Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 29. (18.7.1877)
- Date
- 1877-07-18
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 231 — hier ausbilden zu lasten. Nur zwei Bedenken stehen im Wege, daß nämlich die meisten „jungen Leute" schon verheirathet sind, und daß die Befürchtung vorliegt, daß sie kaum Lust haben werden, nach Jerusalem zurückzukehren, sobald sie sich einmal deutsche Kultur angeeignet haben. In diesem Augenblicke schweben Verhandlungen über die Ausführbarkeit des Projektes zwischen dem Konsul und einigen hervorragenden Juden Berlins. New-Nork. Großes und gerechtes Aufseben macht hier folgender Vorfall: Herr Joseph Seligmann, Chef eines bedeutenden Bankhauses, reiste, wie schon seit einer Reihe von Jahren, mit seiner Familie in das Seebad Saratoga und kehrte, wie gewöhnlich, in dem Grand Union-Hotel ein. Dieses hatte dem verstorbenen Steward gehört, und wird jetzt von dem Richter Hilton administrirt. Auf Weisung dieses Mannes wurde dem Hrn. Seligmann von dem Oberkellner bedeutet, daß er daselbst kein Logis erhalten könne, weil das Hotel keine Juden aufnehmen solle. Auf weitere Anfragen erklärte Hilton selbst, daß seine Anordnung sich nicht auf S. persönlich beziehe, sondern daß er überhaupt keine Juden beherbergen wolle, weil seine übrigen Gäste nicht mit Juden zusammenwohnen wollten. Es sollen indesten doch persönliche, geschäftliche Beziehungen sein, die Hilton zu diesen: feindseligen Auftreten gegen Seligmann bewegen. Wie dem sei, so haben sich nicht nur die Juden, sondern auch die gesammte öffentliche Meinung mit der Angelegenheit beschäftigt; „tÜ6 Reformer“ stellt die Urtheile von etwa dreißig Zeitungen aus verschiedenen Theilen der Union zusammen, welche sich sämmtlich sehr entschieden gegen Hilton aussprechen. Besonders auffallend ist auch der Umstand, daß Hilton sehr entschieden für die soziale Gleichstellung der Neger eintritt. — Wir müssen übrigens hinzufügen, daß der Vorgang, der diesmal eine notable, jüdische Persönlichkeit betroffen hat, in Amerika nicht beispiellos ist! Wir haben schon öfter gelesen, daß öffentliche Etablissements sogar laut Bekanntmachung Juden den Zutritt verwehren. Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „Gleichgültig?" antwortete Lämchen erregt. „Kann es uns gleichgültig sein, daß man den Kindern in frühester Jugend jesuitisch sagt: Du sollst zwar seinen Neben Menschen lieben, aber wer sich nicht zur christlichen Religion bekennt, ist dein Nebenbruder nicht, nur die Kirche ist allein seeligmachend; die Juden aber, die unseren Herrgott einst gekreuzigt haben und noch jetzt so verblendet sind, an ihn nicht zu glauben, sie sind verdammt. Kann es uns gleichgültig sein, wenn man der Jugend die Wahrheit der Lehre Gottes und der Natur verschweigt und sie in einem von finstern Mönchen, unfehlbaren stolzen Pfaffen gefälschten Christenthum erzieht? Erfüllet in Frieden die Bestimmung der wahren Priester: nach Wahrheit zu forschen, das Beste zu wollen, das Gute zu thun, alle Menschen als Kinder desselben Gottes zu lieben. Schwinge das Schwert, wem Gott es in die Hand gegeben, und kämpft Ihr mit der Palme des Friedens! dann — um die Hälfte des Preises will ich Euch mein Anwesen abtreten, wenn Ihr eine weltliche Schule darauf gründet, für welche die Lehrer von der freisinnigen Gemeinde ernannt werden, in welcher Freiheit des Glaubens herrsche und der Geist der neuen Zeit sich bemerkbar macht. — Der Geist der neuen Zeit ist der gewaltigste Hebel der modernen Cultur; er wird den absoluten Staat, wie die absolute Kirche aus ihren Angeln heben. Der unaufhaltsam fortschreitende Fuß dieses gewaltigen Niesen, in dessen Brust als Herz die Dampfmaschine pocht, tritt Thron und Altar zu Boden und stampft wie den mittelalterischen Feudalismus, so auch den ewigen Fels Petri nieder und über das gefälschte Christenthum hinweg reichen die Menschen sich die Hände zum ewigen Schwur der Menschenliebe, der allgemeinen Brüderlichkeit!" In des Pfarrers Ohren sauste es — er traute seinen Ohren kaum — er glaubte sich so nahe am Ziele und nun mußte er solche Worte aus dem Munde Lämchens vernehmen. Nach einer Weile erst entgegnete er: „Und ich sage Euch, der Taumel, in welchem die Menschheit gegenwärtig befangen ist, schwindet, sobald sie durch Leiden zur Erkenntniß Gottes gelangen. Doch Euer Bescheid?" „Ihr habt ihn eben gehört." Um die breiten Lippen des Pfarrers zuckte es ironisch, er faltete die Hände, blickte dann zum Himmel auf, und sagte dann langsam: „Nach den bittern Erfahrungen, welche Ihr gemacht, sollte ich meinen, daß gerade Ihr eine gute Schule, in welcher den Kindern fromme, gottesfürchtige Grundsätze ins Herz gelegt werden, in unserer Gegend willkommen heißen werdet." Lämchen fuhr auf: „Ich!" Er hatte eine bittere Antwort auf der Zunge — aber er bezwang sich, der Mann, der vor ihm stand hatte ja Recht. Der Pfarrer fuhr fort: „Euer Sohn —" „Ich habe keinen Sohn!" „Aber Ihr hattet Einen," sagte der Pfarrer höhnisch, „ehe Ihr ihn damals verstoßen. Doch ich will von ihm schweigen, weil Ihr nichts von ihm hören wollt; doch Eure Tochter, wäre sie jetzt, nachdem sie im Hause der Gräfin von Nolandsau Aufnahme fand . . ." Lämchen horchte auf. „Wo?" Der Pfarrer that, als hätte er die Frage überhört und fuhr fort: . . . „dort als Dirne behandelt worden, wenn ihr in früher Jugend gottesfürchtige Grundsätze —" „Als Dirne — meine — meine —" Der Pfarrer überhörte absichtlich abermals die Frage und fuhr fort: . . . „ins Herz gelegt worden wären? Der reiche Graf Alfred heirathet nächstens die Comtesse Hohenwart, und Eure Tochter wird als Dirne aus dem Hause gestoßen. Wenn die Grundsätze der Tugend fehlen, fehlt auch die Tugend. Ich gehe, hoffe jedoch, daß der Herr Euch erleuchten wird." Damit verließ der Pfarrer das Zimmer. Lämchen stand wie betäubt von so vielen Schlägen, die ihn auf einmal trafen. Mit gekreuzten Armen und geschlossenen Augen, wie Einer der zum Aeußersten entschlossen, überließ er sich der Fluth seines Unglücks. Nach einer Pause fuhr er mit der Hand über die Stirne, als wollte er sich besinnen, dann rief er wie aus einem bösen Traume erwachend. „Lämchens Kind hinausgejagt? Alfred's Mutter, des Grafen Egon v. Nolandsau Weib, stößt mein Kind als Dirne hinaus! Nein, nein, es ist nichtmöglich — und doch, er sagt es ja. Alfred hat sie also nicht geheirathet, und sie hat ja nur ihm zu lieb ihren Glauben aufgegeben, und den seinigen annehmen wollen. Wie? Wenn sie's vielleicht noch nicht gethan hat.. . wenn Rosa, mein theures Kind, doch noch brav und treu geblieben und vielleicht gerade wegen ihrer Glaubenstreue jetzt gehöhnt und verlaffen ist, o, wie brennt mir die Stirn, — wie steh' ich rathlos da. Wer giebt mir Gewißheit? O daß ich mein Kind retten könnte, daß es versöhnt an mein Herz zurückkehre, daß meines Lebens Abend nicht gar zu dunkel sei." Er hielt einen Moment inne und ließ seinen Kopf auf die Brust sinken. „Was willst Du thun, Salomon? Roia trägt meinen Namen noch — und dieser mußte der Gräfin unantastbar sein, um meinetwillen. Oder hat die Gräfin vergessen, was sie mir schuldig ist, was ich für ihr Haus gethan, ich will's ihr in Erinnerung bringen, heute, jetzt, sofort." Er eilte zur Thüre und rief: „Esther! meinen Stock! Ich will nach der Re sidenz und sehen, wer des Salomon Lämchen Kind zu beschimpfen wagt." (Schluß des 4. Capitels.)