Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 27. (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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211 mit vollem Rechte. Sehr wahr ist's, was er S. 8, die frühere Zeit mit der gegenwärtigen vergleichend, sagt: „Da mar weiter das innige Gemeindeleben, das die Mitglieder zusammenhielt, die übereinander wachten. Es war endlich die Kunde des Gesetzes und der Lehre allgemein verbreitet; die erhabenen Wahrheiten lebten in Aller Mund, und die heiligen Erinnerungen der großen Vergangenheit beseligten die Gemüther. Jetzt fehlen diese mächtigen Säulen. Die Worte der zeitigen Religionslehrer verklingen kaum gehört und unbeachtet, und ihre Belehrung wird nicht aufgesucht. Die Leitung und Erziehung der Jugend ist unter den verschiedensten Vorwänden ihnen entzogen. Das Gemeindewesen ist gelockert; die Zugehörigkeit der Willkür preisgegeben. Das Wort Gottes ist selten worden, die Kenntniß der heiligen Lehren nicht verbreitet; die Wahrheiten begeistern nicht so, wie ehedem, und die heiligen Erinnerungen sind zu einem Mythus erblaßt, der kaum noch erwärmt." Wahrlich das Vorgehen des Vorstandes ist nicht geeignet, die Zusammengehörigkeit der Gemeindemitglieder zu festigen, die Achtung vor dem Gotteswort, vor den: Religionslehrer, zu erhöhen! Die Herren am grünen Tische scheinen daran vergessen zu haben, daß nach dem „Austrittsgesetz" bureaukratische Ueberhebung gar nicht mehr am Platze ist. — Nachdem Uebrigens die Sache so weit gekommen, bleibt für den Vorstand weiter nichts übrig, als das Amt niederzulegen.) Hannover, im Juni. (Or.-Corr.) Der Streit über den Austritt aus der Gemeinde zwischen dem Rabbiner der Religionsgesellschaft in Frankfurt a/M. und dem Bezirksrabbiner zu Würzburg hat G. s. D. keine großen Dimensionen angenommen, worüber wir unsere Zufriedenheit aussprechen können. Das orthodoxe Blatt in Mainz sowohl, als dasjenige in Berlin beobachten ein tiefes Schweigen, eines, weil es nicht gegen seinen Schirmherrn aufzutreten wagen darf, und das andere, weil es das Feuer nicht schüren will. Merkwürdig ist es dabei, daß, wie in Frankfurt die jHKn *'£317 auf Seiten des dortigen Rabbiners stehen, während die sich der Ansicht des Rabbiners von Würzburg anschließen, auch hier dieselbe Erscheinung zu Tage tritt, und es ist vorauszusetzen, daß in allen Gemeinden sich dasselbe Verhältniß herausstellt.*) Aus diesem Umstande kann ein jeder über die Austrittsfrage noch Unentschlossene den Schluß ziehen, nach wem er sich zn richten hat. F. M. Leipzig, 24. Juni. Or.-Corr. In der hier seit April erscheinenden „Literarischen Correspondenz" las ich mit Jnteresie einen in Nr. 4—7 enthaltenden Artikel „Entwickelung der deutschen Literatur und Preffe im letzten Jahrzehnt," und registrire eine Stelle über das Judenthum, die zwar „süß-bitterlich" lautet, aber doch nicht ohne Interesse für uns Juden bleibt. S. 71 schreibt der anonyme Verf. in seiner übersichtlichen Besprechung der Preßerzeugniffe der staatsfeindlichen Kirche, der ecclesia militant Fo lgendes über die jüd. Presie. „An diesen geistigen Schlachten des Theismus wider den moderne : Staat hat das Judenlhum nur im geringen Maß theilgenommen; denn Alles was es braucht, Freiheit der geistigen und sozialen Bewegung, eine gesetzliche Grundlage als Religionsgesellschaft, die völlige Emancipation, hat der moderne Staat dem Judenthum gewährt; es ist daher auch in einem 10jährigen Zeitraum die jüd. Theologie von 13 Productionen im Januar 1867, darunter 5 Zeitschriften, auf 7 im Januar 1877 gesunken, dabei ist die Zahl der periodischen Organe des Judenthums dieselbe geblieben.**) Dagegen ist auf andern Gebieten der Literatur und Preffe ein Ueberwuchern des Judaismus zu bemerken, der nicht wenig beigetragen hat, die Qualität zu vermehren und die Qualität zu verschlechtern. Der semitische Stamm, so vor¬ *) Aber mit der allerdings sehr wesentlichenEinschränkung, daß in 49 Fünfzigstel der deutschen Gemeinden 49 Fünfzigstel der M i t* glieder sich Um den ganzen Streit überhaupt nicht kümmern und an Separation und Austritt gar nicht denken! (Red.) **) Der Verf. d. Art. hat von dem Wachs thum der jüd. Literatur sowie von dem Aufschwung der period. jüd. Organe keine Ahnung! treffliche Eigenschaften er auch besitzt, so viel ausgezeichnete Männer in Wiffenschaft und Kunst, in Politik und Handel er Deutschland geschenkt hat, ist doch im Großen und Ganzen — nulla regula sine exceptione — vaterlandslos, und das spiegelt sich auch in dem Theil der Preffe und Tagesliteratur wieder, an dem Juden sich hervorragend betheiligen. Man braucht nicht soweit w i e D i n g e l st e d t (in seinem Nachruf an seinen Freund Mosenthal in der „Gegenwart"; welche Nobleffe des Wiener Theaterdirectors gegen seinen soid-disant Freund, und in der Gewißheit, daß derselbe ihm nicht repliciren kann! -) zu gehen, der dem Judenthum (!) alles lyrische Talent in Dichtkunst und Musik (siehe Wagner!) abspricht und keine Freude daran hat, daß es sich auch der dramatischen Literatur bemächtigt (siehe Artikel „Concurrenz!); aber eine gewiffe aufdringliche Beflissenheit, das geistige Schaffen der deutschen Nation zu beherrschen, läßt sich doch nicht verkennen, und wird dem Judaismus durch seine angeborene Findigkeit, durch seinen Spürsinn erleichtert, der sofort herauswittert, was zeitgemüß ist, was nicht". — In Nr. 7 v. 23. Juni schreibt die literarische Corresp. in ihrer „Uebersicht über die Presse im Dienste des Handels" eine scharfe Polemik gegen die dilatorischen Pamphletisten, gegen Börsen- und Gründerschwindel, und wird schließlich Herr G l a g a u gründlich wegen seinen bekannten diesbezüglichen Flugschriften abgekanzelt, und durch das bekannte Citat aus dem Kladderadatsch selbst als eigenthümlicher Gründer — des Skandals — illustrirt. Worms, 27. Juni. (Or.-Corr.) Die hiesige jüdische Gemeinde hat kürzlich bewiesen, wie sehr sie das verdienstvolle Wirken ihres Rabbiners, Herrn vr. Stein, zu würdigen versteht. Beim Einzuge in sein neuerbautes Haus überraschte sie denselben mit einer prächtigen Studirzimmer-Einrichtung und zwei sehr werthvollen silbernen Girandolen. — Welches Vertrauen aber auch die politische Gemeinde in Herrn vr. Stein setzt, davon mag folgende Thatsache den Beweis abgebeu. Herr Reichstagsabgeordneter Heyl von hier hat beim Tode seiner Großmutter dem Bürgermeister der Stadt Worms 100,000 Mark zur Verfügung gestellt, wovon die Zinsen für junge, bedürftige Leute aller Confessionen, welche sich irgend einem Berufe widmen wollen, verwendet werden sollen. Dieser Tage nun sind die Verwaltungsrmtglieder ernannt worden. Der hochherzige Geber war so tolerant, für die Verwaltung dieser Stiftung 3 Protestanten, 3 Katholiken und 3 Juden zu bestimmen. Zu Letzteren gehört auch Herr vr. Stein, welcher mit dem Herrn Bürgermeister in den engern Ausschuß gewählt ist. Oesterreich-Ungarn. Von der Donau, 26. Juni. (Or.-Corr.) Wie ich aus zuverläsliger Quelle erfahren habe, ist die definitive Ernennung der Lehrer, mit welcher die ungarische Landesrabbinerschule eröffnet werden soll, bereits erfolgt. Der diesbezügliche Vorschlag der Seminarcommission hat die höhere Genehmigung erhallen, und sind den betreffenden Herren von Seiten des Cultusministeriums ihre Ernennungsdecrete bereits zugeftellt worden.*) Gewählt sind für die talmudischen Disciplinen: Rabbiner M. L. Bloch in Leipnik, ein im Talmudstndium ergrauter, allgemein anerkannter Lamdan von conservativer Gesinnung und modernen Umgangsformen, und S. L. Brill, Präses des Rabbinatscollegiums zu Budapest, ein Mann, den, neben ungewöhnlichen talmudischen Kenntniffen, modernes, vorzüglich bibliographisches Wissen, Scharfsinn und Charakterfestigkeit auszeichnen; für die sonstigen theologischen Lehrgegenstände: Hr. vr. Wilhelm Bacher aus Liptö Szt. Miklds (in Nordungarn), zur Zeit Oberrabbiner-Stellvertreter in S z e g e d i n und Hr. vr. David Kaufmann aus K ojetein in Mähren. Die beiden Letzteren, die sich durch zahlreiche, höchst anerkennenswerrhe wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiete der orientalischen Sprachen und der jüdischen *) Sie wurden am 27. Nachmittags vom Cultusminister Trefo rt in besonderer Audienz empfangen.