Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 30. (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 236 — \ I •* / < &• edoch mit jedem Jahre mehren, so ist edlen Menschenfreunden hier Gelegenheit geboten, Gutes zu thun*). Aus Thüringen, 6. Juli. (Or.-Corr. Schluß.**) Durch den stets noch im Zuuehmen begrtffenen Zuzug auswärtiger Israeliten wächst die hiesige Gemeinde (Eisenach) und damit auch zugleich die Zahl der Religionsschüier und die cultuellen Dienstanforderungen innerhalb der Gemeinde in einer Weise, daß sich über kurz oder lang für den sehr tüchtigen jetzigen Cultusbeamten eine Arbeitsüberbürdung Herausstellen wird. Dieses würde die mit verhältnißmäßig schweren Kosten verbundene Anstellung eines zweiten Lehrers nothwendig machen. Würde der Landrabbiner seinen Sitz hier nehmen, so würde derselbe, sowohl aus Interesse für die Sacke, als auch in Rücksicht auf die vermehrten Lebensansprüche des hiesigen Aufenthaltes, sich sicher dazu verstehen, gegen entsprechende Vergütung den Unterricht der Oberklasse der Religionsschule zu übernehmen. Diese Erleichterung des jetzigen Herrn Lehrers würde eine weitere Aushülfe unnöthig machen. So würde einem in Aussicht stehenden Nothstande in bester Weise abgeholfeu und dabei noch eine nicht unbedeutende Geldersparniß erzielt. Bei solcher Sachlage ließ sich doch erwarten, daß der Vorsteher der hiesigen Gemeinde, wenn er in dieser Angelegenheit das Prävenir spielen wollte, dieses sicher darauf gerichtet sein würde, die Verlegung des Sitzes des Landrabbiners hierher möglichst zu befürworten. Weit gefehlt! Er ergriff vietmehr das Wort, um Verwahrung gegen ein solches Vorhaben einzulegen, welche er damit zu begründen suchte, daß — der Frieden der Gemeinde durch das Uebersiedeln des Landrabbiners hierher gestört werden könnte. Es stellt sich nun zwar heraus, daß von Seiten des Landrabbiners noch gar kein Schritt in dieser Hinsicht geschehen sei, obgleich die Gesundheitsverhältniffe seiner Frau ihm diese Ortsoeränderuug wünschenswerth machen, dieser Kampf also ein Windmühlenkampf war. Daß aber die geäußerte Befürchtung alles Anhaltes entbehrt, weiß Jeder hier. Freilich wurde in dieser Angelegenheit von vorne herein so ziemlich in diesem Sinne verfahren. Das Gcoßherzogliche Staatsministerium schien, als es sich um die Wiederbesetzung der Stelle eines Landrabbiners handelte, es als selbstverständlich anzusehen, daß Eisenach der Sitz deffelben werde. Als aber die Gemeinde in Stadtlengsfeld dagegen opponirte und ihr älteres Recht geltend machte, geschah von Seiten des hiesigen Vorstandes nicht das Mindeste, diesem entgegenzutreten. Den Commentar zu einer solchen Vertretung der Gemeindeintereffen möge sich Jeder s elbst machen! Heilbronn. Die neue Synagoge ist Freitag, den 18. v. M., feierlich eingeweiht worden. Aus zwei ausführlichen Berichten der „Neckar-Ztg." theilen wir einige Auszüge mit. Die Abschiedsrede in der alten Synagoge hielt Lehrer Löwenftein, die Weihepredigt in der neuen Rabbiner vr. Engelbert. Die Versammlung war sehr zahlreich, das majestätische Gebäude fand allgemeinen und uugetheilten Beifall, ebenso ward die Feier in allen Theilen als eine sehr gelungene anerkannt. Besonders erfreuliche und auch für den Fernstehenden interessante Momente bot das am Nachmittage abgehaltene Festmahl (worauf dann der Freitag -Abend-Gottesdienst folgte). Die Reihe der Tischreden eröffnete der Rabbiner mit einem Hoch auf den König. Nächster Redner war der Vorsttzende der isr. Oberkircheubehörde, Präsident v. Schmidt. Er wies zunächst darauf hin, wie die isr. Gemeinde, deren erste Anfänge in unserer Stadt kaum zwei Jahrzehnte zurückdatiren, nunmehr ein Gotteshaus errichtet habe, prächtiger als jedes andere in weitem Umkreise, eine Zierde der alten ehrwürdigen Stadt Heilbronn. Man habe ihm die Ehre erwiesen, ihn zur Teilnahme einzuladen, und er dürfe versichern, daß, indem *) Der Ertrag für die treffliche „Festschrift" und die „Gedächtniß- und Festrede" (ä 60 Pf. durch den Verf. Hrn. Inspektor Stern in Seesen zu beziehen) ist diesem Zwecke gewidmet; mögen recht Viele durch diesen kleinen Beitrag die wohlthätige Stiftung unterstützen. (R) **) In vor. Nr. S. 228, Z. 99 v. o. ist st. dermalige z. l. damalige. er dieser Einladung folgte, ganz und gar die Gefühle mitbrachte, welche einem so erfreulichen und hochernsten Ereignisse gebühren. Schon seit 27 Jahren besorge er die israelitischen Angelegenheiten; er habe dabei Erfreuliches und Unerfreuliches erlebt und gar manchmal blieb zu bedauern, daß natürliche Schranken und beschränkte Mittel Hemmnisse bereiteten, immer aber habe Jeder bei Gemeinden und denen, welche es zu werden anstrebten, deren Entschlossenheit und unbegrenzte Opferwilligkeit zu bewundern gehabt. Redner ermahnt mit Hinweis auf das hier gegebene großartige Beispiel von Opfermuth und Entschlossenheit zur ferneren Einigkeit in der Gemeinde, indem Jeder einzelne etwa divergireude religiöse Anschauungen gutwillig zum Opfer bringe und keiner aus irgend welchen Beweggründen dem gemeinsamen Ganzen sich entziehe. Auch Regierungsrath Meurer und Hr. Strauß warfen Rückblicke auf die Entwickelungsgeschichte der jungen Gemeinde, ebenso Hr. Rosenthal auf die Geschichte des Baues in Beziehung auf den Kostenpunkt. Die betreffenden Worte sind sehr bemerkenswerth. „Um die Entstehung der Synagoge, sagte er, haben sich in erster Linie der Oberbürgermeister unserer Stadt und die Stiftungscollegien verdient gemacht, die vom ersten Spatenstich bis zum letzten Pinselzug Beweise ihres Wohlwollens gaben. Es würde zu weit führen, Alles zu sagen, wie sie der Gemeinde mit Rath und That zur Seite standen; nur eines sei erwähnt, eine Angelegenheit, die mit dem Geldpunkt, wo in der Regel die Gemächlichkeit aufhöre, Zusammenhänge. Bekanntlich habe der Voranschlag für die Synagoge 93,000 fl. betragen. Hohe Submissionspreise, fundamentale Schwierigkeiten gaben bald die Ueberzeugung, daß das Gebäude für diese Summe unmöglich auszuführen sei. Alan appellirte an den Opfersinn der Gemeinde, die durch ein weiteres Anlehen von 40,000 fl. entgegen kam. Der fortschreitende Bau überzeugte, daß auch diese Mittel nicht ausreichten. Man habe sich daher vertrauensvoll an die städtischen bürgerlichen Collegien gewandt, die der Bitte durch Verwilligung eines Anlehens von 30,000 fl. entsprachen. Die fortschreitende innere Einrichtung, welche der äußeren entsprechen sollte, ließ leider bald erkennen, daß auch diese Summe nicht genügte. Der Credit nach Außen war jedoch erschöpft, es kamen Tage, von denen man sagen konnte: „wir finden kein Vergnügen daran". Vertrauend auf die alte Erfahrung, daß das Vaterherz nicht müde wird in Fürsorge für die Kinder, wendete sich das Kirchenvorsteheramt nochmals an die Väter der Stadt um 20,000 fl., und auch dieser Bitte wurde entsprochen". Oberbürgermeister Wüst dankte für diese Dankesworte, erkannte an, daß die sociale Gleichstellung der Juden, ebenso wie die rechtliche und bürgerliche, in der Stadt feste Wurzel gefaßt habe, und dankte dagegen im Namen der Stadt, welche mit Recht in dem Neubau der Synagoge eine weitere Zierde und wirkliche neue und erhebliche Sehenswürdigkeit erblicke, auch immer mehr einsehe, daß die erhebliche Zunahme der israelitischen Bevölkerung in mehrfacher Beziehung für sie wohlthätig war und nicht wenig zu ihrem Aufblühen beigetragen habe. Der Vorredner habe auch daran erinnert, welche große Mühe und Sorge der Bau der Synagoge verursacht. Er könne es nicht verhehlen, daß ihn die ganze heutige würdige und erhebende Feier lebhaft an den salomonischen Tempelbau erinnere. Im ersten Buch der Könige und zweiten der Chronika sei zu lesen, wie prachtvoll dieser Bau gewesen, ferner habe auch König Salnmo, wie es schien, ungeduldig dem Ausbau entgegengesehen, und doch habe sein Baumeister volle sieben Jahre gebraucht. Auch über Einhaltung der Kostenvoranschläge sei wenig Tröstliches dort zu lesen, mit Ausnahme der in irgend einem Vers vorkommenden Bemerkung, daß ja das Silber gegenwärtig nicht viel werth sei. Die israelitische Gemeinde habe mit dem Ausbau des Gotteshauses den letzten Schritt gethan, um gleichberechtigt neben die anderen Confessionen zu treten". Endlich erwähnen wir noch Folgendes: Herr Rathsschreiber He yd überraschte die Versammlung mit einer durchaus correcten h ebräi schen Ansprache, die wörtliche Übersetzung lautet: „Männer des Festes, höret meine Worte: Die Aelteften der Stadt