Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 37. (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schon fest, und sie haben auch die Macht; aber werden die Andern von Rom Weggehen, ihre Ansprüche aufgeben? Die Juden haben sich nicht unterworsen und waren materiell ganz ohnmächtig; wie nun, wenn die Anderen sich ein Beispiel an den Juden nehmen? Daran wird sie ihre Feindseligkeit gegen uns vielleicht nicht hindern. Wir conjecturiren nicht über die Frage, ob es in dem Culturkampf immer nur bei Klagen, Parlamentsreden und bissiger Zeitungspolemik bleiben wird. Wir wissen darüber nichts, prophezeien nichts; aber wir halten es doch für thöricht, diese Frage ohne Weiteres zu bejahen. Denn soviel steht durch das Beispiel der Juden fest, und ist auch anderweitig kaum bestritten, daß der Besitz der Macht auf der einen, das Bewußtsein der Schwäche auf der andern Seite, weder den Geisterkampf beenden, noch Ruhe und Frieden sichern kann. Wir kommen nach dieser Umschau auf unser e jüdischen Neujahrsgedanken zurück. Es kann uns die Umschau nicht freudig stimmen, aber sie kann die Verehrung gegen unsere Religion in uns festigen. Um das näher darzuiegen, wollen wir uns zunächst nach geschichtlichen Parallelen für die Gegenwart umsehen. Berichte und Correjpondenzen. Deutschland. Stettin, 5. Sept. Im heutigen Literaturblatt (Nr. 36) finde ich eine Anzeige der Broschüre „der alte und der neue Glaube im Judenthum." Es ist selbstverständlich Buchhändler-Annonce, für welche die Redaction nicht verantwortlich ist. fehlt augenblicklich an Zeit und Raum, tun etwas mehr über das Pamphlet zu sagen, aber eine kurze Warnung ist am Platze. Möge Niemand auf die emsig betriebene Reclame „hereinfallen." Das Buch enthält nichts als die abgedroschensten Bachur-Wltze über alle jüdischen Satzungen und Bräuche von der Wiege — oder der Beschneidung — bis zum Grabe und vom Anfang des Jahres bis zu dessen Schlüsse. Wer aber wirklich an Derartigem Gefallen fände, der braucht weder das Buch zu lesen, geschweige denn zu kaufen, da er die Polissonerien überall umsonst hören kann, noch bedarf er jener Spöttereien oder soi-äis-rnt „wissenschaftlichen" Erörterungen, da er über die jüdischen Religionsgesetze ohnehin hinaus sein wird. Breslau, 31. Aug. (Orig.-Corr.) Einen Cyklus von zehn Artikeln hat der „Israelit" richtig gegen die Petition, den jüd. Religionsunterricht betreffend, gebracht Ich kann nicht umhin, die Lectüre derselben den Unterzeichnern der Petition angelegentlich zu empfehlen. Sie werden finden, daß wir gleich nach dem Erscheinen der ersten Artikel richtig geurtheilt haben, wenn wir nach solchem Eingänge nichts der Widerlegung Werthes erwarteten. — Doch nein! die einzige auf Thatsachen beruhende Mittheilung in denselben, hat eine Widerlegung erfordert und auch in einer der letzten Nummern d. Bl. gefunden, die die Hildesheimer Vorgänge betreffend. Wir erwarten, daß der wahrheitsliebende „Israelit" von der dort enthaltenen Berichtigung Notiz nehmen wird. Für unser Urtheil werden wir aber in dem letzten jener zehn Artikel hart mitgenommen. Wir müssen es uns schon gefallen lassen, dafür, daß wir ein Urtheil über diese hochwichtigen Auseinandersetzungen nach den ersten Proben bereits abzugeben gewagt haben, — ex ungue leonem — nach den Pirke Aboth mit dem exitbeton ornans eines titulirt zu werden, von dem eine zutreffende Uebersetzung zu geben, dem Verf. ans Ftegelhafte zu streifen scheint. Nun wohl, wer auf gut deutsch eS vermeidet ein Flegel zu sein, der sollte es auch auf gut Hebräisch sich nicht zu Schulden kommen lassen. Wir vermeiden es daher, dem Vrf. den sicher wohlverdienten Golem*) zurückzugeben, unter dessen Kennzeichen an eben derselben Stelle der Pirke Aboth auch die Eigenschaft figurirt, daß er nicht ,-D*?rD ist, daß er ferner nicht nExn ist. — Seine Leistungsfähigkeit in letzter Beziehung ist geradezu wunderbar. Semen ganzen Stil nach zu urtheilen, ist er im Stande, Geschriebenes mit Verständlich zu lesen. Wie läßt sich aber,, wenn man nicht absichtliche Verdrehung annehmen will, eine fortlaufende Reihe von Mißverständnissen erklären, die sich alle aus ca. eine Druckseite beziehen. Ein Beispiel genüge für viele. Wir haben nach dem Erscheinen der ersten jener Artikel auscinandnrgesetzl, daß es den Petenten nicht einfalle zu glauben, der obligat. Religionsunterricht überhaupt sei ohne principielle Gegner; was wir aber nicht bezweifelten, das sei die Nichtzugehörigkelt des Eultusministers zu jenen Gegnern. Wir fuhren daraus also fort: „anstatt der! vielen wenig hingehörigen Citale (Sand in die Augen des weniger sorgfältigen Lesers!) hätten daher jene Artikel, uni die Alisicht der Petition zu widerlegen, den Nachweis zu führen gehabt, daß die Petenten in ihrer Hypothese sich geirrt haben, das ist aber nicht geschehen," — Ist es wohl denkbar, daß unter diesen Worten etwas Anderes verstanden werde, als: der Vrf. sei den Beweis schuldig geblieben, dafür, daß auch der Cultusminister zu den Gegnern eines obligatorischen Religionsunterrichts gehöre? Nun das Undenkbare im „Israelit" wird's Ereignlß. „Nach mehr als einer Seile hin soll das Irrige der Petitions-Hypothese" in den folgenden Artikeln nachgewiesen worden sein. Wer's glaubt, — abonnirt auf den „Israelit". Wir haben eine Erwähnung des Eullusimnisters nicht weiter gesunden, als in einer ihm von dem Verf. jener Artikel in den Mund gelegten — allerdings recht ausführlichen — ablehnenden Antwort, die derselbe sicher nicht als Beweis hat angeden wollen. — Noch mehr. Wir nannten in den oben angeführten Sätzen den nichtsbeweisenden Eitalenschatz unseres Gegners in Parantyesen „Sand in oie Augen des weniger sorgsamen Lesers." Was macht unser sorgsam lesender Gegner daraus? Mit einer an Hexerei grenzenden Geschwindigkeit wird das Wörtchen „die" in „den" verwandelt, und dadurch ein Sinn geschaffen, der für die Replik bequemer ist. Nach der ursprünglichen Lesart wurde in Paranthese, als Zweck jener Citale die ziemlich volksthümliche Bezeichnung „Sand in die Augen" angegeben, und hinzugefugt, daß dieser Sand nur bei minder sorgfälttgen Leiern leluen Dienst leiste; ein sorgfältiger erkennt sie aber als „Sand" und würde sich nicht gefallen lassen, sich dieselben in die Augen streuen zu taffen. — Dre kleine Veränderung aber, giebt dem Ding ein ganz anderes Aussehen. Jetzt kann mein Gegner betonen, daß er sich darum nicht kümmere, was seine Citale in den Augen minder sorgfältiger Leser gelten; sie seien aber für die Augen sorgfältigerer Leser berechnet, u. s. w., u. s. w. *) Wir wollen uns weder bei den sonstigen Mlßverständnlffen, noch bei den behaglich breiten Ausemanbersetzungen des „Israeliten" länger aufhalten; wir wiederholen, wir empfehlen ihre Lektüre in der Ablicht, dieselben dadurch am Besten davon zu überzeugen, wie wenig Sachlich-Begründetes gegen die Petition vorgebracht werden kann. Das Eine constaüren wir schließlich mit Genugthuung, daß von den leitenden „preußischen" Blättern aller Richtungen (der „Israelit" erscheint in Mainz) der Petition mit dem richtigen Verständniß entgegengekommen worden ist. E. Aus Mitteldeutschland, 2. September. (Or.-Corr.) Der Mainzer „Israelit" hat wohl noch selten einen augen- * Mit Golem bezeichnet man bekanntlich einen aus Lehm geformten Mann, daher dann: ein massiver, grober Mensch. ') Rach derselben Methode der „Mißverstänomsse" muß sich Dr. Joel hier in demselben gegen mich gerichteten Artikel als Seitenhieb die Beschuldigung gefallen lassen, er läugne, daß der Talmud das srttengesetz der Juden sei. Nun hat Dr. I. in seinem Gutachten von diesem ist osfenvar die Rede — für Christen (für Kenner des Talmud ist das ja unnötig) auseinandergesetzt, der Talmud enthalte nicht das Slttengesetz als System, sondern nur Sittensprüche u. s. w. —■ Aber das schützt vor „Mißverständnissen" nicht.