Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 37. (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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fälligeren Beweis seiner Parteileideuschaft gegeben, als in einer Correspontenz aus Wien, betreffend das Gutachten des Casseler Landrabbinals über die Mosenlhal-OrdenSsrage. Gälte es dem Corrcspondenten nur, Moseiuhal gegen den Vorwurf der Eileckeil zu vertheibigen, so wäre das ganz löblich, hätte aber mit dem Gutachten, welches nicht die leiseste Anspielung auf die Motive des Verewigten enthält, nichts zu schaffen. Was aber die Sache selbst betrifft, so ist das Gutachten ganz corrcct; es ist obendrein — obgleich das an sich irrelevant ist, von Rabbiner Felsenstein in Hanau, einem orthodoxen Manne, verfaßt; die jüdischen Blätter aller Farben, auch die „Jüd. Pr.", haben sich stillschweigend oder ausdrücklich mit demselben einverstanden erklärt. Aber weil I)r. Adler rn Cassel nicht zu den Orthodoxen zählt, und weil sich in der dortigen Synagoge eine Orgel besindet, wodurch diese nach dem Syllabus beö Herrn Lehmann einem Götzentempel gleichzuachlen »st, darunr wird bte Ablehnung der Orden getadelt, darum wird, was sonst weiß ist, schwarz genannt. Hätte ein Orthodoxer die Orden in der Synagoge aufzuhängen verweigert, so würde der „Israelit", dessen Redaktion sich auch wohl hütet, sich für das Mosenthal'sche Ansinnen auszusprechen, die Charactersestigkeit, Gesetzestreue rc. des betreffenden Rabbinen höchlich rühmen — jetzt ist es in Cassel geschehen und nun ist es Unrecht! Aus Nheiuhessen. (Or-Corr.) (Die diesjährige Seda ns er er.) Cvangelrsche Muckerblätter nehmen Aergerniß daran, daß die Regierung die diesjährige Sedanfeier auf Sonntag, den 1. September, verlegt hat, weil der 2. Sept. auf Samstag fallt. Ihr orthodoxer Religionseifer läßt sie in der weltlichen Feier eines kriegerischen Erinnerungstages für den heiligen Sonntag keine Entweihung des kirchlichen Ruhetages erblicken. Sie nennen es im Gegentheil eine reforni-jüdische Bestrebung der Negierung, welche durch die Feier eines solchen Gedenktages die Bedeutung des jüdischen Sabbaths zu heben suche. „Wie doch Haß den geraden Sinn des Verstandes verdrehen kann." Wir erkennen rm Gegentheil in der Sedanfeier in gleicher Weise eine Entweihung des SabbathS, wie die Negierung darin eine Entweihung des Sonntags findet (?!), und fragen, ob sie ein Recht dazu hatte, ohne Rücksicht auf die israelitischen Staatsbürger die Sabbathruhe und -Feier preis zu geben, ober ob ihr, wenn nicht die juridische, die moralische Pflicht geboten hätte, statt Sonntags Montag dafür zu substltuiren* 1). Genug, daß im Militär- und Schuldienst so viele Israeliten gezwungen sind, auf Sabbathruhe und -Feier zu verzichten, und schweigen, weil vorgeblich eine ständige Berücksichtigung nicht möglich sei. Aber hier? Ohne Zweifel wird weder auf „orthodoxnoch reforni-jüdischer" Seite Jemand so indifferent sein, eine so unnöthige Richlberücksichtigung und Preisgebung der Sabbalhfeier gut zu heißen Warum ist hier von keiner Seite ein Wort des Protestes erfolgt? weder von Einzelnen, noch Vorständen, noch Rabbinen? Seitens d«er Rabbiner ist sicherlich daran gedacht worden, aber bei ihnen ruht ja nicht mehr die Vertretung der Gemeinden, nicht einmal die religiöse, und zwischen ihnen und den Vorständen, welche gegenwärtig die sämmtlichen Jnteres- ‘) Wir gestehen offen, daß wir nicht begreifen, was den Hrn. Cor fo in Harnisch bnngt, falls nicht ganz andere Verhältnisse vorliegen ten, als bei uns. In Preußen hat die Staatsbehörde, in diesem I wie von Anfang an, gar nichts wegen der Sedanfeier a n g e o net, sondern alles der Initiative des Volks überlassen. Nur die Si seier sollte, nach Anordnung des Ministers, am Sonnabend stattfln nicht wegen Sonntags-Entweihung, sondern weil die Schüler eben e extra »freien Schultag haben sollten. Wenn nun die jüd. Kinder S a b b a t h keine Schule hatten, so ist das ja recht angenehm. In cher Art irgend ein Jude durch die Sedanfeier einen speziellen A Chillul Schabbos gehabt haben sollte, ist uns ganz unerfindlich! Militär hat vielleicht (hier nicht) Parade gehabt, das ist leichter ordinärer Dienst. Hat der Rabbiner am Sabbath in der Predigt Feier gedacht, so ist es sein freier Wille gewesen und doch gewiß! Sabbath-Verletzung. (Red.) sen der Gemeinde vertreten, herrscht keine genügende administraiive Verbindung. Auch herrscht zwischen beiden eine zu große Verschiedenheit der religiösen Anschauungen und der Beurthcilung wie Behandlung der religiösen Angelegenheiten, um in solchen Dingen gemeinsam vorgehen zu können. Ganz allein für sich aufzutrelen, fürchten sie aber, um nicht als anmaßend und herrisch zu gelten, oder um nicht aus dem Munde der Nivollirungs-Partei den Vorwurf zu hören, daß unsere Rabbiner Rischus erregen und nicht verstehen mit dem Judenthum in der Gesammtheit der Christen aufzugehen. O, unsere Zeit bietet eine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete und zeigt Beispiele absichtlicher und prinzipieller Opposition der Vorstände gegen die Rabbiner, statt einigen Zusammenwirkens. Uns fehlt eine Gesammtvertretung, welche nach synodalen Grundsätzen, aus Vorständen und Rabbinen gemischt, zusammengesetzt sein müßte. Aber gegen eine solche Beschränkung der Gemeinde-Autonomie sträubt sich Alles Vom „Gemeindebunde" wurde absichtlich nicht blos jede religiöse Frage ausgeschloffen, sondern auch die Mitwirkung jedes rabbinischen Elements fern gehalten. Es geschah dies nicht blos der Orthodoxie zu Lieb, sondern den Rabbinern zu Trotz. Ehemals wurde den Rabbinern die Anerkennung ihrer Autorität freiwillig entgegengetragen, abgesehen davon, daß sie auch gesetzlich begründet ist, — und niemals wurde über Hierarchie in Israel geklagt.. Auch heute ist Hierarchie bei uns eine eingebildete Gespensterfurcht und aus christlichen Verhältnissen übertragen. Das Laienelement der Vorstände versteht nun einmal die Wahrung der religiösen Interessen nicht, in unserer Zeit des religiösen Jndiffereniismus gewiß nicht. Aber die Mitwirkung der Rabbiner wird dennoch fern gehalten, aus blinder Furcht vor deren Hierarchie; der rabbinische Einfluß wird unterdrückt — aus omnipotenter Machtvergrößer - ungssucht und in anmaßender Machtüberhebung der Vorstände. Die heutige Gemeindeverwaltung ist in den Händen von Kaufleuten und wird rein kaufmännisch gehandhabt; die Religion wird rein materiell aufgefaßt uud wie ein Geschäft behandelt. *) Je wohlfeiler die „Bedienung" (Beamten), je größer die Jntraden der Gemeinde-Institutionen: Schule, Trauung rc. a) desto größer der Gewinnantheil, desto geringer die Cultussteuer. Nur die materiellen Interessen der Gemeinde werden gewahrt, dagegen auch die Interessen der Religion nach innen und außen zu heben, liegt dem religiösen Jndifferentismus unserer Zeit zu fern. Dadurch unterblieb denn auch der Protest gegen die diesjährige Sedanfeier. Man mißdeute uns nicht: Wir Protestiren hier nicht gegen die Sedanfeier an sich, sondern gegen deren Verlegung auf den Sabbath, um die Heiligkeit des Sonntags zu schonen. Wir könnten zwar gegen die Sedanfeier von den religiösen Vorschriften Elnwand erheben: „Du sollst dich nicht freuen über den Fall und die Niederlage deines Nächsten"; „du soll dich nicht rächen und keine Nachegedanken hegen in deinem Herzen"/) und dennoch behaupten, daß unser Patriotismus nicht geringer ist, als derjenige der Anderen. Aber davon reden wir heute nicht. Ja wir Juden freuen uns des Sedansieges aus einem ganz besondern Grunde, denn nicht blos der deutsch-, sondern auch der judenfeindliche Ultramontanismus und Papismus ist an diesem Tage bekämpft und niedergeschlagen worden. Doch davon ein anderes Mal. Am 2. September. Dr. R. *) Auch hier scheint der geehrte Herr Corr. gekommen zusein. Wenn die Vorstände, die obendreindoch nicht überall nur aus Ge» schäftsleuten bestehen, bei ihrem Amte kein religiöses Interesse hätten, so würden sie vorab sür die immer mit Mühe, Zeitaufwand manchem Verdruß rc. verbundenen Aemtern danken! (3teb.) i) Dies trifft nur an den wenigen Orten zu, wo die Gemeinde dle Gebühren für sich einzieht. Hier in Stettin ist sogar das Religionsschulgeld neuerdings ganz aufgehoben. (Red.) ') Als Siegesfeier haben wir den Sedantag nie aufgefaßt und wurden ihn um keinen Preis gottesdienstlich in solchem Sinne feiern. Ww erlauben uns auf unsere im vor. Jahrg. des „Pred.-Mag." abge» druckte Predigt zur ersten Sedanfeier zu verweisen. (Red.)