Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 35. (29.8.1877)
- Date
- 1877-08-29
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 275 — besondern Rabbinern. So viele hat ganz Preußen nicht. Indessen hat der beschränkte Wahlmodus noch auf andre Weise die Trennung gefördert, doch davon weiter unten. Wer bezeichnet die einigen wenigen Personen, die bei der Vorstandswahl mitzuwirken haben? Der Kreisrath oder dessen Stellvertreter, der B ü r g e r m e i st er. Kennen aber diese Herren das Judenthum, seine geschichtliche Entwickelung, seine verschiedenen Anschauungen und Richtungen und die von demselben bedingt werdenden gemeindlichen Bedürfnisse und Bestrebungen? Niemand wird im Ernste diese Frage bejahen wollen. Hieraus folgt aber, daß auch beim besten Willen Mißgriffe unausbleiblich sind, die der Gemeinde nicht zum Vortheile gereichen. Wenn der Vorstand einer isr. Gemeinde weiter nichts wäre als ein Verwalter des Gemeindevermögens, so ließe sich allenfalls sagen: Der Kreisrath wählt rechtliche Männer, die Kenntnisse im Verwalten des Finanzwesens besitzen, und die nun selbst in den Vorstand gelangen oder ihrerseits Mitwirken, daß solche gewählt werden, die dieselben guten Eigenschaften besitzen, die sie auszeichnen. (Schluß dies. Art. in nächster Nr.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Die „Vosi. Zeit." kommt wiederholt auf den in vor. 'Nr. mitgetheilten Beschluß des hies. Magistrats zurück. Sie schreibt: „Der badische Oberschulrath hat vor Kurzem an die Gymnasialdirectionen, die Vorstände höherer Bürger¬ und höherer Töchterschulen, sowie an die Kreisschulvisitatoren eine Verfügung erlassen, in welcher vorgeschrieben wird, es sei bei Festsetzung der Stundenpläne auf die israelitischen Schüler in der Weise Rücksicht zu nehmen, daß, soweit thunlich, der christliche Religionsunterricht auf Sonnabend und auf die Zeit des israelitischen Gottesvienstes gelegt und auf diesen Tag solche Unterrichtsgegenstände angesetzt werden, bei welchen keine Arbeiten Vorkommen, an denen israelit. Schüler nicht theilnehmen können. Die evangelisch-orthodoxen und ultramontanen Blätter fallen in gleicher Weise über diese Verfügung her und loben dagegen das Verhalten des Magdeburger Magistrats iu der Schulfrage, wovon wir neulich ein Pröbchen mittheilten. Auch wir ftnden einen Gegensatz in der Anschauung der höchsten Schulbehörde des Großherzogthums und der städtischen Behörden Magdeburgs, aber unser Urtheil fällt nicht zu Gunsten der letzteren aus." Daß ein Blatt von der Bedeutung der „Vosi. Zeit." den Standpunkt des hies. Magistrats so energisch verurtheilt, ist um so wohlthuender, als die hier erscheinenden Zeitungen kein Wort noch so leisen Tadels wagen, ja durch ihr Schweigen jenen mittelalterlichen Standpunkt zu billigen scheinen. Leipzig, 22. August. Der Ausschuß des deutsch-israel. Gemeindebundes erläßt die nachfolgende „Einladung zu einem außerordentlichen Gemeindetagöj". „Nach dem Hinscheiden des Vorsitzenden des deutsch-israelitischen Gemeindebuudes, Herrn Stadtrath Moritz Kohner, hat sich dem Unterzeichneten Ausschuß die Frage aufgedrängt, in welcher Weise der Fortbestand des Bundes gesichert werden solle. Berathungen der hiesigen Ausschußmitglieder im Vereine mit hervorragenden Vertrauensmännern haben zunächst zu der Ueberzeugung geführt, daß zu diesem Zwecke eine Umgestaltung bes Statuts nothwendig sei. Der beifolgende Entwurf*), der von dem Gesammtausschusse eingehend geprüft und genehmigt worden ist, enhält in gesperrter Schrift oder unter der Randbemerkung „Neu" die betreffenden Abänderungsvorschläge, welche noch der Zustimmung des Gemeindelages (§ 15) bedürfen, um in Kraft treten zu können. Zu diesem Behufe soll am Mittwoch, den 19. Septembr a. c., Abends 6 Uhr, in hiesiger Synagoge ein außerordentlicher Gemeindetag abgehalten werden, und fordern wir Sie auf, denselben durch mit schriftlicher Vollmacht versehene Deputirte zu beschicken. Tagesordnung: 1) Bericht über die Lage der Bundesangelegeuheiten; 2) Berathung des neuen Statuts; 3) Berathung über eventuelle Anträge. Zur Vorbesprechung werden die Herren Deputirten für Dienstag, den 18 September, Abends 7 Ulr, event. Mittwoch, den 19, Mittags 2 Uhr, in die Prioatwohnung des Unterzeichneten Ausschußmitgliedes, Herrn Jacob Nachod, Lessingftraße 2. 1. Etage höflichst eingeladen. Leipzig, 21. August 1877. Der Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes. Für denselben: Jacob Nachod. Alexander Werthauer. B. Jacobsohn, Schriftführer. F. M. Leipzig (Lesefrüchte). In einer Necension der unlängst erschienenen russophilen Flugschrift „die Türkei im Kampfe mit Rußland" von F. v. Hellwald, worin Verf. aus Gründen der Ethnologie entschieden Partei ergreift gegen das Osmanenthum, bemerkt der Recensent der „Augsb. Allg. Ztg." Beilage Nr. 216 v. 4. August u. A.: „Wir gestehen, daß Hrn. v. Hellwald's Schlußworte, Europa gehöre den Europäern, Europa's Boden stoße alles Nichtarische von sich, uns den Eindruck eines jener geflügelten Worte macht, durch welche sich unsere Zeit leider nur zu leicht imponiren läßt! Bieten doch die Juden das Beispiel eines gewiß nichtarischen Elements, das, bis zu den letzten Decennien mit Ariern unvermischt und des fremden Ursprungs sich innerlich bewußt, im arischen Welttheile sich seit dem Beginn unserer Zeitrechnung behauptet und geradezu unaustilgbar erwiesen hat. . . . Vielmehr halten wir, bis zum erbrachten Beweise des Gegegentheils, Islam und Christenthum für zwei gegen einander ziemlich machtlose Religionssysteme; ja wo zwischen beiden Massenübertritte in der Geschichte vorgekommen sind, geschahen sie viel eher vom Christenthum zum Islam als in umgekehrter Richtung. Die Ausrottung der Mohammedaner hat sich von jeher leichter als ihre Bekehrung erwiesen. L’ Islam meurt, mais ne s e rends pas! . . . . Aus dem kranken Mann des Kaisers Nicolaus war für Hrn. H. ein faulender Cadaver geworden! Nach den wuchtigen Schlägen jedoch, die der angebliche Leichnam noch austheilt, möchte man unserm Autor mit dem alten Komiker zurufenj: Les gens que vous tuez se trouvent assex bien!“ — — In der Novelle „zur Ehre Gottes" von Sacher- Masoch, läßt Autor einen christlichen Chirurg dem judenfeindlichen Bürgermeister Melnik folgende Antwort geben: „Respekt sollt ihr haben vor den Juden, Respekt sage ich Euch! Seht Euch in der ganzen Welt um und zeigt mir ein Volk, das Alles überdauert bat, Revolutionen der Natur, Kriege, Seuchen, Völkerwanderungen, Verwüstung, Noth, Verfolgung, wie dieses Volk, das sich zu einem wichtigen Glieds, was sage ich, zu einem unentbehrlichen Organe unseres Staatskörpers, unserer Gesellschaft gemacht hat, trotz aller Hindernisse, nur durch eigene Kraft und Zähigkeit, durch seinen unermüdlichen Geist, seinen Fleiß, seine rastlose Thätigkeit. Geht mir! Respect vor den Juden!" — — Recht interessant fand ich die „zwei Vorträge zur Förderung der Humanität" von Landrabbiner Dr. Adler*) weil sie inhaltlich etwas mehr bieten, als die üblichen Reden, und auch formell durch eine schlichte phrasenfreie Sprache den Leser befriedigen. Der erste Vortrag behandelt in Parallele den Pessimismus des Göthe'schen „Faust" neben dem Optimismus des Buches Hiob, und zeigt den Vorzug des letztern als Trägers der Humanitätsidee, die im Judenthum verkörpert ist. Der zweite Vortrag führt schlagend den Beweis durch, daß der jüdische Kampf um das Dasein während des Mittelalters nur im Dienst der wahren Cul- 9 Auf den in einer späteren Nr. zurückzukommen sein wird. Red. h) Kassel, bei Gustav Klaunig. 48 S. 1876.