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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-07-10 · N° 28. (10.7.1877) · p. Seite 220

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 28. (10.7.1877)
Date
1877-07-10
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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Bad Ems, 29. Juni. (Or.-Corr.) In einem so wellberühmten Kurorte, wie Ems ist, hat man Gelegenheit nicht blos Geistliche und Lehrer aus allen Nationen und Confessio neu zu sehen, die in Folge ihrer im Berufe mürbe gewordenen SprachorgaNe die hiesigen Heilquellen besuchen; sondern man lernt auch die verschiedenen Parleigenossen aus unserer Glaubensgcnossenschast, vom polnischen Raw bis zum neuorthodoxeu Rabbiner der Separationsgcmeinden genauer kennen! Von diesen beiden Schattirungen des heutigen Judenthums theile ich ihnen einige sonderbare Vorkommnisse mit: a) Einem hyperorthodoxen polnischen Rabbiner, welcher einen angeblich frommen und getreuen Diener mit hieher brachte, aber die hiesige Synagoge — weil da kleine Schulmädchen im Chor mitsingen und vor und nach der Predigt ein kurzes deutsches Lied gesungen wird — nicht besucht, wurden verwichenen Sa bbath mitgebrachte russische Staatspapiere im Werthe von ca. 8000 Rubel entwendet. Gleich darauf am Sabbath, fuhr der Dieb auf derEisenbahn in der Richtung nach Cöln; indeß die Polizei setzte den Telegraph nach allen Seiten wegen dieses Diebstahls in Bewegung, und so wurde der brave und fromme Diener endlich in Hamburg, wo er bereits eine Schiffskarle nach Amerika bezahlt hatte, festgenommen. Das Sonderbarste bei der Sache war, daß der polnische Rabbi nach der Morgenanbacht seinen Spaziergang machte und aus Mißtrauen gegen deutsche Haus- und Curgenossen seinen frommen Diener zur Bewachung seines Zimmers mit dem Schatze bestellt hatte. „O, der frommen Einfalt!" b) In der vorjährigen Saison war ein junger Seelsorger (!) aus einer benachbarten (nicht nassauischen) Separatgemeinde zur Kur hier, welcher — wie sich von selbst versteht — die hiesige Synagoge nicht besuchte. Auf einem Spaziergange mit einem Ortsgenoffen äußerte sich derselbe mit lauten Worten: „Die Humanitätsh elden sind lauter Schurken!" In Folge dessen geißelte mit Recht der hiesige Rabbiner in einer Predigt diese wahrlich unjüdische Behauptung mit der lakonischen Bemerkung: „Nun, dann würden auch der alte Hillel und Rabbi Akiba, also die Koryphäen unter den Schriftgelehrten der Mischna, welche bekanntlich den humanen Grundsatz aufstellten, „daß die allgemeine Menschenliebe (nach III. Mos. 19, 18. vrgl. dm. V. 34.) die Hauptvorschrift unserer Religion sei", wenn sie noch lebten, mit jenem scheußlichen Epitheton von dem betreffenden Rabbinerchen charakterisirt werden. Frankreich. Paris. (Aufruf zur Gründung einer Albert- Cohn-Stiftung.*) Ter Tod Albert Cohn's ist ein schwerer Verlust für unsere Gemeinde, für die Israeliten Frankreichs und aller Länder. Man hat denn auch überall seinen Hintritt betrauert und sein Andenken gefeiert. Unsere Wohlthätigkeits-, Unterrichtsu. Verwaltungs-Ausschüffe halten es jedoch für wünschenswerth, durch eine Stiftung das Andenken des Mannes zu verewigen, dem die Entwickelung der Pariser Gemeinde, die Bildung und Erziehung der Jugend, die Hebung der armen Glaubensgenoffen ohne Unterschied der Herkunft soviel verdanken. Delegirte aller Ausschüffe haben Berathungen gepflogen und sind dahin übereingekommen, daß eine Co hn-Stiftung den großen Interessen der Wohlthätigkeit und des Unterrichts gewidmet sein niüffen, dann werden sie einem wirklichen Bedürfniß entsprechen und zugleich den Zwecken dienen, denen das Streben und Wirken des Verklärten angehörle. Unsere Vereine, Kaffen u. s. w., wie wirksam sie auch sein mögen, genügen nicht allen den verschiedenen, täglich neu erscheinenden Bedürfnissen und Ansprüchen, die über den Kreis der einzelnen Kaffe hinausgehen. In allen solchen außerordentlichen Fällen, besonders wenn junge Israeliten, Franzosen oder Ausländer, stch durch Studium oder Arbeit eine * Siehe vor. Nr. Wir gaben aus Mangel an Raum nur den Hauptinhalt des Aufrufs. Spenden entgegenzunehmen sind auch wir gern bereit. (Red.) Zukunft schaffen wollten, aber mittellos waren, da wendete man sich an Albert Cohn, der an die Thnren klopfte und Hülfe schaffte. Er ist nicht^ mehr da, wir möchten ihn einigermaßen ersetzen. „Die Lstiftung ist bestimmt denjenigen zu Hülfe zu kommen, welche Unterstützung verdienen, indem sie ihnen Mittel zum Studium oder zur Arbeit gewähren." soll. Gaben nimmt Herr Oberrabb. Isidor entgegen. Großbritannien. London, 20. Juni (Or.-Corr.) Baron Leopold v Rothschild legte am 7. ds. den Grundstein zu der in Nr. 25 bereits erwähnten neuen Synagoge in der Westend von London, und da seine bei dieser Gelegenheit gehaltene Ansprache uns einen Einblick in dessen Ansichten über Juden und Judenthum verschafft, so dürfte ein Auszug aus derselben den geehrten Leser dieser Blätter nicht unwillkommen sein. Nachdem Redner für die, ihm soeben erwiesene hohe Ehre der Grundsteinlegung seinen Dank ausgesprochen und es bedauert halte, daß ein Unwohlsein die Abwesenheit seines Vaters unmöglich machte, fuhr er folgendermaßen fort: „Es sind jetzt gerade sieben Jahre her, seitdem mein Vater den Grundstein zu der Central-Synagoge in einem anderen Theile Londons legte, und während dieser Zeit sind noch mehrere gebaut und eingeweiht worden. Diese Thatsache muß uns Allen um so angenehmer erscheinen, als wir dadurch zur Uebeczeugung gelangen, daß jede neu errichtete Synagoge uns den neuen frischen Beweis von der Treue liefert, mit der unsere Glaubensgenossen an ihren allen Traditionen und Einrichtungen festhalten. Nicht allein im Alterthum, sondern selbst im finsteren Mittelalter, wo der Jude seiner Religion wegen der Verfolgung und Unterdrückung beständig ausgesetzt war, unterließ es dieser niemals, da wo er sich häuslich niedergelassen, ein Heiligthum seinem Gotte zu errichten und dessen Vorschriften gemäß zu leben, und obschon in neuerer Zeit wir die Gleichstellung mit unfern christlichen Mitgliedern erlangt haben, so bleiben wir dessen ungeachtet unfern allen Grundsätzen treu, und wohin wir auch gehen mögen, überall errichten wir in Unserer Mitte Heiliglhümer dem Gotte Israels. Vor etwa 200 Jahren existirte im Innern dieser riesigen Stadt nur eine einzige kleine Synagoge, und jetzt sind deren nach jeder Richtung hin in beträchtlicher Anzahl vorhanden. Als mein Vater vor einigen Jahren eine ähnliche Ceremonie wie die jetzige verrichtete, sagte er, daß die Juden die hohen Ehrenstcllen, die sie fast in allen Ländern und Staaten bekleiden, nur ihrer Energie, ihrem Reichlhume und ihren trefflichen Anlagen zu verdanken hätten. Er fügte aber hinzu, daß er alle diese Auszeichnungen für werthlos erachtet hätte, insofern sie nur mit dem Verluste ihrer Religion erkauft werden müß'en. Diese damals gemachte Bemerkung hat jetzt noch an Gewicht und Bedeutung gewonnen, und Sie werden mir sicherlich Alle beistimmen, wenn ich behaupte, daß die vielen inzwischen errichteten Synagogen und die jetzige angenehme Ceremonie der Grundstein'egung zu einer neuen den besten Beweis liefern, daß die Juden ihren alten Glauben noch nicht vergessen haben. Möge der Herr dies aufzuführende heilige Gebäude behüten und beschützen." Rumänien. I. F. Hamburg, 30. Juni. (Or.-Cor.) Ein mir vorliegender Brief aus Bottuschan und eine Correspondenz im „Presentul" am 25. d. M. setzen mich in den Stand, Ihne n einige nähere noch unbekannte Details über die Darabaner Judenverfolgung zu geben. Das zwischen dem Gutsbesitzer Cimara und den Juden entstandene Zerwürfntß bildete sich aus folgender Ursache. Hr. Cimara wollte, um sich aus Geldverlegenheiten zu retten, einen allen Vertrag wieder geltend machen, den die früheren Besitzer Darabant's, die Eltern der Frau Cimara, vor 45 Jahren mit den dortigen Juden geschloffen hatten Dieser Vertrag betraf eine jährliche Steuer, hatte auf 30 Jahre Gültigkeit gehabt und war schon vor 15 Jahren durch gerichtliche Entscheidung annullirt worden.

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