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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-07-25 · N° 30. (25.7.1877) · p. Seite 235

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 30. (25.7.1877)
Date
1877-07-25
Page
Seite 235 (sequence 3)
Language
German
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235 In unserer seit vorigem Jahre vergrößerten und sehr renovirten Synagoge wird der Gottesdienst mit Chorgesang abgehalten. Letzterer war bereits früher eingeführt, hatte sich aber wegen Mangels an Stimmen im Sängerchor von selbst aufgehoben. Seit zwei Jahren aber ist der Chorgesang wieder eingeführt und zwar mit der Modification, daß nicht ein besonderer Chor, sondern die ganze Gemeinde, unterstützt und geleitet von einzelnen tüchtigen Sängern, beim Gottesdienste mitsingt und thütig ist. Diese Art des Chorgesanges dürfte allen den Gemeinden zu empfehlen sein, in denen ein besonderer Chor oft mit großen Opfern und Hindernissen gehalten wird. Oft geräth eine Gemeinde beim Gottesdienste in Verlegenheit, wenn in ihrer Synagoge, wo nur der Cantor und ein eigener, dazu bestimmter Chor thätig sind, und die Gemeindemitglieder sich passiv verhalten, dieser oder jener Chorist fehlt, und dieser oder jener zur Liturgie nöthige Gesang der fehlenden Stimme wegen nicht gesungen werden kann. Meinen Bericht schließe ich mit der Bemerkung, daß ich Sie auf die wieder zu sehr in Blüthe kommende Wanderbettelei aufmerksam zu machen*) mir erlauben möchte. Folgendes Beispiel, vor circa drei Wochen hier vorgekommen, möge meine Behauptung bekräftigen. Aus den hiesigen Wochenmärkten, die den Jahrmärkten anderer Städte gleichen, und auf welchen gewöhnlich ein großes Menschengedränge herrscht, wurden zwei russisch-polnische Reichsschnorrer als Taschendiebe (also wieder eine neue wandernde Spezies) von der Polizei in flagranti abgefaßt, von denen der Eine bereits zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt ist, der Andere in der nächsten Criminalsitzung seiner Strafe harrt. — In hiesiger Gemeinde wird zwar mit aller Energie jener professionirten Wanderbettelei entgegengetreten, aber was vermag eine einzelne Gemeinde, wenn nicht alle Gemeinden solchem Bettelwesen kräftig und nachdrücklich steuern? Breslau, im Juli. Der in Breslau seit ca. 80 Jahren bestehende Verein KobeaIttim l’Thora üerfotgt den doppelten Zweck: bedürftige, jüdische Gelehrte und Institute nach Kräften zu unterstützen und die Mitglieder durch Abhaltung von allsabbathlich stattfindenden exegetisch-homiletischen Vorträgen zu belehren und zu erbauen. Den letzten Zweck erfüllten in den ersteren Jahren des Bestehens des Vereins die Herren: Oberrabb. S. Tiktin und die Rabbinatsassessoren A. Landau, I. L. Feder, die Rabb. Zuckermann, S. Kornfeld sowie der Rabb Bach zu Schildberg u. s. w. Seit 17 Jahren übernahm die Abhaltung von Vorträgen Herr Rabb. vr. P. Neustadt. Die Vorträge waren Anfangs im Beth ha-Midrasch (Fränkel'sches Hospital), jetzt nur im Winter daselbst, im Sommer werden dieselben in der „Synagoge zum Tempel" vor dem Sabbath-Minchah-Gottesdienst 3—4 Uhr abgehalten. Den ersten Zweck suchte der Verein dadurch zu genügen, daß er hiesige jüdische Gelehrte bei unverschuldeter Verarmung und in Krankheitsfällen durch wöchentliche, durchreisende jüdische Gelehrte zum Zweck ihrer Weiterreise durch einmalige Beiträge unterstützte, ferner auch hiesigen wohltätigen Instituten und den Armen, Wittwen und Waisen in der heiligen Stadt Jerusalem Unterstützungen in Form von jährlichen Beiträgen zukommen ließ. Die Mittel des Vereins bestehen aus den monatlichen, 7*=/ Vas und ganzjährlichen Beiträgen, sowie aus Legaten verstorbener Vereinsmitglieder, derer von Vereinswegen während des Sterbejahres sowie an den Jahrzeitstagen durch die üblichen Gebete gedacht wird. Im Winter treten zu den *) Das ist leider nicht nöthig! Vor Allem war in diesem Jahre wieder das Contingent der B a d e-Reisenden stark. — Bad und Nachkur- Bad alles, als ob es gar nicht anders sein dürfte! Da sei denn ein gutes „Wörtchen" angeführt, welches uns neulich in dieser Hinsicht zu Ohren kam. Cs stehet geschrieben: ’D2221 20^ 1£Hp *12 712712 „ w „ * V p2 712221221 *12 1222X21 ♦ 4 4 *7 2 Also alles „Bad" und dann folgt: HD*1 *2 D1V 71X21, »und von den Gemeinden nimmt er." (Red.) Einnahmen des Vereins noch die durch den Gottesdienst eingehenden Mizwothgelder. Im verflossenen Vereinsjahre Tammus 5636/37 gehörten dem Verein 67 Mitglieder an. An Gesammtbeiträgen liefen im verflossenen Jahre 410 Rm. 70 Pf. ein, ferner von den seligen Mitgliedern H e y m a n n Alexander uno Elias Seidenberg 30 resp. 25 Rm. Da der jedesmalige erste Vorsteher des Bstb ha-Midrasch auch der erste Vorsteher des Vereins sein muß, und Herr vr. B. Zucker mann vom Curatorium der Commerzienrath Fränkel'schen Stiftungen zum ersten Vorsteher des Betti ha-Midrasch ernannt wurde, so hat sich dieser, der selbst langjähriges Mitglied des Vereins ist, zur Uebernahme des Vorsitzes bereitwillig erklärt. Hannover, 18. Juli. (Or.-Corr.) Nach vielem Hin- und Herschwanken ist es hoffentlich dem Vorstande der hiesigen Gemeinde gelungen, in der Person des Herrn vr. Prager in Breslau die geeignete Persönlichkeit als Lehrer für die hiesige Neligionsschule gefunden zu haben. Seit Decennien herrschte über das Verhalten der Lehrer hier Unzufriedenheit. Dem einen hielt man seine neologische Richtung und seine Vernachlässigung der Schule vor, ob mit Recht, ist hier nicht der Ort, auseinanderzusetzen. Dem andern konnte man in Betreff seines Eifers für die Schule nichts anhaben—über seinen Leistungen sind schon die Ansichten verschieden — aber sein Verhalten erregte unter dem überwiegendsten Theil der Gemeindemitglieder großen Unwillen, da durch ihn eine Pflanzschule für die Neuorthodoxie entstanden, die hier gern die Vorgänge in Frankfurt nachahmen möchte. Diese Neuorthodoxen bekritteln alle Handlungen unseres verehrten Hrn. Landrabbiners, und thuen alles Mögliche, um seine Autorität, wenn's ginge, zu untergraben; sie zählten ihn zu den weitgehendsten Reformern, weil er — horribile dictu! — den ,"62 und die vor tausend Jahren existirten, kein Mischeberach (im Jekum purkan) machen läßt, sie nannten ihn Gebetbuchsfälscher, weil er — kein li^^b 21,22 betet und was noch fürchterlicher ist, er läßt Bame madlikin vor n22“12 12b sagen. Die Heiligkeit der Synagoge, in der „solche Reformen^)" eingeführt sind, wird von Jenen nicht anerkannt. Der Eine will dieselbe nicht betreten, verbietet seiner Frau, die so gern in die Synagoge gehen möchte, dieselbe zu besuchen, sein Sohn ist nicht zu bewegen, hineinzugehn, um darin die Keduscha zu sagen, Andere, welche durch die Umstände sich genöthigt sehen, wenigstens an Sabbath¬ und Festtagen dieselbe zu besuchen, rächen sich, indem sie trotz Schulchan-Aruch und Synagogenordnung während des Betens miteinander plaudern, um zu erkennen zu geben, daß diese Synagoge für sie der Heiligkeit entbehre. Solche Strebungen — selbst vereinzelt — hatte man in unserer friedliebenden Gemeinde nie gekannt, man hofft auch, daß sie hier nicht weiter genährt werden, da, wie wir hören, der künftige Lehrer bisher in einer Gemeinde fungirte, wo ebenfalls „solche Reformen" eingeführt sind. Seesen. (Schluß) Der zweite besonders hervorhebenswerthe Punkt betrifft die „Johanna-Stiftung", zum Andenken an die vor zwei Jahren verstorbene Ehefrau des Hrn. Stern auf Anregung einiger früheren Zöglinge ins Leben gerufen. So lange der Stifter seine Anstalt selbst verwaltete, unterstützte er die abgegangenen Zöglinge während ihrer Lehrzeit aus eigenen Mitteln. Da jedoch nach dem Rücktritt des Stifters von der Verwaltung dem Waisenhausfond die Mittel zu einer weiteren Unterstützung der abgegangenen Zöglinge fehlten, eine solche aber als dringend nothwendig anerkannt wurde, so ist durch die Johannastiftung ein solcher Stipendienfonds begründet worden. Derselbe erhält sich aus jährlichen Beiträgen von früheren Zöglingen und sonstigen Freunden der Anstalt. Der jetzige Stand der Stiftung ist folgender: An Capital 2602,64 Mk.; an Einnahmen: a) durch Zinsen 106,84 Mk., b) durch jährliche Beiträge 170 Mk. Bis jetzt sind aus dem Fonds 4 Zöglinge unterstützt worden. Da die Ansprüche sich

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