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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-08-22 · N° 34. (22.8.1877) · p. Seite 268

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 34. (22.8.1877)
Date
1877-08-22
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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Berlin will mehr die Predigt entbehren und an den Jomim nauroim erst recht nicht! Breslau, im August. (Or.-Corr.) Der „Israelit" hat in einem der späteren Artikel, die er der Bekämpfung der Petition um Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts widmet, auf das Verhalten des Landrabbiners Dr. Guttmann (Hildesheim) Bezug genommen und demselben, weil er den Anschluß seiner Gemeinde an die Petition bekämpft hat, eine Gegnerschaft gegen den obligatorischen Charakter des Religionsunterrichts überhaupt und gegen die Breslauer Petition ins Besondere imputirt. Die Lobeserhebungen, die ihm dieses sein angebliches Verhalten von Seiten des „Jsraelits" eintragen hat, sind aber in diesem Falle sicherlich verschwendet. Herr Landrabbiner Dr. Guttmann ist nämlich so weit davon entfernt, ein Gegner des obligatorischen Religionsunterrichts zu sein, daß er in dem Vorgang, auf welchen der „Israelit" sich bezieht, vielmehr auf's Wärmste für denselben eingetreten ist. Die Verhältnisie in der Provinz Hannover liegen eben, wie in mancher anderen Beziehung, so auch in dieser ganz anders, als in den altpreußischen Provinzen. Die Provinz Hannover besitzt den obligatorischen jüd.Religionsunterricht eben schon seit langer Zeit, dort ist er gesetzliche Institution, was Herrn Lehmann als einem geborenen Hanoveraner nicht unbekannt sein sollte. Den Gemeinden der Provinz Hannover und speciell der Gemeinde Hildesheim, in welcher der obligatorische Charakter des Religionsunterrichts mit solcher Strenge durchgeführt wurde, daß auch nicht ein einziges schulpflichtiges Kind die Religionsschule nicht besucht, würde daher die Gewährung der Petition auch keinen Vortheil bringen. Im Gegentheil, wenn an den Lehranstalten obligatorischer jüdischer Religionsunterricht eingeführt würde und dadurch der Schu lzw a ng für die Religionsschule in Fortfall käme, so würde dort allerdings der Nachtheil entstehen, daß an Stelle eines obligatorischen Religionsunterrichts von 6—7 Stunden in der Woche ein solcher von nur 2 Stunden träte. Diese Erwägungen haben wohl den Nichtanschluß der Gemeinde Hannover und das Verhalten des Landrabbiners Dr. Guttmann veranlaßt. Derselbe ist mithin kein Gegner des obligatorischen Religionsunterrichts; sondern, er will sich umgekehrt, weil er speciell bereits viel mehr besitzt, mit dem Wenigeren an obligatorischem Religionsunterricht, was ihm die Gewährung der Petition bringen würde, nicht begnügen. Das war mithin ein Windmühlenkampf! Pr. Oldendorf, 10. August. (Or.-Corr.) Die Ausfälle des Lehrer Spanier gegen Düh ring in Nr .32 dies. Bl. sind ungerechtfertigt. Aus der in Bezug genommenen Schrift — und es ist die einzige von D., die der erste Correspondent kannte — läßt sich eine Abneigung gegen die Juden gar nicht folgern. Läßt sich diese aber auch Nachweisen (z. B. durch Curs. d. Philosophie S. 392 ff.), so ist D. dennoch kein Vorwurf daraus zu machen, denn seine Angriffe ruhen auf wissenschaftlicher Basis, gehen hervor aus wiffenschaftlicher Ueberzeugung und sind himmelweit verschieden von den Hephep-Rufen der Judenfresser. D. ist ein energischer Mann und eifert für das als wahr Erkannte, daher erklärt sich's, daß das objectiv Gehaltene unter seiner Feder leicht eine subjective Färbung anzunehmen scheint. D. greift die Gebrechen der Gesellschaft an, wo er sie sindet, er irrt allerdings oft; aber sollte es im Judenthum denn gar keine der Besserung dringend bedürftige Elemente geben? Dieser verkehrten Ansicht scheint bei der gänzlichen Unkenntniß der andern Dühring'schen Schriften, außer der von ihm in Bezug genommenen, der erste Correspondent zu sein, denn sonst hätte er nicht das Judenthum die Rolle des Noli me tangere spielen lassen. Die Gesinnung D.'s gegenüber den gehässigen Bemerkungen des ersten Corresp. zu vertheidigen, ist nicht nothwendig, da D., arm und blind, von einer beispiellosen Begabung und einer eminenten Schärfe des Geistes seine glänzende Zukunft für das einmal als wahr Erkannte geopfert hat. Besäßen alle Gelehrten gleiche Talente und den gleichen opferfreudigen Muth, so stände es bester um die Wiffenschaft, um die Menschheit! a. N. Nachwort. Vorstehender Artikel ist uns zur Veröffentlichung eingesendet worden. Der Verfaffer ist Christ. Herr Spanier, der von dem Inhalt Kenntniß genommen hat, stellt eine Entgegnung in Aussicht. Wir glauben indessen, daß unser Blatt kaum der rechte Ort für eine längere Diskussion über den in den letzten Wochen so viel genannten Herrn Dühring sein würde. Seine Anhänger, Vertheidiger und Verehrer haben zu seinen Gunsten Staub genug aufgewirbelt, bezw. Reclame genug gemacht; es ist nicht nöthig, daß auch ein Spezialblatt noch dazu benutzt und Dühring's Judenfeindlichkeit dabei zu seinen Gunsten verwendet oder gewendet werde. Man hat ihm gegenüber einen schwierigen Standpunkt. Er ist geist- und kenntnißreich und dabei dop- ) pelt und dreifach unglücklich. Wer gewinnt es da so leicht über sich, hart zu urtheilen oder zu verurtheilen! Er trägt sein Unglück nicht mit wahrer Würde, nicht zu sittlicher Veredelung, er ist dadurch erbittert und verbissen. Doch das lassen wir ganz auf sich beruhen. Daß D. nicht in der Weise des gewöhnlichen Pöbels, des schwieligen oder Glacäs tragenden, gegen Juden schreibt, dafür bedanken wir uns bei ihm nicht. Wie wenig aber seine betreffenden Auslastungen auf „Wissenschaftlichkeit" den allerentferntesten Anspruch machen können, das geht aus den in Nr. 31 gegebenen Proben genügend hervor. Es genügen da nämlich allerdings einzelne Ausdrücke, als Charakteristik, es ist nicht nöthig, die ganze Schriftstellerei eineö Mannes in Betrachtung zu nehmen. Wer von „jüdischen Literaten" und „jüdischem Element" spricht, in der klar liegenden Absicht und Meinung, die betreffenden Personen durch diese Bezeichnung verächtlich gemacht zu haben, der hat sich für uns vollständig ausgewiesen, wir brauchen von ihm weiter nichts (in dieser Beziehung) zu wiffen. Wer aber mehr von D. weiß, der wird höchstwahrscheinlich berichten können, daß ihm einmal ein Jude „in die Quere gekommen", seine Carriere gekreuzt, ihn beleidigt, seine geistige Größe angezweifelt, ihm nicht geborgt oder ihn gemahnt hat oder drgl. m. Das ist nämlich in der Regel der eigentliche Grund der Judenfeindlichkeit, die dann verschiedenartige Gewandung anlegt. So ist's, um das hier beiläufig und nachträglich zu erwähnen, jauch mit Dingelstedt gegangen. Der Mann war als junger Lehrer und Literat „cosmopolitisch" und sehr liberal, demnach selbstverständlich auch kein Gegner der damals noch nicht emanzipirten Juden. In Fulda, wohin er strafversetzt war, kam er mit einem Juden in ihm unangenehme pecuniäre Beziehungen, und seitdem war er Judenfeind und ist's geblieben. Allerdings, nachdem der erste Groll in einigen Spottgedichten über Frankfurter „Juden-Nasen" sich Luft gemacht hatte, nicht mehr in grober Form. Aber der Haß bricht immer durch, und in feinem „ Stammbuchblatt" über Mosenthal, in welchem er den einstigen Schüler und Freund hier lobt und rühmt, um in den nächsten Zeilen ihn wieder als Juden zu spötteln, hat Dingelstedt wieder einmal den Pferdefuß gezeigt. Und wer aus den betreffenden Sätzen nicht den Neid herausliest, Neid gegen Mosenthal, der von Talent, Geschick und Glück begünstigt, sich eine behagliche Existenz geschaffen hatte, der — kann nicht lesen. Und nun das Alles in Form eines Nekrologs jvon Freundeshand, Schmutz zwischen Kränzen auf ein frisches Grab gelegt! Wir gestehen, daß wir Gemeineres als den fraglichen Aufsatz selten gelesen haben. Zur näheren Begründung und Erläuterung wollen wir noch eine Vergleichung hinzufügen. Gesetzt, Dingelstedt hätte einmal bei oder nach Tische einen Toast auf Mosenthal ausgebracht und darin ein paar Sätze in jüdelnder Weise gesprochen, so hätte das wohl nicht beleidigt, wäre als harmloser Scherz belacht worden. Aber wenn D. an M. Grabe geredet und dann zur Ergötzung oder Erbauung zwischendurch gejüdelt haben würde —. Nun das ist der Eindruck, den das „Stammbuchblatt" auf uns gemacht hat. Red.

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