Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 27. (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
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214 bürg anhängig gewesenen Wechselproceß hat dieser Gerichtshof die Zeugnisie zweier russischen Geschäftsleute jüdischer Confession verworfen und zwar unter Anderem deshalb, weil die oben hervorgehobenen Bestimmungen der Allgem. Gerichtsordnung in Ansehung ausländischer Juden noch Gültigkeit haben. Auf die dagegen eingelegte Nichtigkeitsbeschwerde der verurtheilten Partei befaßte sich auch das Reichs-Oberhandelsgericht in der Sitzung vom 19. Juni c. mit dieser Sache, Es bestätigt zwar das Erkenntniß des Appellationsgerichts, indem es die anderen vom Appellationsrichter erwähnten Gründe für die Verwerfung der Zeugnisie der beiden russischen Juden billigte, dagegen enthielt sich der höchste Gerichtshof einer Prüfung der Rechtmäßigkeit der vom Appellationsgericht ausgesprochenen Ansicht, daß die Zeugnisie ausländischer Juden an sich keine volle Glaubwürdigkeit haben. (Wir empfehlen diese Angelegenheit unseren jüd. Abgeordneten zur Abhülfe.) Breslau, den 28. Juni. In den nächsten Tagen erscheinen im Schletter' schen Verlage die Joel'schen Gutachten, die Rohling'sche Schrift betreffend. Veranlaßt durch den Proceß eines klerikalen Blattes haben diese Gutachten, wie ich höre, mehr als vorübergehendes Jnteresie durch die eingehende Charakteristik des Verfahrens der Rohling'schen Quelle, Eisenmengers. Wir verfehlen nicht, schon jetzt das Publicum auf das geistvolle Schriftchen aufmerksam zu machen und behalten uns eine nähere Besp-^chung desselben vor. Aus Remete (Marmaroser Komitat) wird dem „P. I." eine Geschichte erzählt, die einerseits von der hohen Popularität zeugt, deren sich die modernen Wisienschaften bereits in den Kreisen des finstersten Religionsfanatismus erfreuen, andererseits aber von dem verdummenden Einflusie, den diese Religionsfanatiker auf die leichtgläubige Bevölkerung üben. „Vor etwa drei Monaten erschien in unserer Gegend ein jüdischer „Heiliger" mit einem aus mehreren profanen Personen bestehenden Gefolge. Der Heilige, ein junger Mann von höchstens 24 Jahren, war in ein weites, weißes, faltiges Gewand gekleidet, ein Barrel von derselben Farbe und demselben Stoff bedeckte sein erhabenes Haupt, während ein schwarzer Gürtel seine Lenden umschlang. Dem prophetischen Blick des jungen Wunderrabbi ging ein großer Ruf voran und zu Tausenden drängten sich bald die Israeliten unserer Gegend in die Behausung des ehrwürdigen Mannes, um von demselben Mögliches und Unmögliches zu erfahren. Und der Wundermann wußte Alles; kaum hatte er einen Bittsteller angesehen, als er sowohl über desien Namen als auch über desien Anliegen im Reinen war und der verblüffte Klient des Remeter Orakels legte ein reiches Ehrengeschenk auf den Tisch nieder, auf welchem ein mysteriöses Ding, einem umgestürzten rothen Topf nicht unähnlich, sichtbar war. Der Ruf des unfehlbaren Propheten nahm mit jedem Tage zu und jeden Tag füllt sich seine Kaffe immer mehr: schon dachte er daran, den Schauplatz seiner menschenfreundlichen Thätigkeit in eine andere Gegend zu verlegen, als ihn plötzlich das Verhängniß in Gestalt eines Szigeter Telegraphenbeamten ereilte, den die Neugier ebenfalls in das Vorzimmer des Wuudermanns gelockt hatte. Der Neugierige erwiederte im Vorzimmer den ihn aufhaltenden zwei Dienern, daß er ein Gastwirth von dort und dort sei, und daß es ihm seit länger Zeit schlecht gehe. Doch kaum hatte er zu sprechen angefangen, als er in einem Winkel das ihm so wohl bekannte Tik-Tak eines telegraphischen Apparats hörte. Erstaunt blickt er sich in dem Zimmer um, in dem sich außer einem großen Kasten kein einziges Möbelstück befindet. Schnell entschlossen reißt er die Thüre des Kastens auf uud^.— auf einen über einen telegraphischen Apparat gebeugten Jüngling fällt sein verdutzter Blick. Der vermeintliche Gastwirth rannte spornstreichs zu Gericht und nun kann die ganze saubere Sippschaft im Komitasgefängniß zu Sziget über die Vor- und Nachtheile der modernen Erfindungen im Dienste frommer Prophetie mit Muße Nachdenken. Constantinopel. Ein Reuter'sches Telegramm vom 18. Juni meldet, daß der Chacham Baschi eine Audienz bei dem Großvezier hatte und ihm eine Denkschrift wegen der Leiden, denen die Juden soeben in Rumänien ausgesetzt sind, überreichte. Bukarest. Dem „Wien. Jsr." wird von hieraus berichtet: Als Fürst Karl kürzlich in Plojeschti bei Kaiser Alexander zur Tafel war, fragte ihn dieser, warum noch kein amtlicher Bericht über die Judenverfolgungen in Darabani erschienen sei, und wer eigentlich an den wiederholten Exzeffen gegen die Juden Schuld trage. Fürst Karl antwortete verblüfft und zögernd, daß er noch keinen genauen Bericht besitze, ihn jedoch täglich erwarte, da ein höherer Gerichtsbeamter sich zur Untersuchung au Ort und Stelle begeben habe. An den Verfolgungen aber seien die Juden selbst Schuld, da sie sich nicht in das bürgerliche Leben schicken wollten. — Das genannte Blatt will diese Nachricht aus verläßlicher Quelle haben; wir glauben wenigstens soviel, daß Kaiser Alexander persönlich durchaus keine Judenverfolgungen oder Metzeleien haben will. Daß Fürst Karl selbst in die Rolle des Wolfes, dem das Lamm das Waffer trübt, verfallen sollte, bezweifeln wir, seine edlen Rumänen freilich haben selbst gegenüber den Scheuslichkeiten zu Darabani versucht, die Juden als die Angreifer und Verfolger hinzustellen. Aber nur für einen Augenblick, die Wahrheit war diesmal zu einleuchtend, oder das Ciumara'sche Ehepaar war vielleicht nicht gut angeschrieben und wurde daher nicht weiter in Schutz genommen. London, 28. Juni. Auf die heute im Unterhause erfolgte Interpellation des Serjeant Simon wegen der rumän. Judenverfolgungen erwiederte der Unterstaatssekretär, daß darüber vom engl. Consul in Bukarest noch kein Bericht eingetroffen. Sollten sich dieselben bewahrheiten, so würden bei der rum. Regierung die nöthigen Vorstellungen erhoben werden. NewHork. Bei einer jüngst abgehaltenen Versammlung des Bcrarck of Delegates wurde berichtet, daß derselbe eine Spezial-Commission ernannt habe, um eine Statistik über die amerikanisch-jüdischen Gemeindeverhältnisse u. s. w. zu sammeln. Man hatte sich an 300 Gemeinden und 125 Vereine gewendet, aber nur 174 Gemeinden, 99 religiöse Gesellschaften und 58 andere jüdische Institute sendeten die erbetenen Notizen ein. Die angemeldeten Gemeinden haben zusammen 11507 steuerzahlende Mitglieder, 11341 die Neligionsschulen besuchende Kinder und 597 Lehrer. Das Vermögen der 331 Gemeinden und Vereine (religiöse und humanitäre) beträgt 5,897,400 Dollars. Die Seelenzahl wurde auf 189,576 ermittelt. Rechnet man noch etwa 25°/„ für die nicht registrirten Gemeinden hinzu, so betrüge die jüdische Gesammtbeoölkerung der Verein. Staaten circa 250,000, von denen etwa 6O0O in New-3)ork wohnen. Es gibt 14 jüdische Hospitäler und Asyle; 15 Zeitschriften, 4 „geheime Orden", nämlich die Bnai Berith mit 50000 Mitgliedern, Free sons of Israel 8669 Mitglieder, Kescher schel Barsei 10,000, und noch ein anderer mit 2632. Die ältesten Gelneinden sind: eine in New-Iork vom I. 1684, dann in Laskaster Fa. 1776. eine in Philadelphia 1780, Charleston 8. 6 1789, Savannah 1790 und Richmond 1791. (Jew. Chr) — Bei der Versammlung legte ferner Hr. Simon Wolf einen Brief vom Staats-Sekretär Evarts über die Stellung der amerikanischen Nationalregierung zur Verfolgung der Juden in Rumänien vor, worin dieser sich dahin ausspricht, daß unser Gouvernement auf diplomatischem Wege alles Mögliche lhun wird, um diese» unmenschlichen Vorgängen einen Damm zu setzen. Herr Wolf theilte unter Anderem auch die auf diese Verfolgungen sich beziehenden Worte des amerikanischen Gesandten in Spanien, des Herrn C. Cushing, mit. Dieser Denkwürdige Ausspruch lautet: „Die Christen im Orient beklagen sich so häufig, daß sie verfolgt würden. Sie aber sind selbst die am meisten Verfolgungssüchtigen auf dem ganzen Erdboden. Das jüdische Volk sollte gepflegt, nicht aber geächtet werden!" (Debor.)