Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 29. (18.7.1877)
- Date
- 1877-07-18
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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für den ist das Gotteswort, das Judenthum überhaupt etwas Ueberflüssiges geworden. Die Lebenskraft einer Religion liegt ja in ihrer Lehre und kennzeichnet ihr Vorhandensein nicht zum geringsten Theile in der Würdigung, welche man den Hütern und Pflegern dieser Lehre entgegenbringt, mögen diese in der Schule oder auf der Kanzel ihre Thätigkeit entfalte». (Wir erinnern an den schönen talm. Satz: K*1M1 fiK rrn^ „Neben der Ehrfurcht vor Gott steht die Ehrfurcht vor den Verkündern seines Wortes". Hat der Gleiwitzer Vorstand wohl bedacht, wie er durch sein unerhörtes Verfahren in der ganzen Schuljugend der Gemeinde die Achtung vor dem Lehrer der Religion auf lange Zeit hinaus untergräbt?) Es schädigen wahrlich solche Vorstände nicht blos die heiligsten Interessen ihrer Gemeinde, sondern die der Gesammtheit, wenn sie darauf bestehen, die Träger dieser Lehre in ihrem Wirken ganz von der Laune ihres laienhaften Urtheils abhängig zu machen. Wir kennen eine hochangesehene und altehrwürdige Gemeinde, in welcher vor Jahrzehnten hauptsächlich durch solche unberechtigte Herrschergelüste eines Vorstandes ein arger Riß entstanden ist, der sich seitdem in andern Gemeinden wiederholt, jener wie diesen viel zu schaffen macht und jetzt schwere Opfer auflegt. Und solche Vorstände nennen sich oft auch noch liberal! Sie sind es, aber nur in dem Sinne, in welchem eine gewiffe Kategorie von Demokraten es sind, die gern jede Meinung gelten laffen, welche — der ihrigen nicht entgegen ist. (Ist den» kein Mann in Gleiwitz, der, nachdem man die Kanzel, dieses pochende Gewissen der Gemeinde, zum Schweigen gebracht hat, die Haftara von Schabb. Chason in gutem Deutsch vortcagen kann? Der ihnen die Jesajanischen Kraftworte entgegendonnerte: V. 10. „Höret das Wort Gottes, ihr Herren von ... V. 21. Ach wie ist sie zur Untreuen geworden, . . . V. 23. Deine Fürnehmen sind Abtrünnige.. und aus C. 3 den 6. Vers: Es überhebt sich der Jüngling gegen den Greis, der Geringe gegen den Geachteten.") Wir wollen es mcht verhehlen, daß durch diese Betrachtungen auch ein kleiner Widerschein der hiesigen Gemeindezustände hindurch glitzert. Zwar ist durch die Großherzogliche Synagogenordnung der damalige Inhaber des Großh. Sachsen-Weimarischen Landesrabbinates vor solchen Uebergriffen Seitens eines Gemeindevorstandes sicher gestellt; aber man hat hier doch schon mehrfach an diesem Zaune zu rütteln, ja ihn ganz zu beseitigen gesucht, was indeffen bis jetzt nicht gelungen ist und hoffentlich auch nicht gelingen wirb. Als nämlich vor mehren Jahren das vacant gewordene Landrabbinat wieder besetzt worden war und von hier aus sich alsbald eine andere als bisher gewohnte Strömung bemerklich machte, war auch die Opposition da. Mau suchte nun den Einfluß des Landrabbiners durch neue Gemeindestatuten lahm zu legen; das Großherzogliche Staatsministerium hat diesem Unternehmen jedoch bis jetzt beharrlich die Genehmigung versagt. Als vor einiger Zeit ein Commissar des Großh. Ministeriums hierher kam, mu in dieser Angelegenheit zu verhandeln, benutzte der erste Gemeindevorsteher diese Gelegenheit, in einer für die hiesige Synagogengemeinde hochwichtigen Sache das Prävenir zu ergreifen. Es hatte sich nänilich das Gerücht verbreitet, der Landrabbiner sei beim Ministerium vorstellig geworden, seinen Sitz von Stadtlengsfeld nach Eisenach verlegen zu dürfen. Es darf wohl der Wahrheit gemäß behauptet werden, daß keine drei Mttglieder in der hiesigen Gemeinde sind, welche diese Uebersiedelung des Landrabbiners hierher nicht sehnlichst wünschten. Es ist ja dieses auch sehr natürlich! Welche Gemeinde, die zum Gehalte eines Rabbinen deizutragen hat, wünschte nicht, Hauptsitz des Rabbinatssprengels zu werden? Kommt ja immer der Gemeinde, in welcher der betr. Rabbiner seinen Sitz hat, der größte Theil der rabbinatlichen Lehrthätigkeit und seelsorgerischen Wirksamkeit zu Gute! Eisenach hat jetzt die größte israelitische Gemeinde im Lande, und hat darum der Wunsch, Rabbmatssitz zu werden, in derselben auch eine gewisse Berechtigung. Wie segensreich befruchtend müßte das Wirken eines so thateifrigen und mit so hinreißender Beredsamkeit ausgestatteten Kanzelredners, wie mir einen solchen in unserem Landrabbinen, Herrn vr. Kroner, zu besitzen so glücklich sind, sich für das innere Leben unserer Gemeinde erweisen, wenn seine zahlreichen Vorträge öfter und nicht blos allvierteljährlich einmal die Herzen unserer Gemeindeangehörigen erheben und erbauen würden! Von welch unendlichem Werthe würde es bei der gesellschaftlichen Bedeutung Eisenach's, bei dem allhier während eines großen Theils des Jahres stattfindenden ungewöhnlichen Fremdenverkehre für das moralische Ansehen der Gemeinde, für die gesellschaftliche Stellung ihrer Mitglieder sein, wenn das Judenthum hier nach Außen hin einen so würdigen, geistreichen, redegewandten und überzeugungstüchtigen Repräsentanten hätte, wie Herr vr. Kroner doch ein solcher unstreitig ist und um so mehr ist, als er auch im öffentlichen Leben der socialen Lebensfrage der Gegenwart nahe tritt und über solche gewandt zu reden versteht. Das sind gewiß schwer wiegende Vortheile, welche der hiesigen Gemeinde aus einer Verlegung des Landrabbinats hierher erwachsen würden. Es würde aber diese Uebersiedelung noch in anderer Beziehung für unsere Gemeinde von nicht geringem Nutzen sein. (Schluß folgt.) Magdeburg. (Or-Corr) Aus „Stromeyer's Erinnerungen" haben wir uns noch folgende verbreitungswerthe Sätze angemerkt: „Ich habe es mir zur besondern Pflicht gemacht, dar religiöse Bewußtsein und die relig. Gebräuche Anderer zu respectiren und bin so mit Protestanten, Katholiken und Juden gleich gut fertig geworden. In jeder Religion liegt doch ein Keim des Guten, den man nur za suchen braucht, um damit sympathisiren zu können. Namentlich aber muß ich den Juden das Zeugniß geben, daß sie in Betreff der Nächstenliebe gegen die Ihrigen nichts zu wünschen übrig lassen." (p. 63.) „Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist dem feinfühlenden Menschen ebenso nothwendig, wie Speise und Trank. Gesegnet sei, wer diesen Gedanken zuerst ausgesprochen, er ist jedenfalls einer der größten Wohlthäter des Menschengeschlechts. Ohne diesen Glauben würde uns das Leben unerträglich sein und eine Religion der Liebe wäre nicht zu begreifen. Wir könnten die ewige Trennung von geliebten Freunden und Angehörigen nicht ertragen und die Opfer nicht bringen, welche die Nächstenliebe auserlegt." (p. 60.) Solche Aussprüche eines berühmten Arztes und Naturforschers sind in der Thal erquickend. Sohrau, O/S. (Or.-Corr.) Montag, d. 25. Juni, versetzte die Feier eines überaus seltenen Festes unsere Stadt in freudige Erregung. Das greise, wackere Elias und Rebecca Schiller 'sche Ehepaar beging festlich den Tag seines 60jährigen Ehejubiläums, der sogen. Diamant-Hochzeit. Der Magistrat überreichte ein kaiserliches Gnadengeschenk, ferner eine Schenkungsurkunde im Namen der Stadt. Auch die Synagogen-Gemeinde ließ es an einer ähnlichen Zuwendung nicht fehlen. Nachmittags erfolgte in der festlich erleuchteten, dicht besetzten Synagoge die religiöse Feier. Im Anschluffe' an das Minchagebet wurde das Jubelpaar nach Ricitirung von Ps. 71 und 100 unter dem Trauhiinmel, wie vor 60 Jahren, mit dem Festliede Ni addir begrüßt. Hierauf hielt unser Rabbiner, Herr vr. Deutsch, die Festrede, welche, wie wir hören, auf das dringende Ersuchen der Familie Schiller dem Drucke übergeben werden ssoll. Ein Festeffeu hielt die Angehörigen und Freunde des Jubelpaares bis Mitternacht heiter beisammen. H. Schiller ist 79, seine Gattin 80 Jahre alt: 8 Kinder, 35, Enkel und 9 Urenkel schaaren sich um dieses greise, noch immer rüstige Ehepaar. — In unserer Nachbarstadt P l e ß feierte am 20. Juni das I. Rose'sche Ehepaar das 50jährige Ehejubiläum. Die Jubilarin fand ihre Mutter, eine noch ganz rüstige Frau im Alter von 93 Jahren, unter den Festtheilnehmern. — Am 21. Tamus, als am Todestage des ehrwürdigen Rabbiners Abraham Freund, hielt unser Rabbiner, Herr vr. Deutsch, auf dem Gottesacker, wie alljährlich,