Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 28. (10.7.1877)
- Date
- 1877-07-10
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fort: „Glaubt Ihr denn, ich sei ganz vertrocknet? Ich beginne eben leider spät zu fühlen, welch' freudenloses Dasein ein Alter ohne Weib, ohne Kinder ist. Niemand zu haben, der liebend uns zur Seite steht, wenn die Qualen des — Dings da — des Alters herankommen. Lämchen trat abermals einen Schritt näher. „So?" Er kommt schon, sagte sich Willner lächelnd und rief laut: „Es ist ein freudenleeres Dasein, sag ich Euch!" Lämchen war abermals einen Schritt näher gekommen und siaud jetzt dicht vor Willner. „Und wißt Ihr auch, daß Frauen und Kinder unser Verderb sind," sagte Lämchen jetzt erregt. „Sie machen uns das Herz weich; sie bringen uns dahin, von Hoffnungen und Ergebenheiten zu leben; wir verleben ein Viertel des Daseins, um ein Fruchtkorn treiben zu laffen, das in den alten Tagen uns Alles ersetzen soll, und kommt die Stunde der Ernte — guten Morgen — daun ist nichts in der Aehre" Willner rieb sich die Hände und sagte freudig: „Er ist da. — Jetzt habe ich ihn, wo ich ihn haben will." Da wandte er sich zu Lämchen und sagte: „Und ist es nicht möglich, daß man in der Stunde der Ernte Manches übersieht und oft das für eine leere Aehre hält, was reise Frucht ist? Gesteht es uur ein, Lämchen auch Ihr hieltet in Eurem Jähzorn die Frucht für eine Aehre, und steht nun da mit dem von Stürmen des Lebens gebeugten Schultern und blickt erschreckt in die Leere und Dunkelheit der Zukunft und sucht vergebens den inneren Tumult nach Außen zu ersticken." „Wer hat die Leere und die Dunkelheit der Zukunft mir bereitet?" schrie Lämchen hastig. „Wer hat den Tumult in meinem Innern hervorgerufen, das Glück des häuslichen Herdes mir entblättert? Wer hat meine Ehre an den Pranger gestellt? Wahlich es ist eine Sünde ... ." „Sünde!" unterbrach ihn Willner, es wäre eine Sünde . . . Dieses Wort, niein lieber Lämchen, ist Euer größter Stein, den Ihr blind nach denen werft, die sich im Rausche einen Moment vergaßen. Ich jedoch schätze Menschen, die Kraft und Muth zur Umkehr finden, höher als die, welche niemals sündigten. Geht, stempelt Eure Seele nicht absichtlich zu den Alltäglichen, die Gedanken und Empfindungen nur dann erkennen, wenn sie im — Dings da — im Werktagsgewande der alltäglichen Worte einher gehen. Der Jude hat doch gewöhnlich einen liefern Sinn für die innern Regungen eines Menschenherzens, für Familienglück — er lernt das Alles -aus dem Talmud." „Ei, was Ihr den Talmud genau kennt", höhnte Lämchen. „Ob, ich habe einmal eine schöne Stelle aus dem Talmud gehört, die mir allen Respect vor diesem merkwürdigen Buche eiuflößt." „Na, und die wäre?" „Da soll drinnen stehen, daß es kein so großes Verbrechen gebe, das nicht durch aufrichtige Neue gesühnt werden könne;" Ein herrlicher Satz. Der Reuige trägt das Leben wie ein weißes Blatt uns entgegen, wir suchen die verblichenen Schristzüge darauf nicht mehr zu entrüthseln, wir schreiben ihnr sauste liebe Worte daraus, wie ins Gedenkbuch eines Kindes. — Es wäre nicht der Mühe werth, zu leben, wenn Gott den Menschen nur Haß, nicht auch Liebe in die Brust geseukt. Und er hat die Liebe in uns hineingelegt, wir fühlen in den einsamen Stunden die alte Liebe, die alte Sehnsucht an das Vaterberz schlagen; und sollte die von Eurem Dings da Starrsinn so ganz verjagt und vernichtet worden sein?" Lämchen wendete sich ab und ging ans Fenster. „Äh, jetzt wendet Ihr Euch ab, um mir die Thräne nicht zu zeigen, die in Eurem Auge glänzt und welche mir beweist, daß ich Recht habe — Jft's nicht so?" Lämchen konnte nur mühsam die Bewegung unterdrücken. „Ihr serd ein — alter Faselhans." „Der aber den Nagel auf den Kopf trifft! So nun will 'ch gehen und Euch den Käufer Eures Anwesens bringen- — es soll mich freuen, Lämchen, wenn Ihr einig werdet." Er reicht dem abgewandten Lämchen die Hand, die dieser jedoch nicht sah, oder sehen wollte. „Na, nichts für ungut — es kam vom Herzen! Ihr wollt nicht? — So — na dann geh' ich einmal ohne Handschlag, seit 30 Jahren von Euch. Ihr habt Recht! Lieb' ohne Wiederlieb ist wie: wenn der Eine fragt, und der Andere nicht antwortet. Aber kann auch nicht einmal eine Frage überhört haben? Und wenn es dann aus voller Seele antworten möcht' und das Andere wäre wäre schon auf und davon gegangen? Na — Ades, Lämchen." Um seine innere Bewegung zu verbergen, verließ Willner eilig das Zimmer. Lämchen wollte ihm nacheilen — dann besann er sich, ging einige Mal in der Stube auf und nieder, wie um sich die Gedanken zu verscheuchen. Er öffnete das Fenster. „Ah, da geht er — der Alte," sagte er, „der da meint, ich soll mir den Tribut der Liebe beim Edelmuthe borgen und in Liebe zerstießen, daß die, für die ich gearbeitet, gedarbt, Kumnier und Weh ertrug, meine Ehre an den Schandpfahl heftete!" Es klopfte in diesem Moment an der Thüre. Herein!" Der Pfarrer Weiler trat ein. Lämchen hätte jeden andern als diesen Gast vor seiner Thüre vermut het. „Sieh da, Herr Pfarrer? Welche Ehre wiederfährt meinem Hause!" Der Pfarrer lächelte und bot Lämchen seine Hand zum Gruße. „Längst wäre ich bei Euch erschienen," sagte der Pfarrer, nachdem er Lämchen die Hand gedrückt, „da Ihr leidet und Trost zu spenden dem Nebenmenschen, — weß Glaubens er auch sei — des Priesters Pflicht ist, aber Ihr verschloßt wie ich hörte, Euer Haus selbst Euren nächsten Nachbarn und Freunden? „Ich dank' Euch für die Ehre! Wollt Ihr Platz nehmen, Herr Pfarrer?" Nachdem sich Beide geletzt haben, hob der Pfarrer an: „Heute jedoch führt mich noch ein anderer Zweck hieher, ein Wunsch, dessen Gewährung Euch des Himmels Segen nach langem Trübsal wird verleihen. Der Herr wird Euch aufrichten —" „Verzeiht, Herr Pfarrer" , unterbrach ihn Lämchen, „noch bin ich nicht gefallen. Das Unglück soll eine Best er - ungsschule sein. Ich Hab' sie eben durchgemacht, und lernte die Allmacht bester schätzen, — aber gefallen bin ich nicht. Nicht im Glück offenbart sich Gottes Wesen uns, Erkenntniß keimt aus Leiden. Doch darf ich Euren Wunsch erfahren?" „Ihr wollt Euer Anwesen verkaufen!" Lämchen nickte zustimmend und der Pfarrer fuhr fort? „Welch' süßen Trost muß es Euch gewähren, wenn die Stätte, wo Ihr Tage des Leids und der Freude verlebt, zu wohlthätigen Zwecken benutzt würde." „Hm! Ja, ja!" brummte Lämchen vor sich hin. „Mit seligem Gefühl könntet Ihr dann Eurer letzten Stunde entgegenschauen — da Ihr die Hand zu einem gottgefälligen Werke geboten." „Ja, ja," brummte Lämchen wieder. Der Pfarrer freute sich natürlich über die Zustimmung und fuhr fort: „Und ein gottgefälliges, wohlthätiges Werk ist eine gute Schule, und diese soll aus Eurem Anwesen errichtet werden. Wollt ihr zu diesem Zwecke Euer Anwesen verkaufen?" „Gewiß, gewiß," bestätigte Lämchen. Der Pfarrer blickte erleichtert zum Himmel auf. „Der Herr segne Euch dafür! Wir können noch heute den Kaufcontract in Ordnung bringen." „Recht gern, Herr Pfarrer^ wenn Ihr mir die schriftliche Zusicherung gebt, daß die Dchule, die Ihr auf meinem Anwesen erbauen wollt, der Gemeinde, d. h. weltlichen Händen übergeben wird." „Wie?" rief der Pfarrer enttäuscht. „Kann es Euch denn als Jude nicht gleichgültig sein, in welchen Händen die Bildung der christlichen Jugend liegt?" (Forts, folgt.)