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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-07-18 · N° 29. (18.7.1877) · p. Seite 230

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 29. (18.7.1877)
Date
1877-07-18
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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im Geringsten hierüber erkundigt zu haben! Herr Dr. Lehmann war sogleich bereit, diese Correspondenz — wie jener Rabbi jetzt ausdrücklich behauptet: gegen dessen Willen — in seinem „Israelit" zu veröffentlichen und brachte hierdurch eine Verwirrung in dem Gemüth wahrhaft orthodoxer Kurfremden hervor, weshalb ich mich veranlaßt sah, die betreffende grundlose Verleumdung am verwichenen Sabbath bei voller Synagoge von der Kanzel aus nach Gebühr zu geißeln und zugleich folgende Rep lik zu veröffentlichen, welche auch die „Israelitische Wochenschrift" gefälligst verbreiten wolle! „Auf das sonderbare Schreiben des russischen Rabbi S. Mohilewer an den Redacteur des „Israelit" in Mainz erwidert das hiesige Vezirksrabbinat, daß die hiesigen Schochtim jedes Jahr vor der Kurzeit approbirt werden und unter denselben der Netteste ca. 40 Jahre fungirt und sonst kein Gewerbe treibt; daß ferner auch der hiesige Religionslehrer und Synagogenvorbeter als Schochet geprüft ist und nöthigenfalls schlachten darf; daß endlich nicht nur in sämmtlichen jüdischen Speisehäusern, sondern auch bei allen hierwohnenden ca. 40 israelitischen Familien die Speisen rituell „koscher" zubereitet werden, worüber gar kein Zweifel obwaltet! — Es ist daher mehr als Anmaßung, es ist Verleumdung (s. Talmud B. Tractat Arachin 15) von einem fremden Manne, welcher sich nicht einmal vorher beim Bezirksrabbinat hierüber irgendwie eine Erkundigung eingezogen hatte, und der nicht einmal seinen eigenen Diener und Reffen*) beurtheilen konnte, über die hiesigen ihm ganz unbekannten Verhältnisse zu urtheilen. Dr. B. H och st ä dt er, Bezirksrabbiner. Rumänien. (Protokoll, ausgenommen zu Darabani am 15. Juni 1877 durch die auf Grund des Erlasses des k. und k. Consulats delegirte Commission des k. und k. Vice-ConsulatszuBottuschan über die in Darabani am 3. Juni l. I. stattgefundene Judenhetze.) Am 3. Juni l. I. um D/a Uhr Nachmittags an einem Sonntage, an welchem zugleich in Darabani Wochenmarkt abgehalten wird, und gerade aus sämmtlichen in der Umgegend umliegenden Ortschaften massenhaftes. Bauernvolk anwesend war, kam das sämmtliche Dienstpersonal der in Darbani wohnenden Gutsfrau Smaranda Cimara unter Anführung des herrschaftlichen Gutsverwalters (Grieche) sämmtlich gut bewaffnet, bei 40 an der Zahl aus dem herrschaftlichen Gebäude, welches am Saume des Städtchens liegt, gruppenweise und durch verschiedene Gassen, in die in sehr breite, einem Platze ähnliche Hauptstraße dieses Ortes und fingen an, ohne jewede Veranlaffung hiezu von Seiten der Israeliten, die ihnen unterwegs begegnenden Juden ohne Unterschied des Alters und Geschlechts zu mißhandeln. Eine viertel Stunde später erschien die genannte Gutsfrau, auf ihrem Wagen sitzend, selbst kutschirend und mit einem Revolver in der Hand bewaffnet in Begleitung ihres Schwagers und eines bewaffneten Griechen in Mitte des Städtchens, allwo die ungemein breite Hauptstraße zugleich den Marktplatz bildet. Hier angelangt, rief sie ihr Dienstpersonal zu sich, und um die Sache energischer in's Werk zu setzen, trug sie ihnen speciell auf, zu Simche Hecht, Motel Horowitz und Chaim Nissen (erster österr. Unterthan, letztere beide Localunterthanen) zu gehen und dieselben zu maltraitiren. — Dem Befehle ihrer Herrin nachkommend, wurde, da sich bereits sämmtliche Juden aus instinktmäßiger Furcht vor einem Aufstande in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten und sich verschloffen, die Hausthüre bei Simche Hecht auf gewalsame Weise mit Hacken erbrochen, und da sich Simche Hecht, indem er meinte, es werde blos *) Dieser wurde nämlich (wie in vor. Nr. berichtet ist, Red.) von dem Onkel-Rabbi beauftragt, sein Zimmer mit seinem Schatze (v. c. 8000 Rubel) zu hüten; allein der „fromme" Diener stahl diese Summe selbst und flüchtete damit am Sabbath nach Hamburg. nach ihm gefahndet, versteckte, wurde deffen im Hause anwesende Familie auf die brutalste Weise mißhandelt. — Von da begaben sie sich zu Chaim Nissen, dem Nachbarn des Simche Hecht, woselbst wieder die Thüre auf ewähnte Weise erbrochen und Chaim Riffen, da er als starker Mann sich gegen die Eindriugenden wehrte, derart mißhandelt, daß er ohnmächtig und aus mehreren Wunden auf dem Kopfe und dem übrigen Körper blutend zu Boden sank; und da ihn die Miffethäter für todt meinten, so schleiften sie ihn durch seine Wohnung bis zwischen die erbrochene Hausthüre, woselbst sie ihn ihrer Herrin zeigten und sodann mit dem Oberkörper nach außen zwischen der Thüre liegen ließen. — Von da begaben sie sich, ähnliche Gräuelthaten fortsetzend, zu einem gewissen Moses Lam (Localunterthan,) welcher eine ziemlich reich ausgestattet gewesene gemischte Waarenhandlung besaß; derselbe entschloß sich jedoch, auf das Aeußerste sich zu vertheidigen, hielt die Eindringenden mit einer Sensenklinge zwischen der halbgeöffneten Gewölbsthüre zurück, und da es durch längere Zeit keinem gelang, in das Gewölbe einzudringen, so verspottete die stets anwesend gewesene Grundfrau, dieselben als Feiglinge, rief ihren Gutsverwalter zu sich, worauf derselbe mit einem Revolver in der Hand gegen die halbgeöffnete Thür des Gewölbes ging und dem Moses Lam in den linken Oberarm eine Schußwunde beibrachte, daß derselbe blutend und ohnmächtig zu Boden sank. Der eindringe nden Volksmenge rief die Gutsfrau die Worte „Verwüstung! Verwüstung!" zu. (Schluß folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Strelitz (Mecklenb.). Daniel Sanders ist in wohlverdienter Anerkenung seiner Verdienste um die deutsche Sprache zum Professor ernannt worden. Eisenach. (Or.-Cor.) Von besondern Vorkommniffen in hiesigerGemeinde ist Folgendes zu vermelden. Es wohnen allhier drei Familien in gemischter Ehe, in welchen allen die Ehemänner Inden sind, die Frauen aber dem Christenthum angehören. Eine dieser Familien lebt streng orthodox. Aus dieser Ehe sind mehrere Kinder entsprossen, von welchen das älteste, ein Knabe, aber besonderer Umstände wegen unbeschnitten geblieben war. Dieses Knäbchen starb im vergangenen Winter. Als nun in diesem Frühjahre den Eltern wieder ein Knabe geboren wurde, ließen sie dasselbe durch die Beschneidung in den Bund Jsrael's aufnehmen; jedoch konnte dieses wegen Krankheit nicht zur vorschriftsmäßigen Zeit, sondern erst sechs Wochen später geschehen. Thorn. Der Vorstand des Corpernikus-Vereins hat unserem gelehrten Gemeindemitgliede Hrn. Jsak Misses ein schönes Dankschreiben wegen des von ihm in gen. Verein gehaltenen, und jetzt im Druck erschienenen Vortrages „über Spinoza", übereicht. (Ueber den uns vorliegenden Vortrag wird im „Jüd. Literaturbl." Näheres gebracht werden. Red.) Brody. Am 10. ist es ein Jahr, daß der erste Herausgeber des hier erscheinenden hebr. Blattes „Jbri anochi," der hierdurch um die hebr. Literatur wohlverdiente H. B. Werber, allzufrüh das Zeitliche segnete. Die Redactio« des Blattes wird seitdem von seinem Sohne mit vielem Tact und Geschick fortgeführt. Basel. In dem Lectionskatalog der hiesigen Universität für das nächste Wintersemester findet sich auch ein Collegium. „Erklärung des Mischnatraktats Pirke Aboth", von dem ord. Prof, der Theol. E. Kautzsch. Jerusalem. Der Konsul des deutschen Reichs in Jerusalem, Freiherr v. Münchhausen, interessirt sich schon seit längerer Zeit lebhaft für das Unternehmen, bildungsl fähige junge Israeliten von dort nach Berlin zu schicken, um ste

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