Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 27. (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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/ — 215 Feuilleton. Der letzte Jude. Viertes Kapitel. In des letzten Juden Hause war es still und einsam geworden, die Heiterkett und Freude der Jugend waren aus demselbeu gewichen. Nur hie und da wurde die unheimliche Stille durch Lämchens Stimme unterbrochen, welcher seinen Aerger und seinen Verdruß in Verwünschungen gegen die Schlechtigkeit der Welt, gegen die Undankbarkeit der Kinder in lauten Worten kundgab. Eingehüllt in ihre Unempfindlichkeit, wie die Auster in die Schale, hörte Esther in hartnäckigem Stillschweigen Lämchens Reden an, bis ihr Bruder zu directen Angriffen überging- Dann löste sich ihre Zunge zu Gunften der armen Abwesenden. Wie fast jeden Nachmittag, so saß auch heute Esther in der unteren Wohnstube am Fenster und nähte. Lämchen kam eben von einem Geschäftsgang nach Hause und Esther, als sie ihn sah, gmg ihm entgegen und nahm ihm Hut und Stock ab. Lämchen war während der letzten Zeit sehr gealtert. Sein Gesicht war gefurcht, die Augen eingefallen und das Haar beinahe weiß geworden. Die kleinsten Wege griffen den sonst so rüstigen Mann an. Auch heute war dies der Fall und müde und matt warf er sich in den Lehnstuhl. „Heut ist wieder eine Hitze, als ob unser Herrgott die Sonnenstrahlen uns direct ins Mark senden wollte." „Du gehst zu viel, Salomon," sagte Esther zu ihren: Bruder, ihm ein frisches Tuch reichend, damit er sich die Stirne trocknen sollte. „Du arbeitest zu viel und wofür, warum? Wir könnten ruhig von den Zinsen leben, statt —" Lämchen unterbrach sie lebhaft. „Kennst Du so gut meine Kassa? Woher weißt Du denn, daß mir von Zinsen leben können? Glaubst', ich werde mich auf die Bärenhaut legen und zusehen, wie rings herum Alles lebt und webt und Tag und Nächte lang der Rauch von den himmelhohen Schornsteinen zum Himmel aufsteigt? „Du bist doch nicht etwa im neuen Eisenwerk gewesen?" fragte Egher neugierig. „Was kümmern mich die Eisenwerke," brummte Lämchen vor sich hin. Elther kümmerte sich wenig um den Ton von Lämchens Stimme und fuhr ruhig fort. „Seitdem die Eisenwerke Eigenthum des Amerikaners sind, sagen die Nachbarn, soll ein ganz neues Leben dort entstanden sein. Und der Herr soll gar nicht stolz sein, ja er ist sogar schon mehrere Male bei unsernt Nachbar im Adler auf ein Glas Wein gewesen. „Durch Rolandsau gehst Du wohl gar nicht mehr, sondern hinten herum. Du grüßt keine Menschenseele und die Nachbarn geben dann alles mir anzuhören, wenn ich — und das ist selten genug — mich aus dem Hause wage!,, „Warum hörst Du sie an? Deine Schuld!" brummte Lämchen wieder „Meine Schuld?" rief Esther, die Brille abnehmend, als ob sie die Gesichtszüge ihres Bruders bester sehen wollte. „Ich kann doch den Nachbarn das Reden nicht wehren, und mir die Ohren verstopfen!" Sie machte eine Pause, um eine Antwort zu erhalten, da dies nicht geschah, sagte sie mürrisch: „Meister König war hier." Lämchen fuhr auf. „Bei mir? Du weißt doch, daß Esther unterbrach ihn. „Hab ich den Meister gerufen? Er sagte, er komme wegen unseres -Anwesens — das Du juni Verkauf int Bmtt ausschreiben ließest. Er wird später wiederkommen." „Ja so — richtig — ich vergaß." Esther suchte abermals die Gesichtszüge Lämchens zu studtreu. „Ist es denn wahr, was die Nachbarn sagen, daß Du fort willst von hier?" Lämchen lächelte bitter. „Diesmal sagen die Nachbarn die Wahrheit." Esther legte ihre Näherei fort und trat jetzt dicht vor Lämchens Stuhl. „So? Nun gut, jetzt will auch ich Dir die Wahrheit sagen, Salomon: „Alt bin ich geworden in diesem Hause, lieb ist mir das Städtchen geworden, wo wir so viel Leid haben auszustehen gehabt, und eh' Ihr mich nicht kalt und steif hinaustragt, kriegt Ihr mich nicht fort von hrer. Das merk' Dir, Salomon, das merk' Dir." Sagt's — und ging ohne eine Antwort abzuwarlen, rasch in ihr Zimmer. Lämchen sah ihr seufzend nach. „Ja, so Hab' ich auch gedacht, — aber es kam anders. Ich muß fort von hier! Es muß sein. Man kann die Erinnerung nicht weglügen, wenn jedes Haus, jeder Baum, jeder Weg uns einen Gruß aus der Vergangenheit entgegenwinkt. Bin ich fort, wird es vielleicht besser da drinnen, wenn kein Merkzeichen da ist, welches das Herz mir aufrüttelt, vielleicht Hab' ich's bald ganz verwunden." Er war während dieses Selbstgespräches aufgestanden und nach der Thüre gegangen, als diese sich plötzlich auflhat und Willner in derselben erschien. „Oho, heute entschlüpft Ihr mir nicht. Das Zeitungsblatt da, ist mein Passe par tont bei Euch," rief Willner, indem er Lämchen ein Zeitungsblatt entgegenhielt. Lämchen trat Anfangs etwas befangen zurück, dann sagte er mürrisch. „Ich habe noch Niemand, der in Geschäften kam, aus meinem Hause gewiesen!" „Oho, so kurz angebunden? Gut! aufdringen thut sich der alte Willner Niemanden. Ihr wollt Euer — Dings da —- Anwesen verkaufen?" „Deshalb habe ich's ausschreiben lasten." „Habt Ihr auch den Schritt wohl überlegt?" Lämchen fuhr auf. „Das ist meine Sache!" „Gut, gut, verharrt nur in Eurem Eigensinn. Also — ich — ich Hab einen Dings da — einen Käufer für das Anwesen," sagte Willner, mit Mühe seine Erregtheit bekämpfend. „So — und der wäre?" fragte Lämchen erstaunt. „Ein Mann, der ein Anwesen sucht. „Soll es ein Oekonomiegut bleiben? „Was denn sonst? Vielleicht werden auch Arbeiterwohnungen hierher gebaut!" „So? G»lt, aber das muß ich schriftlich haben." „Warum schriftlich?" „Weil ich der Gemeinde früher mein Wort gab, keine Jesuitenansiedlung aus meinem Anwesen — wenn ich es einstens verkaufe — machen zu lasten." Willner lächelte. „Nun, der Käufer, den ich Euch bringe, wird keine Jesuitenkolonie errichten." „Dann ntag er kommen, wir wollen dann weiter sprechen. Guten Morgen!" Lämchen wendete sich zum Gehen. „Hm! hm! Was ich sagen wollte — so bleibt doch," rief Willner rasch. „Wißt Ihr, daß wir Beide alt geworden sind — seitdem wir uns nicht sahen?" „Ist das alles, was Ihr mir sagen wollt?" „Nein, nein," rief Willner rasch. Wenn ich nur wüßte, wie ich beginnen soll, sagte Willner leise, und nachdem er sich einige Mal hinterm Ohre gekratzt, sagte er: „Wißt Ihr — d. h. das wüßt Ihr nicht, daß ich auf meine alten Tage Sehnsucht nach einem — Dings da — nach einem häuslichen Heerde bekomme, und daß ich vielleicht noch — Dings da — heirathen werde." Lämchen blickte erstaunt auf, als traute er seinen Ohren nicht. „Was? Ihr? Seid Ihr toll geworden? oder ein Hans- Narr?" fragte er. (Fortsetzung folgt.)