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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-09-19 · N° 38 u. 39. (19.9.1877) · p. Seite 298

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 38 u. 39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 298 (sequence 2)
Language
German
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— 298 — 4 \ Wer dies näher dargelegt haben will, der lese Strauß' „Romantiker auf oem Throne der Cäsaren", da ist Beweismaterial in Fülle. Daraus folgt alsbald, daß das Judenthum, mit seiner von Atheismus wie von Menschenvergötterung, von Materialismus wie von weltoerläugnendem Spiritualismus gleichweit entfernten Lehre, noch eine große Aufgabe, ja die größte, zu erfüllen hat, daß in ihm der Schlüffel des Heils aufbewahrt ist. Wir gelangen zu demselben Resultat, wenn wir auf den Stand der Sittlichkeit und der Humanität blicken. Wir meinen nicht etwa, daß auch hier eine Vergleichung mit der Kaiserzeit Roms zulässig sei — durchaus nicht — wir bleiben hier bei der Gegenwart selbst stehen. Türkenfeinde sprechen dem Islam jede Befähigung ab, die Menschen zu sittigen, einzelne exaltirt Christliche möchten gar einen Kreuzzug gegen die Türken in Scene setzen. Türkenfreunde sprechen mit Abscheu von den Greuelthaten der Russen und Bulgaren. Der Unbefangene sieht das Unrecht auf beiden Seiten, in den Behauptungen Beider; aber wir gehen einen Schritt weiter und fragen: warum soll man denn gerade den Krieg zum Probirstein der Humanität machen? Kann man denn ehrlicher Weise leugnen, daß in civilistrten christlichen Ländern im tiefsten Frieden Tausende zu den schrecklichsten Greuelthaten fähig sind? Wozu von Kosacken und Tscherkeffen reden? Seht hin auf beide Schichten unserer eigenen Bevölkerung, und ihr werdet sagen muffen: „wehe, wenn sie losgelaffen!" — sie würden, wenn entseffelt und einmal in den rechten Animus gebracht, in den eigenen Straßen nicht anders hausen, wie Türken und Bulgaren auf feindlichem Gebiet! Ist doch dieser Tage von einem angeklagten Sozialdemokraten in seiner Vertheidigungsrede die Drohung ausgestoßen worden, die Arbeiter würden bald den Herren Richtern die Schädel an den Wänden des Gerichtssaales zerschmettern! Wer das für nichts als eine freche, aber ganz unbedenkliche Prahlerei hält, mit dem wollen wir darüber nicht streiten. Die Klagen über wachsende Brutalität nehmen aber zu. Sie werden ausgesprochen von Richtercollegien, Regierungsbehörden, altbewährten treuen Volksfreunden, nicht etwa nur von Geistlichen und Reactionären, und sie stützen sich auf Thatsachen und Zahlen, so daß es wirklich gleichviel ist, wer sie aussprichl. Nun streiten die Parteien über die Ursache der erschreckenden Wahrnehmung. Die Einen geben der Erschütterung des religiösen Glaubens die Schuld; die Andern sagen: „ihr habt ja dies Geschlecht in euren Schulen und Kirchen erzogen." Der Unbefangene sieht wohl, daß an beiden Behauptungen viel Wahres ist. Das unerbittliche Verdikt geht dahin: Seit 1500 Jahren ist das Christenthum wellbeherrschende Macht, und heute stehen Zehntausende der Gebildetsten dem antiken Heidenlhum viel näher als der Religion, in der sie geboren und erzogen worden sind, sind Hunderttausende der Ungebildeten, der niederen Volksschichten, trotz christlichem Staats- und Schulwesen, der inneren Humanität dar und jeder Grausamkeit fähig, mithin Krieg wie in der Vorzeit, stürzen Tausende aus der Cr6me der Gesellschaft zum Masien-Menschenmord, wie zu einem Tanzvergnügen, nur daß man nach der Schlächterei die Verwundeten pflegt und die gefallenen Feinde in schönster Ordnung mit militärischen Ehren bestattet, fromm gesenkten Blickes hinter den Leichen einhermarschirt. Ist das also alles, was die Religion erzielt, aller Segen, den das Kreuz in 1500 Jahren gebracht hat? Es ist noch viel zu thun. Das Judenthum ist noch nicht in die Lage gekommen, auf seine Fähigkeit, die große Gesammtheit zu humanisiren, geprüft zu werden, aber es bat sie in Beziehung auf seine eigenen Angehörigen vollständig bestanden. Denn man schreibe immerhin noch eine Schiffsladung judenfeindlicher Broschüren, sage uns (wenn denkbar) noch mehr Böses nach als bisher; das Eine wird man stehen laffen müssen, daß der Jude tiefen Abscheu hat vor Brutalität, Grausamkeit, Blutvergießen. * *) Dies ist durch Thatsachen und Zahlen erwiesen, wird auch wohl kaum bestritten. Nun sieht man freilich, die Bedeutung dieser Thatsachen abzuschwächen und sie so zu deuten, daß sie den Juden nicht zur Ehre gereichen sollen; aber wir werden uns nicht daran irre machen laffen, daß es das jüdische Religionsgesetz ist, welches durch die Erziehung, die es einer langen Reihe von Generationen ertheilt hat, diese milde, weiche Gesinnung, diese nicht blos phrasenhafte, blendende und doch blinde, sondern wirkliche Humanität erweckt hat. Auch dem Religionsgesetz des Judenthums ist noch eine große Aufgabe für das wahre Heil der Menschheit aufbewahrt. — Das sind für uns wohlthuende Ueberzeugungen, in denen wir bei der Jahreswende uns befestigen wollen. Die Bibel und die Ziele unserer Zeit. Die coloffalen Fortschritte der Wissenschaft, das Auffinden von einer Reihe höchst überraschender Thatsachen, laffen uns nach rastlosem Jagen endlich einen Ruhepunkt wünschen, von dem wir einmal unsere ganze Auffassung der Welt auf Grund dieser Bereicherungen kritisch revwiren möchten. *) Wir werden sehen, daß ein unbewußter, noch unausgesprochener Erfolg dieser Umschau der sein wird, die mosaischen Gesetze, (das Pentateuch im Allgemeinen) auf eine Höhe zu stellen, die sie in solcher Verbreitung und ganz besonders in derartiger Begründung noch nie gehabt haben. Die Arbeiten aller Völker haben dazu beigetragen, uns allmählich des Schatzes immer mehr bewußt zu werden, den das merkwürdigste aller Völker ausgewählt mar, mit seinem Herzblute beständig zu bewahren. — Die mosaischen Gesetze sind — wie wir früher einmal ausgesprochen habena) — die Gesetze des gesunden, mensch- *) Ein Beispiel. Vor mehreren Jahren brach, wie man sich erinnern wird, im tiefsten Frieden in New-Pork eine Emeute aus. Zahlreiche Bewaffnete stürmten durch die Straßen und würgten Tausende nichts ahnender harmloser Neger, Farbiger u. s. w. Die Telegramme setzten jeden menschlich Fühlenden in starres Entsetzen, denn es war, als seien die Bestien aus hundert Menagerien plötzlich auf die volkreichen Straßen losgelassen. Nähere Aufklärung konnte erst durch Briefe und Zeitungen spät Nachfolgen. In einem Kreise von Bekannten sagte ich damals: „Wir müssen Aufklärung abwarten; aber eins weiß ich schon jetzt: es wohnen 60,000 und mehr Juden in New-Dork, aber ich gehe jede Wette mit ein, daß unter den Bestien in Menschengestalt kein Jude gewesen ist, und wenn einer, nun denn vielleicht Einer! Der Jude thut im Kriege seine Schuldigkeit, es wird auch wohl einmal ein Jude zum Mörder, aber auf Partei-Commando oder überhaupt in Brutalität mit Wonne Blut vergießen, das thut er nie. *) Es ist immer die Frage, ob ein Mensch, bei dem dieser cosmogonische Jnstinct sich nicht vorfindet, noch im Zustande der Entwickelung, oder bereits in Degenirung sich befindet. Darüber läßt die Anthropogonie uns noch unaufgeklärt. Semper Bd. I, Pag. 21. 2) Virchow's Archiv Bd. 52. Jüd. Literaturbl. 1875, Nr. 16.

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