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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-07-04 · N° 27. (4.7.1877) · p. Seite 212

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 27. (4.7.1877)
Date
1877-07-04
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
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— 212 — Literatur, Geschichte und Religionsphilosophie in weiteren Kreisen bekannt gemacht haben, sind Schüler des Breslauer Seminars, junge und tüchtige Kräfte, von denen sich erwarten läßt, daß sie einst die kräftigsten Stützen der neuen Anstalt werden. Hr. vr. Kaufmann hat, wie ich höre, zugleich die Verpflichtung übernommen, nach Ablauf dreier Jahre, gegebenen Falles auch in ungarischer Sprache Vorträge zu halten. Neben diesen Herren ist Hr. Heinrich Deutsch, Director der jüdischen Landes-Lehrerpräparandie, ein ebenso gewiegter Pädagoge, als tüchtiger Theologe, als außerordentlicher Professor in Aussicht genommen, der mit der Vervollständigung der Anstalt, mit welcher eine allmälige Ergänzung der Lehrkräfte gleichen Schritt halten wird, vollständig für die Rabbinerschule gewonnen werden soll. Bios für Gymnasial-Fächer (Mathematik, Physik, Chemie, ungarische Sprache und Literatur u. s. w.) sind die in den betreffendeu Fächern hier zu Lande als Capacitäten anerkannten Herren: Dr. I. Kont und vr. S. Simonyi als außerordentliche Professoren, mit wöchentlich einigen Stunden ernannt. Die Wahl eines Lehrers für Naturgeschichte — in Ungarn obligater Lehrgegenstand an der Secunda — steht noch aus. Als Grundstock für die zukünftige Seminar-Bibliothek ist die von Prof. Lelio de la Torre hinterlassene Bibliothek angekauft werden, welche zahlreiche alte, vorzüglich italienische Druckwerke enthält. Der in einem Budapester jüdischen Blatte gebrachte Cherem, den die ungarischen orthodoxen Rabbiner gegen die zukünftige Rabbinerschule ausgesprochen haben sollten, ist das alberne Machwerk eines ungeschickten Falsificators. Der mir vorliegende Wortlaut des echten Cherem, der ganz andere Unterschriften als die in jenem Blatte angegebenen trägt, ist ungleich salbungsvoller, aber auch ungleich schneidiger. Wir denken: #271 *6 Qjn nbbp' Schweiz. Wisflisburg, (Avenches.) 20. Juni. (Or.-Corr.) Mittwoch, 6. d. M. starb in Zürich Herr M. G. Dreifuß, bis vor Kurzem Religionslehrer der isr. Gemeinde Zürich, früher Lehrer in Endingen, im Alter von 65 Jahren. An seinem Grabe hat Herr Pfarrer Furrer von Zürich eine Rede gehalten, welche in jüdischen Blättern erwähnt zu werden verdient. Ich sende Ihnen daher die „Schweizer Grenzpost" vom 11. d. M., welche die Rede, sowie einen Nekrolog über Herrn Dreifuß gibt, damit Sie wenigstens einen Auszug daraus mittheilen. B. Taube, w1ni8tre offtciant. Unsre Leser werden sich freuen, den Artikel vollständig kennen zu lernen. Er bildet ein Feuilleton des genannten in Basel erscheinendem Blattes und lautet: ^,Bei dem orkanartigen Sturm, der in entfesselter Macht, Freitag Nachmittags, über die Stadt Zürich zog, wurde aus dem dortigen israelitischen Friedhofe die irdische Hülle eines Mannes in die Erde gesenkt, der es wohl verdient, daß seiner erwähnt werde. Markus Dreifuß, bis vor kurzer Zeit Religionslehrer an der israelitischen Cultusgemeinde Zürich, früher Lehrer in Endingen (Argau), war von Jugend an ein begeisterter Pionier für Licht, Recht und Wahrheit und mit judendlichem Feuer kämpfte er unentwegt, für die Ideale des Schönen und Guten. Einziger Sohn wohlhabender Eltern, wählte er, materielle Vortheile verschmähend, den dornenreichen Beruf eines Lehrers. Ein eifriger Freund der Wissenschaft, hatte er sich den Weg zur Hochschule in Basel, wo er unter DeWette, Wackernagel, Fischer, Brönner, Linder und Stählin studirte, großentheils durch Selbstunterricht gebahnt und später bei Fellenberg in Hofwyl lehrend und lernend sein Wissen erweitert, das mehr in die Tiefe als in die Breite ging. Als Lehrer einer israelitischen Gemeinde war sein Hauptwirken darauf gerichtet, seinen Glaubensgenossen in moralischer und politischer Hinsicht ein menschenwürdigeres Dasein zu bereiten. Wie er nach Außen gegen alte verrostete Vorurtheile kämpfte und für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in der Schweiz stritt, in welchem Bestreben er von den Besten des Landes (theilweise Studienfreunde) wie Urech, Oberst Schwarz, Wieland, sodann Keller. Welti rc. rc. unterstützt und ermuntert ward, so wußte er nach Innen ourch Belehrung in Schrift und Wort das Licht der Aufklärung zn vere breiten und seme Milbrüder zu relnerm Wissen uno beffern Streben zu leiten. Ob auch der finsterste Zelotiunus seine giftigst n und gefährlichsten Waffen gebrauchte, um den biedern Kämpfer für Licht und Wahrheit zu verderben, mit Milde und ruhiger Entschlossenheit kämpfte der wackere Mann weiter bis an's Ende. Die Emanzipation der Juden in der Schweiz ist längst zur Thatsache geworden, und noch wenige Tage vor seinem Tode hatte der Verblichene die Genngrhuung, den letzten Rest der Einschränkung fallen zu sehen, als am 14. Mai der argauische Große Rath den Juden von Enoingen und Lengau das Ortsbürgerrecht ertheille. Ein Herzschlag entriß am Mittwoch früh den braven Mann dem Kreise einer zahlreichen und tieftrauernden Familie. Am offenen Grabe rief einer der Söhne in ergreifenden Worten dem geliebten Vater das letzte Lebewohl zu. Dann trat Herr Furrer, Pfarrer zu St. Peter, an den Sarg. Als ein besonderes schönes Zeichen der Zett verdient es hervorgehoben zu werden, daß ein protestantischer Geistlicher am Sarge eines Juden steht und Worte spricht, wie dies der hochbegabte Redner vom St. Peter gethan. Wie Prophetenstimmen drang es durch Sturm und Wetter in die Herzen der von Nah und Fern herbeigeeilten Verehrer des Verstorbenen. Die Worte, die sind nicht verhallt im Brausen des Sturmes; sie werden fortleben wie das Wirken des Verblichenen. Wir können es uns nicht versagen, diese Worte hier wiederzugeben. „Leidtragende Freunde!" so sprach Herr Furrer, „wir stehen am Grabe eines Mannes, dem der allgüllge Gott verliehen bis in die letzten Stunden seines Eroentages für die Ideale seines geistigen Lebens die unvernliilderte Kraft und Frische des Gemüthes bewahren zu können. Als schönsten Ehrenkranz dürfen wir auf sein Grab das Zeugniß legen, daß er die Grundsätze, die er einst mit jugendlicher Wärme erfaßt halte, für die er mit der besten Kraft seiner Mannesjahre eingestanden, auch sterbend noch festgehalten hat und daß er der Mahnung des großen deutschen Dichters eingedenk geblieben ist: „Saget ihm, daß, wenn er Mann fern wird, er nicht verachten soll die Träume seiner Jugelid, daß er nicht soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit, Begeisterung, die Himmelstochter lästert." Wenn aber ich, freundlichem Wunsche folgend, an seinenl Grabe rede, so thue ich dies nicht blos in dankbarer Erinnerung an das Wohlwollen, daß unser entschlafener Freund meiner geistigen Arbeit schenkte, sondern noch mehr auf Grund zweier großen Prinzipien, zu denen wir uns gemeinsani bekannt haben. Er wirkle in seinem Kreise mit aller Begeisterung für die Ueberzeugung, daß Freiheit des Gewissens und Glaubens zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehöre, daß alles, was die Menscheit wahrhaft groß und gut gemacht, nur in der Himmelsluft der Freiheit gedeihen und sich mehren könne. Ja, ihm war es zweifellose Gewißheit, gerade in urlserer Zeit müffe ein Jeder in freier eigener Geistesarbeit sich eine feste Ueberzeugung gewinnen, wenn anders er einen Halt haben wolle für Leben und Sterben, jeder müffe durch eigene Anstrengung die uralte heilige Wahrheit sich zum persönlichen Eigenthum niachen. Daher sei im Jntereffe der allgemeinen höchsten Lebensgüler und im festen Vertrauen auf die schließlich,: Allgewalt dessen, was Gottes ist, die volle Freiheit geistigen Lebens uno Sirebens zu gewähren. Aber Freiheit und Freisinnigkeit soll nicht Gleichgültigkeit gegen die Heiligthümer der Seele bedeuten, soll nicht leichtfertige Verneinuilg alles dessen sein, wofür einst die Väter geglüht, gekämpft und geblutet haben. Rein, es soll unvergänglich das Menschenherz eine heilige Stätte in sich bewahren.

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