Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 29. (18.7.1877)
- Date
- 1877-07-18
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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einen religiösen Vortrag. Er gedachte am Schluffe seiner Rede des herben Verlustes, der die Judmheit betroffen durch das Hinscheiden von trefsticheu und gelehrten Männern, wie David Oppenheim zu Gr. Beczkerek, Akiba Lehren, Albert Cohn und S. Reh fisch zu Kempen. Ihre Bedeutung stellte er den Zuhörern in das rechte Licht. Seesen. Am 30. Juni 1852 wurde hier die Jacobsonsche Waisenanftalt von Mayer Jacobson (geb. 14. Aug. 1789 zn Halberstadt), einem würdigen Sohne des großen Philautropen Israel Jacobson, des Begründers der hiesigen Jacobsonschule, begründet. Zur Feier des 25jährigen Bestehens der Waisenanstalt hat der tüchtige Jnspector derselben, Hr. I. Stern (der sonach zugleich das 25jährige Jubiläum seiner amtlichen Wirksamkeit an dieser Anstalt feiert) eine „Festschrfft" veröffentlicht, welche er mit emer treffllichen, im humanen und echt pädagogischen Geiste verfaßte Abhandlung: „Ueber Waisenerziehung" eiuleitet, und darauf den eigentlichen Bericht folgen läßt. Doch während auf S. 35 des Berichtes noch der Wunsch ausgesprochen wird, „daß es dem greisen Stifter noch recht lange vergönnt sein möge, seiner Anstalt die bisherigen Vergünstigungen zu Theil werde,» zu lassen," meldet ein „Nachwort" auf S. 39 den am 21. Juni erfolgten Tod desselben des zu London bei seinem Sohne weilenden Stifters, und so war die edle Festfreude am 30. Juni allerdings eine getrübte. Die „Festrede" mußte zum großen Theil zur „Gedächtnißrede" aus den sel. Stifter werden. Diesem Doppelgefühle giebt die inzwischen ebenfalls in Druck erschienene „Geoächtu»ß- und Festrede" des Hrn. Jnspectors einen sehr angemessenen, und würdigen Altsdruck; der Tex» aus Jerem. 22,10 »var für den ersten Theil sehr passend gewählt und die Ausführung desielben eine gute. Aus dem Berichte entnehmen wir, daß der eiserne Fonds der Anstalt aus 216,000 Mark besteht, und daß der Stifter bis zum Jahre 1874 das Curaiormm in liebevollster Weise selbst führte. Seitdem wird dasselbe aus 5 Herren: Kreisdirektor Lerche, Gottlieb Jacobson zu London (Sohn des Stifters, vertreten durch den Bürgermeister Hille), M. Solmitz, Vorsteher der isr. Gemeinde zu Braunschweig, Eisenbahndirecior Dr. Aronheim daselbst und Jnspector Stern, gebildet. Dasselbe hat den Beschluß gefaßt, neben den 12 Freistellen auch solchen Waisen die Ausnahme zu gewähren, für welche von Verwandten oder aus Gemeindemitteln eine jährl. Pension von 300—360 Mark geleistet wird. Einen höchst erfreulichen Eindruck macht die tabellarische Uebersicht (S. 38) über die Berufsarten, welche die entlassenen Zöglinge später gewählt haben, 36 sind Kaufleute geworden, 27 Handwerker, 3 Apotheker, 8 haben sich einem wlssenschastlichen Berufe (Philologie, Lehramt) gewidmet; 14 derselben haben Amerika zum Aufeuthaltsorte gewählt, viele sind noch nicht zur Selbstständigkeit gelangt. Den jetzigen Bestand bilden 21 interne Zöglinge. Auf zwei Punkte wollen wir hier noch Hinweisen, von denen der eine einen Uebelstand betrifft, der Remedur erheischt, der andere theünahmsvolle Unterstützung erfordert. Der erstere bezieht sich auf das Verhalten der Jacobson schule gegen die Jacobsou'sche Waisenanstalt. Der Stifter der letzteren, der 40 Jahre lang mit seinem Bruder Dr. I. Jacobson in Berlin auch der ersteren als Curator Vorstand, hatte in den Statuten der Waisenanftalt es ausdrücklich ausgesprochen : „Sollte der eine oder andere Waisenknabe besondere Befähigung bekunden, so kann derselbe nach Ermessen des betr. Waisenhaus-Jnspectvrs den höher bildenden Unterricht in der Jacobsonschule mitnehmen, Pflege und häusliche Erziehung erhält er jedoch im Waisenhause. Von einem künftigen humanen Curatorio der Jacobsonschule erwartet der jetzige Curator dieser Anstalt, daß die betreffenden Kinder der von ihm gestifteten Waisenanstalt den Unterricht stets gratis erhalten." Dieser Vergünstignng haben sich viele Waisenkinder mit dem größten Nutzen und besten Erfolge anch lange Zeit erfreut. Seit einigen Jahren indeffen hat sich in Folge der außerordentlichen Frequenz jener Anstalt das Curatorium derselben veranlaßt gesehen, diese Wohlthat dahin zn beschränken, daß von den Schülern der Waisenanstalt nur solche ausgenommen werben, welche das dreizehnte Lebensjahr vollendet und die Reife für die dritte Klaffe erlangt haben. Hierdurch wird bewirkt, daß nur noch sehr selten ein Schüler dieser Anstalt in die Jacobsonschule eintreten kann; „denn einerseits darf, wie Hr. Jnspector Stern richtig hervorhebt, der Unterricht in unserer Anstalt, welcher eine abgeschlossene Elementarbildung bezweckt, sich nicht nach dem Lehrstoffe der unteren Klaffen der Jacobsonschule richten, andererseits ist der Nutzen für unsere Knaben, welche im Allgemeinen mit dem vollendeten vierzehnten Lebensjahre entlassen werden sollen, und also eventuell nur ein Jahr lang die höhere Schule besuchen könnten, ein verhältnißmäßig gegeringer. Wahrhaft ersprießlich »vürde ihnen dieser Besuch nur dann sein, wenn sie, wie früher, auch in eine der unteren Klaffen ausgenommen würden und wenn bei besonderer Befähigung der Eintritt in eine Klaffe auch vor dem erreichten Dnrchschnittsalter gestattet würde." Gegen diese Darlegung wird sich nichts Begründetes einwenden laffen und jene einschränkende Bestimmung verdient bald aufgehoben zu werden; sie ist nicht im Geiste der Stifter der beiden Anstalten, sie involvirt eine Härte gegen die Waisenknaben, rvenngleich sich andrerseits allerdings nicht läugnen läßt, daß sie für die Jacobsonschule von materiellem Vortheile ist, aber gerade das eben ist nicht im Jacobson'schen Geiste. (Schluß folgt.) Leipzig. Wie in diesem Blatte schon mehrfach erwähnt worden, ist hier eine „deutsch israelitische Dar lehnskass e für Frauen und Jungfrauen" gegründet worden, nachdem ein Grundfonds von 15000 Thlr. zu diesem Zwecke von drei Stiftern gespendet »vorden war. Es ist nun der erste Jahresbericht ausgegeben worden, dem noch ein Nachtrag beigefügt ist, welcher von dem Ableben des Herrn Kohner, der auch in diesem Vereine den Vorsitz führte, Kunde gibt. Dieser Posten ist nun auf Herrn Jacob Nachod übergegangen, stellvertretende Vorsitzende ist Frau Dr Goldschmidt. Nach einleitenden Bemerkungen über die Erwägungen, welche zur Bildung der Casse geführt haben, theilt der Bericht mit, daß der Aufruf an die dem dentsch-israel. Gemeindebunde angehörenden Gemeinden, die Casse durch Beiträge zu unterstützen, keinen rechten Erfolg hatte, in dem nur die Gemeinden Gehaus, Thorn, Nordhausen, Leipzig und Münsterberg beitcalen. Anch weitere Schritte, dem Verein größere Ausdehnung und Mittel zu gewinnen, blieben ohne Erfolg, die Wohlthaten des Vereins beschränkten sich daher auf 17 Tar'.ehne im Betrage von 2515 Mark. „Indessen, bemerkt der Bericht, auch unsere anfänglich gehegte Befürchtung, die Vereinsmittel werden den an uns gestellten Anforderungen bei Weitem nicht begegnen können, ging nicht in Erfüllung, sondern im Gegentheil ein beträchtlicher Theil der Einkünfte aus dem ersten Rechnungsjahre blieb unverwendet. Es liegt aber in diesem Umstande für uns zugleich die unerfreuliche Warnehmung, wie langsam und schwer es selbst einer uneigennützigen, nur das Wohl unserer Mitmenschen fördernden Idee gelingt, sich Bahn zu brechen, und wie selbst das Anerbieten von Hilfe, ohne Gegenleistung dafür zu beanspruchen, nicht immer vollen Anklang findet, wenn die Gesichtspunkte, von denen solche ausgeht, noch zu neu sind, um allgemein gewürdigt zu werden." Bad Ems, 10. Juli. Ein russischer Rabbi, Namens Samuel Mohilewer aus Radum, welcher hier die Kur gebraucht, correspondirte mit Hrn. Dr. Lehmann in Mainz und hatte dabei die Kühnheit, die „Schechita" und das „Kaschrut" an diesem weltberühmten Kurorte, wo ca. 40 israelitische Familien wohnen, zu verdächtigen, ohne sich beim hiesigen Bizirksrabbinate