Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 35. (29.8.1877)
- Date
- 1877-08-29
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 276 tur und ein dieselbe fördernder gewesen, und auch in Gegenwart und Zukunft, weil humanitär-ideale Ziele für die Gesammtheit anstrebend, der jüd. Kampf um's Dasein ein „Culturkampf" sein und bleiben dürfte. Darmstadt, 15. August. Die Vorstände der israelitischen Religionsgemeinden zu Darmstadt, Alzey, Bingen, Friedberg und Mainz haben in Betreff des von der großherzoglichen Regierung den Ständen vorgelegten Gesetzentwurfes „über den Austritt aus der israelitischen Religionsgemeinde" eine Vorstellung an die zweite Kammer gerichtet und den einzelnen Landtagsabgeordneten Abschrift zugesendet. Die Petenten wenden sich hauptsächlich gegen die Bestimmung, wonach der Austritt aus einer israelitischen Religionsgemeinde ohne gleichzeitigen Austritt aus der Religionsgemeinschaft eine bürgerliche Wirkung haben, d. h. die Austretenden von der Beitragspflicht zu den Cultuskosten der betreffenden Religions- Gemeinde theils ganz, theils nach einigen Jahren entbinden soll, während bei den christlichen Kirchen die gleiche Handlung keine bürgerliche Wirkung habe, und die aus der Gemeiude Austretenden nach wie vor zu den Kosten der allgemeinen Kirchengemeinschaft beizutragen verpflichtet bleiben. Die Vorstellung giebt der Befürchtung Raum, daß die genannte Bestimmung, wenn sie Gesetzes-Kraft erlangen sollte, die Existenz mancher israelitischen Gemeinde, welche schwere finanzielle Verpflichlungeu für den Bau von Synagogen, Gehälter und Pensionen rc. übernommen, sehr in Frage stelle. Insbesondere werden die Verhältnisse in Darmstadt als sehr gefährdet geschildert, da dort die Beiträge zu den Cultus-Kosten schon jetzt sehr bedeutend seien, eine bei Zustandekommen des Gesetzes aber in Aussicht stehender Austritt von etwa einem Dritttheil der Gemeinde die Verpflichtung der Zurückbleibenden auf eine unerschwingliche Höhe bringen würde. Die Kammer wird deshalb um Ablehnung der genannten, nur die Israeliten betreffenden Ausnahms-Bestimmungen ersucht, event. um die Verlängerung der Haftbarkeit der Austrelenden in Betreff der vor ihrer Austritts-Anzeige gegenüber dritten Personen contrahirten Schulden gebeten. (Voss. Zeit.) Oesterreich. Lemberg. Vor mehreren Wochen lief durch die Blätter eine Geschichte von einem Mädchen, welches mit Seiltänzer» oder dergl. umherziehend, von den Juden des betreffenden Ortes als ein jüdisches, Juden geraubtes, reclamirt worden sei, weil es jüdisch aussah und einige Worte jüdisch sprach. Das Kind aber habe nicht mit den Juden gehen wollen, und so hätten diese, sowie die praetendirten Eltern abziehen müssen. Die Geschichte war in spöttelnder Weise erzählt. Dem Verein „Schomer Jssrael" ist nun ein ausführlicher Bericht aus Zloczow zugegaugen, den wir wörtlich mittheilen. Die Sache ist damit noch nicht aufgeklärt, aber soviel ist gewiß, daß es sich um herzzerreißeuden Elternschmerz handelt. Derselbe kann diesmal eine falsche Spur verfolgen. Als indeffen s. Z. Anna Böckler gesucht wurde, da hat der Vater manche falsche Spur verfolgt, Gensdarmen und Staatsanwälte haben manchen vergeblich in Untersuchung gezogen — niemand ist jedoch so roh gewesen, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Diesmal handelt es sich nur um galizische Juden, . da läßt manche Zeitung sich herbei, die Geschichte in heiterem Tone zu erzählen. „Im Städtchen Uhnow, Bezirk Rawa Ruska, ist den Eheleuten David und Brane Katz, während einer daselbst am 14. August 1875 ausgebrochenen Feuersbrunst, eines ihrer Kinder, Namens „Beile Hinde" (im Mai 1872 geboren) verloren worden, was damals durch den Nachbar Moses Garfunkel constatirt wurde, der selbst dieses Kind auf den Händen auf den außerhalb der Stadt für noch mehrere Kinder gewählten Zufluchtsort trug, und solches nur von dortaus in Verlust gerathen ist. „Die betrübten Eltern versäumten keine Zeit, scheusten weder Mühe noch Kosten, ihr schönes, gescheidtes, auf räthselhafte Weise abhanden gekommenes Kind nach allen Richtungen zu suchen, und waren rastlos bestrebt, Spuren desselben aufzufinden, allein alles blieb vergebens. „Im Frühjahre a. c. zog längs der Brovy-Zloczower Gegend ein Panoramabesitzer herum, Namens Johann Stindl, in deffen Begleitung sich eine Frau, 2 Diener und ein circa 5 Jahre altes Mädchen befanden. Während deren Aufenthalt in Lopatyn nächst Brody, machte es sich ruchbar, daß das bei Stindl befindliche Mädchen ein jüdisches sei, da selbes unter jüdischen Kindern spielend, sich des jüdischen Jargons bediente, ja sogar äußerte, daß es jüdische Eltern irgendwo habe und was am auffallendsten ist, das Mädchen zitirte manches vom hebr. Morgengebete rttltt. Dieses erregte die Gemüther unserer dortigen Glaubensgenossen und gab ihnen Anlaß, Stindl auf friedliche Art bei der Gensdarmerie deswegen anzuhalten, doch wußte er sich mit vorgezeigtem Geburts¬ und Taufscheine eines Kindes zu legitimiren. Sicherem Vernehmen nach, soll Stindl in Lopatyn den dortigen k. k. Gensdarmerie-Postenführer und einer Frau Agniszka Buczynska unter anderm vertraulich gesagt haben, daß dieses Mädchen ein jüdisches sei, und erkaufte er sich es um 300 fl. zur Pflegetochter, was er auch während seiner Anwesenheit in Sokoluwka dem dortigen Privatlehrer, Namens Chuwin, gesagt haben soll. „Von dort wanderte Stindl u. Eons, nach den benachbarten Ortschaften: Cholojow, Sokolowka, Olesko und Sassow, allwo dieses Kind die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, und überall den Glauben weckte, daß dieses Mädchen ein jüdisches sei, daher auf illegalem Wege irgend jüd. Eitern entführt worden sein müßte. „Glaubwürdigen Berichten gemäß, soll Stindl in manchen der obbenannten Ortschaften dieses arme Kind aufs Brutalste gemißhandelt haben, damit es mit jüd. Kindern nicht verkehre, jagte demselben Furcht vor den Juden ein und verbot ihm aufs Strengste, jüdisch zu sprechen. Ferner wird von sicherer Quelle behauptet, daß Stindl dieses bedauernswerthe Kind an seinem Budehunde festband, während dem er das jammernde Mädchen mit derben Schlägen tractirte, damit es sich seinen inquisitorischen Anordnungen füge. „In Olesko hat die Sache einen weit ernsteren Charakter artgenommen, so daß es vor Gericht kam; da aber dort weder Eltern noch Anverwandte zugegen waren, die sich des Kindes annehmen würden, so ist von Seiten des k. k. Oleskoer Gerichtes auf Grundlage des präsentirten Geburts- und Taufscheines, kurzweg zu Gunsten Stindels entschieden worden. Diese seltsame Affaire drang bald auch nach Uhnow zu Ohren der noch immer trauernden Familie Katz, woher sich Vater und Großvater rasch auf den Weg machten, um das Kind aufzusuchen. In Saffow angelangt, informirten sie sich über den wahren Sachverhalt, und mittelst üblicher Entree- Bezahlung gewannen sie auf ruhige Art den Einlaß in die Stindl'sche Schaubude. Ins Innere der Panoramabude gelangt und das darin befindliche Mädchen erblickend, glaubte der Vater in diesem Mädchen sein vor 2 Jahren verlorenes Kind zu erkennen. Als sein Flehen und Bitten, ihm sein Kind gütlich zurückzugeben fruchtlos blieb, nahmen D. Katz und sein alter Vater ihre Zuflucht zur hiesigen k. k. Bezirkshauptmannschaft in der zuversichtlichen Hoffnung, da Beistand und Abhilfe zu finden. Wohlselbe ließ Stindl hierher kommen, und ließ, um möglichen Exessen vorzubeugen, das Kind dem hiesigen k. k. Gensdarmerie-Wachtmeister übergeben. Die politische Behörde veranlaßte die gegenseitige Einvernahme der Partheien, wobei Stindl zum Protokolle dictirte, daß er kinderlos sei und daß ihm seine Adoptivschwester Anna Kopecka (eben Panorama-Besitzerin) dieses Kind, welches sie in Grodek von einem Liebhaber P. unehelich geboren hätte, zur Pflegetochter vor 9 Monaten gegeben habe. Diese angebliche Mutter wurde hierher beschieden, auch David Katz brachte seine sämmtliche Familie, darunter diesem Kinde frappant ähnliche Geschwister und nöthige Documente mit sich, und die hiesige politische Behörde begann die Verhandlung einzuleiten, jedoch war dieselbe ohne Erfolg für David Katz, der sich darauf an