gemischten Gefühlen der angstschweren und sorgenvollen Tage, wo die entfesselten Wogen einer nie zuvor erlebten Hochfluth unsere Habe vernichteten, um bald dem mild

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