Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 37. (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 295 stimmung von gewaltigen Folgen. Man hatte ihn mit Gewalt von der Leiche seiner Tochter entfernen müssen, die ins Hospital gebracht wurde. Daheim angelangt, saß er apathisch da, den stieren Blick zur Erde gewandt, man glaubte einen Stumpfsinnigen oder Irren vor sich zu haben. Er ging nicht von der Stelle und überließ Fremden die Sorge um das Begräbniß seiner Tochter. Als an den Pfarrer die Aufforderung erging, der Leiche nach dem Kirchhofe zu folgen, verweigerte er seine Theilnahme am Leichengefolge mit den barschen Worten: „Wozu ging sie hinaus, den Häretiker zu hören? Wer's mit Ketzern hält, ist selbst ein Ketzer! o, ich weiß es, sie besuchte oft seine Predigten. Ich werde ihr Grab nicht einsegnen, dieses Volk muß die Consequenzen seines der wahren Kirche abgewandten Lebens im Grabe büßen." Als man Jäkel den Bescheid des Pfarrers hinterbrachte, stieß er ein gräßliches Lachen aus und stürzte wie ein Wahnsinniger aus seiner Wohnung nach dem. Pfarrhause. Er fand keinen Einlaß. „Ha! Ha! Ha!" tönte es aus Jäkels verzerrtem Munde, „der hat mich den Satan mehr als unfern Herrgott fürchten gelehrt — d i e Schand und das Herzeleid soll er mir nicht umsonst gethan haben!" Raschen Schritts eilte er von dannen. Der Pfarrer sah ihm vom Fenster aus nach. „Ob ich ihn zurückrufe?" murmelte er vor sich hin. „Pah, der ist unschädlich, er ist zu tief gesunken, als daß seine Enthüllungen Glauben finden sollten." Achtes Kapitel. Es war noch frühe Morgenstunde, Lämchen und Esther saßen beim Kaffe. Lämchen unterbrach das Schweigen durch die mehr zu sich selbst als zu Esther gesprochenen Worte: „Sie ist doch ein braves Kind, meine Rosa, hat viel gelitten und würde doch, wenn Sie ihre Religion hätte verläugnen wollen, ihr Glück Huben machen können, sie hat mir diese Schande nicht angethan, wie ich nun bestimmt weiß. Ich war damals vielleicht doch etwas zu hart gegen sie . . ." „Sagte ich's nicht gleich," fiel Esther ein, „aber . . . „Willst Du mir vielleicht jetzt Vorwürfe machen" erwiderte Lämchen etwas erregt von seinem Platze aufstehend. „Esther, ich gehe nach meinem Zimmer. Master Capten wird noch heute Morgen Herkommen und mir nähere Auskunft über Rosa's Verbleib bringen. Wenn er kommt, laß ihn ohne weitere Anmeldung zu mir herein, ich erwarte ihn." Mit diesen Worten ging er aus der Stube, Esther begab sich kopfschüttelnd nach der Küche, um ihr Tagewerk zu beginnen. Als sie nach ihrer gewohnten Weise die Hausthür öffnete, trat ihr Jäkel entgegen. — „Heiliger Gott!" schrie Esther, „wie habt Ihr mich erschr-ckt!" Sie hielt inne, als sie sein verstörtes Aussehen sah. Um Gottes Willen, wie seht Ihr aus! Was ijt Euch? Hier ist ein Stuhl! Ihr seid ja ganz durchnäßt. — Setzt Euch!" Jäkel hielt sich am Stuhl fest und sagte in gepreßtem Tone: „Ist Euer Bruder daheim?" „Er ist in der Nebenstube; aber was wollt Ihr von meinem Bruder? Ich glaub', Ihr habt Euch vergangen, oder Ihr seid plötzlich —" Jäkel unterbrach sie. „Irr' geworden! Meint Ihr? Wollte Gott ich wär's! Es wundert Euch, daß der Jäkel in des Juden HauS kommt? Seht, die ganze Nacht bin ich auf dem Felde herumgelaufen, Hab mir's zusammengedacht, was und roie ich zu Euch reden soll. Aber mir verschnürt's doch die Red', als ich über diese Schwelle kam! „Faßt Euch nur! Habt Ihr uns auch viel Leid's zugefügt, wir tragen Euch nichts nach." „Mein Kmd — Ihr wißt" — stammelte Jäkel, mit Mühe die Thränen unterdrückend. Esther unterbrach ihn. „Ja, ja, ich kann mirs denken. ES fehlt Euch am Röthigen, ihr eine anständige letzte Ehr' zu erweisen. Eure Freunde waren taub geworden und da sucht Ihr in Eurer Noth des letzten Juden Haus auf. Na, na, braucht deshalb nicht verstört zu sein. Wir sind keine Unmenschen. Wie viel braucht Ihr denn? Ich will's Euch geben, und Ihr braucht, wenns Euch schwer ankömmt — mit meinem Bruder gar nicht zu reden." Jäkel sank weinend in den 'Stuhl. Esther trat zu ihm und legte begütigend ihre Hand auf seine Schulter. „Jäkel! So faßt Euch! Wozu die Kindereien?" Jäkel erhob sich und blickte sie an. „Ihr drückt mir das Herz ab mit Euren Worten." „Na, na! Sagt getrost was Ihr wollt?" „Wie ich draußen die Nacht wie wahnsinnig herumgelaufen bin, weil mir der Pfarrer ein christliches Begräbniß für meine Maria verweigert hat, da Hab' ich die To^te beneidet, weil sie doch von dem Elend der Welt nichts mehr weiß und in Gedanken bin ich weiter, immer weiter gekommen und bin zuletzt auf den Ruppertsberg gestiegen und Hab' gewartet bis die Sonne aufging. Langsam kam lie herauf und hing da über die graue Welt, und ihre ersten Strahlen warf sie auf beu Berg — und die Lust zum Leben kehrte wieder, ich dachte mir, wie schön es wär, wenn alles Traum wäre, was auf mir liegt, wenn ich's abschütteln könnte was mein Gewissen drückt, ach da wäre mir so leicht, dann könnte ich vielleicht noch einmal froh werden im Leben — und so bin ich gelaufen zu Euch, mein Gewissen zu befreien von einer großen Last" In diesem Augenblick blickte Lämchen durch die Stube, er glaubte, da er eine Männerstimme hörte, Master Capten wäre schon da; als er Jäkel erblickte — blieb er erstaunt horchend stehen. „Was sagt Ihr da, Herr Stadtschreiber?" fragte Esther gespannt. „Wißt Ihr, damals," fuhr Jäkel fort, „als ich vor 18. Jahren am Abend des Osterfestes mit noch Andern in Euer Haus kam, weil Eures Bruders Sohn die Kirche bestohlen —" Jäkel stockte. „Nun?" Es war ein Vorwand. — Der Pfarrer hat ihn — um die Bevölkerung gegen die Juden aufzustacheln — ersonnen. Eures Bruders Sohn ist unschuldig." Esther schrie auf. „Was sagt Ihr?" „Ich hatte mich früher in Euer Haus geschlichen und die Monstranz in sein Bett gesteckt." Kaum waren die Worte von Jäkels Lippen, als Lämchen, zitternd vor Aufregung, beinahe keines Wortes mächtig, hervorstürzte und Jäkel anfaßte. „Unschuldig! Unschuldig, sagt Ihr! Hab ich — Hab' ich auch recht gehört!" Jäkel, als er Lämchens ansichtig wurde — erschrak heftig und sagte dumpf: „Ich sagt's! Wenn mein Kind begraben — geh' ich zu Gericht und zeig mich selber an." „Ich bitte Euch, Jäkel," stammelle Lämchen, zwischen Lachen und Weinen, „treibt nicht Euren Spott mit mir, einem alten Mann — der Euch nie wissentlich etwas zu Leid gethan." Jäkel richtete sich auf. „Ich hab's gesagt, und schwör's Euch bei dem Andenken an meine Mari«. Hundert Mal wollte ich, nachdem Ihr Euren Sohn verstoßen, — mein Gewissen von dieser Last befreien, aber ich konnte und durfte es nicht, da ich in des Pfarrers Gewalt war. Ader heut', nachdem er mir das ehrenvolle Begräbniß für mein Kind verweigert, riß ich auch das Band entzwei, das mich freventlich an ihn ge» bunden. Wenn Jhr's könnt, vergebt mir —" „Ich vergebe Euch, Jäkel, baß Ihr so arm und elend mich gemacht, daß Ihr mir das genommen, was uns auf Erden das Heiligste — den ehrlichen Namen und den Frieden des häuslichen Heerdes! Geht, ich vergeb' Euch, daß Ihr den Sohn vom Herzen des Vaters losgeriffen. Aber geht — geht!" Der alte Mann zitterte bei diesen Worten und Thränen rannen über seine bleichen Wangen. (Schluß f.)