Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 27. (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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210 —; k Und nun haben wir wohl eine tiefergehende Wirkung des neuen Judensturms und eine gefährliche Wendung der Dinge nicht zu fürchten und am allerwenigsten einen Rückschlag auf dem Gebiete der gesetzlich und verfassungsmäßig festgestellten Rechte, aber Ab- und Gegenwehr ist nicht nur erforderlich — wir können die Angriffe nicht einfach verlachen, wie einst die der Senfft-Pilsach und ähnlicher Leute — sondern wir bedürfen dazu der Hülfe wohldenkender, d. h. fach- und geschichtskundiger und unbefangen urtheilender Christen. Denn die Gründe, die wir selb st oder wer auch immer Vorbringen können, sind unzähligemal auseinandergesetzt; Neues zur Abwehr sagen, ist eben so unmöglich, wie es den Gegnern einfällt, etwas Anderes zu thun, als daß sie seit undenklichen Zeiten Gesagtes wiederholen; es kommt also jetzt nur darauf an, wer es ausspricht. Es gilt natürlich das Wort der sich selbst Vertheidigenden da sehr wenig, wo es sich nicht um Fällung eines Urtheils, sondern um Vorurtheil handelt, wo man nicht richten, sondern verurtheilen will. Die neu erschienene Broschüre können wir nun in die vorder st e Reihe unter den neuerdings von C h r i st e n verfaßten Schutzschriften für Juden stellen. Sie ist kurz gefaßt (60 Seiten kleinstes Octav), sie ist ohne Pathos geschrieben , verräth nirgends die Absicht zu rechtfertigen oder zu vertheidigen, und giebt alles Wesentliche, was zu sagen ist; sie bietet Jedem, der sich belehren und ein Urtheil bilden will, vollegenügendes Material. Sie übertreibt auch zu G u n st e n der Juden nirgends, tritt dagegen den gewöhnlichen Angriffen entschieden entgegen, nicht blos entschuldigend und beschönigend. ES ist ferner noch hervorzuheben, daß die Schrift die Juden.schlechthin in Schutz nimmt, d. h. sie unterscheidet nicht zwischen sogen, gebildeten, aufgeklärten, fortgeschrittenen, reformirten rc. und den orthodoxen, die altväterliche Satzung beobachtenden Juden; sie nimmt nicht, wie die sonst treffliche Kolkmann'iche Schrift nur erstere unter ihre Flügel, während sie eine Antipathie gegen letztere recht erklärlich findet. (Forts, folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 24. Juni. (Or.-Corr.) Aus dem eben veröffentlichten Bericht des hies. Magistrats an die Stadtverordneten über die Schulenfrequenz der städtischen höheren Schulen ergiebt sich, daß das Elisabethgymnasium unter 627 Schülern 262, das Magdalenengymn, unter 755 Schülern 243, das Johannesgymn. unter 654 Schülern 93; die Realschule am Zwinger unter 617 Schülern 144, die Realsch. z. heil. Geist unter 612 Schülern 38 j ü d i s ch e zählt. Die evangel. höhere Bürgersch. Nr. 1 zählt unter 638 Schülern 86, die evangel. höhere Bürgersch. Nr. 2 unter 685 Schülern 29, und die kathol höhere Bürgersch. unter 510 Schülern 141 jüdische. .— Die höheren Töchterschulen weisen unter 1085 Schülerin nen 416 jüdischen Bekenntnisses auf^ — Diese Angaben ge nügen zwar nicht, um aus ihnen Schlüffe auf das Zahlen verhältniß der jüdischen Schüler unserer Stadt zu den christ lichen überhaupt zu erkennen, denn es fehlen zur Ergänzung noch die Angaben der beiden königlichen Gymnasien, des Friedrichs- und des Mathiasgymnasiums, von denen das erstere gleichfalls ein bedeutendes jüdisches Contingent aufweisen muß. Aber immerhin geben sie zu manchen interessanten Beobachtungen Anlaß. Bon 1036 jüdischen Schülern, welche mehr als Elementarkenntniffe sich anzueignen bestimmt sind, besuchen 598 ein G y m n a s i u m, 182 eine R e a l s ch u l e und 256 ein e höhere Bürgerschule. Es zeigt sich auch in der Wahl der Schulen der oftgenannte praktische Instinkt der Juden, welcher in der in der letzten Zeit immer erregter werdenden Debatte über die Zweckmäßigkeit der Realschule sich auf die Seite der Gegner der Realschule zu stellen scheint. Die besondere Vorliebe für das Gymnasium, die sich in der überraschenden Zahl jüd. Schüler an diesen Anstalten äußert, deutet dabei un Grunde auf eine Art von Idealismus der Eltern, die ihren Kindern nicht von vornherein die Möglichkeit der Studien rauben wollen. Bon Denjenigen aber, welche — gleichviel aus welchen Gründen — dies zu thun sich veranlaßt sehen, wendet sich, wie es scheint, die größere Zahl den noch jungen höheren Bürgerschulen zu, welche in dieser Theilnahme von Seiten des praktischen Sinnes der Juden einen Beweis dafür sehen dürfen, daß sie auf dem richtigen Wege sind. Eine zweite nicht weniger interessante Bemerkung, das Verhalten der Behörden bei der Anstellung jüd. Lehrer betreffend, läßt sich an diese Angaben knüpfen. Gerade die beiden coufessionellen Gymnasien sind zum dritten Theil, und wenn man von dem im Ganzen wenig von Juden benutzten Vorschulen absieht, vielleicht fast zur Hälfte von Juden besucht. Ursache davon ist ihre Lage in der Mitte der Stadt, wo auch die meisten Juden wohnen. Trotzdem scheint man immer noch durch die Anstellung eines jüd. Lehrers den Charakter der Anstalt für gefährdet zu halten. Ist das nicht eine Illustration zu denl in dem Artikel „Gewehr bei Fuß!" in Nr. 25 d. Bl. über diesen Gegenstand Ausgesührten? — Aus Oberschlesicn, 27. Juni. (Or.-Corr.) Ich ergänze Ihre Mittheilungen aus Gleiwitz in vor Nr. dahin, daß das an den Vorstand gerichtete Gesuch um Rücknahme der schmachvollen Maßregelungsordre gegen unseren verehrten Rabbiner von 120 beitragenden Mitgliedern, uyler denen sich die Aeltesten und Würdigsten der Gemeinde befanden, unterzeichnet war; dieselben sind in voriger Woche in schroffer Weise abschläglich beschieden worden. Außer dem Vorstande und einem Tcheile der Repräsentanten sind hier keine 20 Mitglieder, die das unerhörte Vorgehen des Vorstandes gegen den in 30jähriger Amtsführung ergrauten Rabbinen Herrn vr. Hirschfeld billigen. Wenn nicht Alle das Gesuch unterschrieben, so waren bei Vielen einzig und allein verwandtschaftliche oder geschäftliche Rücksichten, durch welche sie in einem Abhängigkeitsverhältniß zum Vorstände stehen, maßgebend. — Der Vorstand hat also die Hand zum Frieden, die ihm die Petenten gereicht, schnöde zurückgewiesen, und wie friedliebend auch die Gemeindemitglieder sind, so sind nunmehr durch das verletzende Verfahren des Vorstandes doch dahin gelangt, die Angelegenheit nicht auf sich beruhen zu lassen: ob sie nun in einer bereits vorliegenden Beschwerdeschrift sich an die König!. Neuerung wenden, oder einen anderen Schritt thun werden, darüber sind die Berathungen noch nicht geschloffen. (Wir fügen hinzu: Die beiden am letzten Peffachfeste gehaltenen Predigten des Dr. H., in welchen der Vorstand das erimen Inesns majestatis erblickt hat, liegen uns gedruckt vor und wir müssen gestehen, daß wir in denselben Nichts gefunden haben, was auch nur im Entferntesten einen Vorstand berechtigen könnte, dem Prediger die erniedrigende Zumulhung zu stellen, seine Predigten vorher dem hochweisen Collegio zur Censur einzureichen, oder im Weigerungsfälle — ihm gar die Kanzel zu entziehen. Der Text der 1. Predigt sind die Worte (Exod 3,12) „Wenn Du dieses Volk befreist aus Aegypten, dann sollt ihr Gott dienen an diesem Berge." In edler, herzgewinnender, begeisterter Sprache wird die „Krone der Erlösung" in diesem Gotldienen erblickt. Der Redner wendet sich im ersten Theile gegen jene seichte Gleichmacherei, die selbst alle berechtigten, religiösen Vorzüge aufgeben will, und damit schon frühzeitig, bei der Jugenderziehung, geginnt. „Die Erlösung erreicht ihre Bestimmung nicht, wenn Israel nicht seinem Gotte dient" ruft der Redner * I