Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 32. (8.8.1877)
- Date
- 1877-08-08
- Page
- Seite 254 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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streben einer besseren Franenbildung und eine von dieser abhängigen, den Frauen zu sichernde angenehme Existenz, beruht gewiß auf einer Humanitären Weltanschauung des Vers. Der Ton der Sprache jedoch ähnelt so sehr dem Donnergepolter der socialdemokratischen Organe, daß man mit Widerwillen gegen den Vers, und seine Schrift erfüllt wird. — Seine nur durch Erregtheit zu erklärenden Bemerkungen über Judenthum stehen im diametralen Gegensatz zu der vielgepriesenen Humanität. Indem der Vers, von dem Ballast der auf den Gymnasien getriebenen fremdsprachlichen Studien spricht, äußert er sich so S. 55-„bemi bisher habe ich von der Fähigkeit, die ein als reif entlassener Gymnasiast im Auffassen eines reicher gegliederten, wissenschaftlich gehaltvolleren Stils bekunden wird, keine zu hohe Meinung erlangt, und wie Universitätsprofessoren von großem Renommee, und darunter Philologen, oft genug ein wahres Judendeutsch (das ist doch das von einem Juden geschriebene Deutsch?!) schreiben, das kann der Kenner u. s. w. genugsam beobachten." S. 67. In dem Briefwechsel, den Dühring mit Miß Archer, der Vorsteherin des Berliner Lyceums, worin Dühring Vorträge gehalten, wegen eingetretener Differenzen unterhielt, läßt sich D. also vernehmen: „Von Seiten der jüdis ch en Literatin Hirsch sollen in den letzten Stunden kopfschüttelnde Unmillenskundgebungen in offenbar erkünstelter und auf einen Zweck abzielender Weise ausgegangen sein." Diesem gegenüber halte man die Worte Miß Archer's S. 68. „Um der Wahr-, heit die Ehre zu geben, muß ich noch eines erwähnen. Fräulein Jenny Hirsch gehört zu Ihren Verehrerinnen und spricht mit Begeisterung von Ihren Vorlesungen. Ein für den nächsten Winter von dieser Dame geplanter Vorsatz wird dies bestätigen." Ich bemerke, daß D. Gegenbemerkungen als Beweis für seine aufgestellte Behauptung, wie man das erwarten sollte, nicht zu erbringen vermag. Wo bleibt die Objectivität?? Sein Judenhaß steigert sich. In einer Erwiderung an Miß Archer heißt es: „Ich habe, wie Sie sich erinnern werden, bei unserer ersten Unterredung den Bedenken bezüglich der im Vorstande befindlichen Professoren und des jüdischen Elements (eine dem Dühring zur Ehre gereichende Redensart!!) darin unverholen Ausdruck gegeben." Darauf Miß Archer S. 69: „Das jüdische Element anlangend, so befremdet es mich ungemein, daß Sie bei Ihrer vorurtheilsfreien, ja erleuchteten Denkweise gegen dasselbe eine gewisse Animosität hegen. Ich kann Ihnen versichern, daß Sie hier Ihre größeften Anhänger zählen u. s. w." Darauf erwiderte D. in einer fabelhaften Unverfrorenheit S. 72. „Die jüd. Anhänger betreffend, so habe ich deren auch in der Männerwelt; man fühlt, daß ich Recht habe, und findet sich erst grade durch meine Racenauffassung angezogen. (.) Freilich haben manche dafür nur Instinkt, daß bei mir etwas Brauchbares zu holen und als schriftstelerischer Hausrath zu verwenden sei.-Ich will für Alle gleiche Rechte, aber auch die Emanzipation vom Egoismus." Wie lächerlich klingt gar folgende Wortwäscherei: Uebrigens bin ich so rücksichtsvoll, von so etwas (Dieser Ausdruck ist treffend) nie in Vorträgen zu handeln. Rur (so?) in meinen Systemschriften ist in rein wissenschaftlichem Zusammenhang die Racenfrage berührt." Der Ausdruck „berührt" charakterisirt Dühring vollständig. Wir wollen Dührings Auswürfe mit seinem unsinnig klingenden Satze krönnen. S. 73.: „-Solche persönliche subjective Dienste waren von mir, oder von Jemand (von mir hätte füglich wegbleiben können), der ein gleich selbstständiges und unabhängiges Urtheil hat und es mit der „objectiven" d. h. sachlichen Wahrheit ernst nimmt, natürlich nie zu erwarten." Das ist Dühring, der Lehrer der Wissenschaft! Lehrer Spanier. Bon der Elbe. (Or.-Corr.) Der letzte Monat des jüd. Kalenderjahres naht, und bald ist der alte rnb zu Ende; man sieht sich nach einem neuen um, „denn des Juden Religion ist sein Kalender." Was wäre ein Jude ohne Luach? Er wüßte nicht, welche Sidra es geht, bis wann er Erew Peßach Chomez und Erew Jom kippur überhaupt noch effen darf, wann ' er allsabbathlich Abend die Cigarre wieder anstecken kann und; r vor welchem Feste er Eruw Tawschilin machen muß. O, rin *1 guter jüd. Kalender macht Einen zum halben Lamdan, vor- -- ausgesetzt, daß man das unpunktirte Hebräisch und die einen $ oft zur Verzweiflung bringenden Abbreviaturen lesen und lösen kann. Man weiß dann ganz genau, wann man Jahrzeit hat und i: kann's der Nachbarin auch auf Befragen ausrechnen, man z weiß, welcher Perek und welche Haftara (in zweifelhaften {\ Fällen) gesagt wird, ja — zum großen Aerger des Vorbeters — ' j weiß man aus dem Luach, und zwar viel rascher, als es einem! h der Rabbiner mittheilen kann, wann man kein Tachnun, kein Lamnazeach, kein El erech appajim u. dgl. sagt. u Mit allen diesen schönen Sachen sind jetzt die Luchoth -! — wir meinen nicht die rnmb mit den 10 Geboten, die in H den Synagogen gewöhnlich statt von den Besuchern von 4 einem Paar Löwen oder Adler gehalten werden — sondern j» die kleinen schmucken Büchlein im blauen, grünen oder gelben jf Umschlag, wie sie für Preußen Hr. vr. Poppelauer H in Berlin, (neue Friedrichstr. 61.), für Oesterreich Hr. 4 Jacob W. Pasch eles in Prag und für Fankreich Hr. U L. Blum in Paris (rue de Rosiers 11) erscheinen lassen. 4 Sie haben alle 3 ihre Vorzüge, der Poppelauer'sche durch seine Billigkeit und seine kurzen liter. Notizchen (in deren 4 Auswahl der Herausgeber noch etwas vorsichtiger und weni- 4 ger frelgebig sein könnte), sowie durch Angabe aller irgendwie möglichen synagogalen Dinim und Minhagim, und — ti lehawdil — Jahrmärkte und Messen; — der Pascheles'sche | „illustrirte isr. Volkskalender" (für Deutschland 70 Pf.) hat | einige literarische Beigaben ernsten unb humoristischen Characters (1. Dichtungen und Versionen vom Prof. Kämpf. 2. Skiz- | zen von Rabb. Ehrentheil. 3. Ueber das Wesen der Kabba- ■ ler (Forts.) von Rabb. G. Klempener in Tabor. 4. einen? polit. Rückblick auf das I. 1876 vo n Herausgeber, und 5. s das unvermeidliche „Annecdoten-Füllhorn.)" — Blum's „Ca- -■ lendrier" zeichnet sich durch klare Uebersichtlichkeit aus, er drängt; nicht jeden Monat auf eine Sedez-Seite, sondern theilt ihn auf t zwei, überschüttet auch die Seitenspatien nicht mit allzuviel - Dinim, (wie Hr. Poppelauer), sondern bringt all dergleichen > am Fuße jeder Seite an, wodurch eben das ganze Arrange-; ment an Klarheit gewinnt. Run folgt in französischer Weise i der „Tarif der Mitzwoth" in den verschiedenen Synagogen; j man erfährt daraus, daß z. B. Aus- und Einheben der Thora in der ( rue de la Victoire am Rosch haschana und Jom kippur ä 150 j Frcs. kostet, die Haphtara 100 Fr., eine Trauung in der jj me Notre-Dame je nach der Klaffe 2000, 1000, 500 u. s. f. bis 15 Frcs. Das ausführliche Verzeichniß sämmtlicher Eon- ( sistorien, Vereine, Wohlthätigkeitsanstalten, Schulen,, nebst Angabe der Beamten in allen franz. Gemeinden (Herr Blum! zählt zu letzteren immer noch Straßburg, Colmar, Metz — i wohl nur aus geschäftlichem Interesse) ist eine Beigabe, die s unseren deutschen Kalenderherausgebern als nachahmenswerth empfohlen werden kann. — Daß Albert Cohns Bildniß diesen Jahrgang ziert, ist ein Tribut der Dankbarkeit und Verehrung, 1 der diesem seltenen Manne eben in allen Kreisen gezollt wird. jl Vermischte und neueste Nachrichten. Colberg. Da in Ihrem Blatte die Frage besprochen worden ist, ob auch an königlichen Gymnasien in Preußen israel. Religionsuuterricht ertheilt werde, so bemerke ich Ihnen, daß dies auch am hiesigen königlichen Gymnasium der Fall ist, und daß der Religionslehrer, Rabbiner vr. Goldj! schmid, aus der Gymnasialkaffe eine Remuneration empfängt. L Rawitsch Am 16. Juli starb der vielverdiente Rector f Marcus Cohn. Er fungirte hier seit fast 40 Jahren, anfangs als Lehrer an der jüdischen Stadtschule. 1847 bestand er in Breslau das Rectorats-Examen, mit dem Prädicat „vorzüglicher Qualification" und erhielt von der Regierung j