Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 37. (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 292 — t V r v h m Aus Ostpreußen, 30. August. (Or.-Corr.) Vor einigen Tagen erhielt ich aus der Buchhandlung das Buch: Die Prinzipien des Judenthums von Dr. Schreiber zur Ansicht. Der Name des Verfassers war mir durch einige Artikel Ihrer Wochenschrift, worin ihm der Am ha-arez und Plagiator an einigen Beispielen nachgewiesen war, im Gedächtniß geblieben. Es ist selbstverständlich, daß ich das Buch, da ich es nicht behalten wollte, nicht aufschneiden durfte und es also nur so obenhin betrachten konnte. Doch genügten schon wenige Blicke in dasselbe, um zu entnehmen, wenn auch nicht was, so doch wie Herr Dr. Schr. geschrieben, d. h. ab geschrieben hat. Besonders scheint Herr Dr. Schr. in die Joel'schen Predigten und Broschüren sich so sehr vertieft zu haben, daß daraus Sätze und Redewendungen ihm in die Feder fließen, ohne — wie er einem ähnlichen Vorwürfe gegenüber behauptet hat — es selbst zu wissen. (Der Herr Einsender belegt seine Behauptung durch Citate, die hier nicht wiederholt zu haben, unsere Leser uns gewiß Dank wissen werden. Red.) Ich blätterte — so .gut es unaufgeschnitten ging — weiter und fand noch so manches „fremde Eigenthum" aus ververschiedener Herren Gebieten. Von der Nothwendigkeit der Veröffentlichung eines solchen plagiarischen Verfahrens überzeugten mich vollends die höchst salbungsvollen Worte des Herrn Schreiber selbst (wenigstens seines Sammelwerkes) an der Spitze des Cap. VI, S. 136: „Ist es schon Pflicht eines jeden redlicheit Mannes überall, wo er einen auf Täuschung der Menschen berechneten Schwindel sieht, denselben mit allen ihm zu Gebote stehenden ehrlichen Mitteln aufzudecken, damit der „Blinde nicht irre geführt werde", so ist dies noch weit mehr da nothwendig, wo es sich nicht um materielle, sondern um ideale Güter handelt, also auf dem Gebiete der Wissenschaft" (!) Wir leisten seiner richtigen moralischen Vorschrift hiermit Folge. Auf S. 50 und 51, wo er von Dohm spricht. hat Schrei» ber Gr ätz Bd. 11 S. 66 geplündert, ohne ihn anzugeben. Selbst in der Auswahl der Stellen und in der Quellenangabe stimmen Schreiber und Grätz merkwürdig überein. Auf S. 68 und ff. wird von der bekannten Schrift Schleidens gesprochen. Hierbei hat Schreiber in dreister Weise den Leitartikel aus Nr. 49 Ihrer vorjährigen Wochenschrift benutzt, oder besser excerpirt. ohne dessen Erwähnung zu thun. Er führt fast dasselbe in derselben Reihenfolge an, auch da, wo der Verf. des Leitartikels nach seiner Angabe außer der Reihe Schleiden citirt. Schr. kürzt wohl Manches ab, fügt aber Nichts hinzu, so daß mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen ist, daß er Schleidens Aufsatz dabei gar nicht vor Augen gehabt. (Der Herr Einsender führt noch mehrere Plagiate in diesem Buche an, aber der Raum in uns. Bl. ist uns zu werchvoll, als daß mir ihn dazu hergebeu sollten, um Bekanntes hier durch Beweise ausführlich zu erhärten. Auch die Schlußfolgerungen über den Charakter des Buches und seines Schreibers drucken wir nicht ab. Red.) Schönebeck. Ich sende Ihnen über den zweiten Tag der Einweihungsfeier den betreffenden Bericht, den die „Schöneb. Zeit." (und darnach auch die „Magd. Zeit.") hierüber gebracht: „Am Sonnabend, den 1. September fand der erste Morgengottesdienst im neuen Tempel statt, der wiederum seinen höchsten und schönsten Gipfelpunkt in der herrlichen (wie man hofft, zum Druck gelangenden) Predigt des Herrn Dr. Rahmer fand und durch die von dem stimmbegabten Vorsänger Herrn Cultusbeamten Bernstein aus Magdeburg geleiteten Festgesänge verherrlicht wurde. Der Gottesdienst währte bis gegen 12 Uhr. Nachmittags 2 Uhr schloß sich der erhebenden und gewiß alle Teilnehmer befriedigenden Feier ein solennes Festmahl in der „Reichshalle" an, das auf's Beste gewürzt durch die Toaste des Herrn Dr. Rahmer auf Se. Majestät, des Herrn E. Bendix auf die städtischen Behörden und später auch auf den Magdeburger Synagogen-Gesang-Verein, der durch feinen exacten Gesang so viel zur Verherrlichung des Festes beigetragen, des Herrn Stadlrath Wöhlbier in dankbarer Erwiderung auf die jüdische Gemeinde, des Herrn Marcuse auf die Spender milder Gaben zum Tempelbau, des Herrn Stadtverordneten Weihe auf den Rabb. und Stadtverordneten Dr. Rahmer, des Herrn A. Heinemann auf den Erbauer u. seine Gehülfen, sowie auf diejenigen Mitglieder des Vorstandes, die den Tempel mit Privatgeschenken bedacht (,Hr. Gerson schenkte einen rothsammtenen Vorhang, Hr. Bend ix 2 Kandelaber), des Herrn Maurermeisters Fr. Ernst auf die städt. Baucommission und des Herrn G. Fließ auf die erschienenen Gäste einen höchst harmonischen Verlauf nahm. Auch der das seltene Fest beschließende Ball am Abend verlief trotz der manchen werthen Gast zurückhaltenden Sedan feier in freudigster Stimmung, und erst gegen Morgen trennten sich die Festgenossen. Mögen die bei der Einweihung gesprochenen Segensworte und Wünsche an allen Mitgliedern der Gemeinde sich bezeugen und erfüllen, damit dieser Tag ein Festtag fei, davon man noch rede in den spätesten Zeiten." Cammin in Pom, 31. August. Der „R. Stett. Ztg." wird von hier geschrieben: „Vorgestern wurde hier eine neue Synagoge eingeweiht. Wenn dies auch keine für die Leser Ihres Blattes besonders interessante Nachricht ist, so verdient doch die Opfermilligkeit Anerkennung, mit der eine aus nur sechszehn Familien bestehende Gemeinde ein sehr schöner Gotteshaus aufgeführt hat. Das von allen Seiten freistehende Gebäude, Ziegelrohbau mit Mittelkoppel und vier Eckthürmchen, bunten Fenstern und ganz stattlicher Höhe, bietet einen wohlthuenden Anblick. Ein Seitenflügel enthält Wohnung für den Cultusbeamten der Gemeinde, Sitzungssaal und Schullocal. Auch das Innere der Synagoge ist einfach, aber durchaus würdig und geschmackvoll. Der das Gebäude umgebende freie Platz ist nach der Straße zu durch ein eisernes Gitter abgegrenzt und wird später mit Gartenanlagen geschmückt werden. Wichtiger, wenn auch nicht ganz so erfreulich, dürften für ihre Leser einige Nachrichlen über die Stellung sein, welche die Einwohner CamminS zu dem Feste ihrer israelitischen Mitbürger einnahmen. Man mochte immerhin darauf gespannt sein, ob hier an dem Sitze der Hauptsäulen der Orthodoxie, die Einweihung einer Synagoge wohlwollende Theilnahme finden ober gar auf demonstrative Abneigung stoßen würde. Daß es hier nicht so sein würde, wie in Ihrem freisinnigen und von jeglicher Engherzigkeit fernen Stettin, wo vor zwei Jahren die christlichen Geistlichen, Behörden und Bürgerschaft ihre volle und herzliche Theilnahme an der Synagogeneinweihung an den Tag legten, daß konnte man sich allerdings denken. Stellte man also die Erwartungen nicht hoch, so konnte man auch wohl zufrieden fein. Die Staatsbehörden waren durch den Landrath und einige Beamten des Kreisgerichtes, die Bürgerschaft durch den Bürgermeister, Stadtverordnete und einige notable Einwohner vertreten. Die Art des Erscheinens ließ bei Einigen wohl etwas zu wünschen übrig, doch übergehen wir diese Aeußerlichkeiten mit Stillschweigen. Von einer Einladung der evangelischen und lutherischen Geistlichen der Stadt hatte die Gemeinde, wohl mit gutem Grunde, Abstand genommen Ein hochgestellter Justizbeamte erwiederte dem ihn persönlich einladenden Vorsteher der jiiö'fdjm Gemeinde, er könne als Christ sich nicht betheiligen, er würde gerne dahin wirken, daß die Juden sich insgesammt taufen ließen, aber bei der Einwechuug einer Synagoge könne er nicht erscheinen. Auch ist es nicht gelungen, in Cammin Jemand zu finden, der das Harmonium, welches die zur Ausführung der Gesänge herübergekommenen Mitglieder des Stettiner Synagogenchors mitgebracht hatten, gespielt hätte. Wir glauben indessen, daß die zur Feier erschienenen christlichen Männer und Frauen die Synagoge mit richtigeren Ansichten veclaffen haben (insoweit es erforderlich war), als sie vielleicht beim Eintritt hegten. Der die Weihe vollziehende Prediger (Rabbiner Treuenfels aus Stettin) hob nämlich im Eingänge seiner Rede hervor, daß es in der Gegenwart bei der steigenden Erbitterung zwischen den Religionsparteien einerseits und Angesichts der Bestrebungen der