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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-06-28 · N° 26. (28.6.1877) · p. Seite 202

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 26. (28.6.1877)
Date
1877-06-28
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 »■. ¥ . : üf* * t \ i J rechtfertigt findet!), wird der Fremde als der Unreine gehaßt. Darum erschlagen Dina's Brüder den Mann ihrer Schwester .. und die Töchter des Lot sagen: Es giebt keine Männer mehr. Aus dieser Feindseligkeit gegen alle Nichtjuden erklärt sich z. B. auch das Verhüllen der Esther (Cap. 9, 12 und 13)." Was den ersten Punkt betrifft, so könnte sich der Verfasser aus dem Wortlaute der Bibel leicht überzeugen, daß nicht Haß gegen Nichtisraeliten die eifervollen Söhne Jakobs zu jener That oder nach Jakob's Ausspruch zu jener „Unthat" getrieben (übrigens waren ja die Sichcmiten durch Annahme des Bundeszeichens nicht mehr Fremde, wenn auch bei den Israeliten zu keiner Zeit unsittliche Handlungen durch Annahme ihres Glaubens beschönigt oder vertuscht worden sind!), sondern ein fein ausgebildetes Ehr- und Sittlichkeitsgefühl; sie konnten die Verletzung ihrer Familienehre nicht verschmerzen und überwinden, wie auch der noch unverdorbene Absalom es nicht vermochte und für die Schändung seiner Schwester von Mutlerseite an seinem Bruder von Vaterseite sich auf gleiche Weise rächte — der zweite Punkt scheint uns zu delicat, um aus ihn näher einzugehen, womit wir ihn jedoch — das können wir versichern — als Beleg, für die Ansicht des Verfassers durchaus nicht billigen. — Der dritte Beweis aber ist ebenso wenig stichhaltig, wie der erste. Esther und die damaligen Juden wollten die Parteinahme des Königs für sie nur zu ihrem eigenen Schutze gegen die Judenfeinde gebrauchen, um Schrecken unter ihnen zu verbreiten; denn auch nach jener Genugthuung blieben die Juden im großen persischen Reiche eine verschwindend kleine Anzahl. Wie aber — diese Gegenfrage möchten wir doch stellen, — will der Verfasser vom Standpunkte der christlichen Moral aus (um von den unzähligen jüdischen Opfern und Märtyrern zu schweigen) das Verfahren des christlichen Kaiser Karl des Großen von Sachsen rechtfertigen, von denen 4500 an der Aller ohne zwingenden Grund auf seinen Befehl hingeschlachtet worden? Will er den Maßstab der modernen Humanität auch an diese Handlung anlegen zum Vorwurfe gegen das Christenthum, wie er ihn an die viel ältern biblischen Erzählungen anlegt, um gegen das Judenthum Waffen daraus zu schmieden? — Gewiß nicht! denn sonst hätte er gegen Ende seiner Abhandlungen nicht sagen dürfen: „Gottesliebe und Menschenliebe sind das vornehmste Gebot der Religion, der Humanität, des Christenthums." — Wir wollen nun noch unsere obige Behauptung von der Art des Vers., biblische Stellen oder einzelne Sätze zu seinem guten Zwecke zu verwerthen, etwas mehr zu erhärten suchen. Zum Beweise, daß die Juden schon seit ihrer Zerstreuung darauf bedacht waren und bedacht sein mußten, Vermögen zu erwerben, „um Geltung zu erlangen", führt er den Satz an: „Der Reichlhum ist wie eine feste Stadt, wie eine hohe Mauer" (2p. 18, 11). Im Zusammenhänge dagegen ist der Sinn der Sätze 10—12 folgender: „Ein fester Thurm ist der Name des Ewigen, auf ihn zu läuft der Gerechte und ist geborgen. Des Reichen Vermögen ist seine feste Burg, und wie (hinter) ragender Mauer ist er in seinen Prunkgemächern. (Aber) vor dem Falle wird stolz des Mannes Herz, und vor der Ehre ist Demuth (auf den Gerechten und Reichen angewandt.) — „Durch die Zähigkeit — schreibt W. weiter, — selbst Verschmitztheit wird er (der Jude) sich emporarbeiten, wenn auch auf Nebenwegen;" und als Beleg dafür wird angeführt (Spr 21,14): „Ein geheimes Geschenk beruhigt Alles." Abgesehen davon, daß der Satz ungenau wiedergegeben ist, kann auch dieser Vers nur in seinem Zusammenhänge mit dem vorhergehendem und dem folgenden verstanden werden. Diese drei Sätze lauten, besonders in Anwendung auf den Richter: „Wer sein Ohr verschließt vor dem Wehklagen des Armen, der wird ebenfalls rufen und kein Gehör finden. Eine Gabe im Geheimen stillt (wohl) Zorn und Bestechung im Stillen heftigen Grimm. (Doch) eine Freude ist es dem Gerechten, Recht zu üben, aber ein Schrecken den Uebeithätern." Was da noch über talmudische Maximen folgt, daraus wollen wir weiter nicht eingehen; denn wie geartet die Einsicht des Vers, in den Talmud ist, geht aus seinem „klaren" biblischen Wissen hervor. Ebensowenig wollen wir das Weitere von der Ironie reden, mit der zuletzt der Satz hingestellt wird. „Der Jude wird sich äußerlich, doch nicht inwendig erniedrigen, er wird sich sein Gesetz bewahren." Der wahre Jude erniedrigt sich weder äußerlich noch inwendig : er konnte und kann in Wahrheit auch von seinen Feinden nicht erniedrigt werden. „Man kann uns niedrig behandeln, nicht erniedrigen," läßt Schiller die gedemülhigte Königin sagen. Wir erniedrigten uns vielleicht durch Zurückweisung derartiger Scheinangriffe, wenn mir sie nicht eher für weniger gebildete Juden und unbefangene Christen unternähmen, denn als Bekehrungsmittel für Herrn Wittstock; ist ja „Bekehren" überhaupt nicht unsere Sache! Braunschmeig. vr. Kusznitzki. (Siehe die folgende Corresp. aus „Culm." Red.) Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Culm, 18. Juni. (Or.-Corr.) „Die Bibel und die deutsche Jugend." Unter dieser Aufschrift erschien in der Mai-Nummer der „Westermann'schen Monatshefte" l. I. ein von H. A. Wittstock herrührender Aufsatz. Der Verf. weist an der Hand historischer Daten nach, wle schon in den ältesten Zeiten von den Kirchenvätern und später auch von den Päpsten das fleißige Bibellesen nachdrücklich empfohlen wurde und wie daffelbe, namentlich seit Luther das Ziel und Centrum des gesammten Unterrichts in der Volksichule geworden war. Nrtr in unserer Zeit sei der Gebrauch der hell. Schrift beim Volke in Abnahme gekommen, sowie auch die neuesten Reformen auf dem Gebiete des Volksschulwesens eine für die Bibel ungünstige Richtung verfolgen. Aber auch diejenigen, welche für Beibehalung der Bibel an der Volksschule eintrettN, seien gelheilter Meinung über den Gebrauch derselben. Während die Einen einen Bibelauszug zum Schulgebrauch für angemessen erachten, vertheidigen die Andern hartnäckig die Integrität der Schrift und wollen keinerlei Zerstückelung des Textes gestatten. Da nun dre Lösung dieser Frage auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß, so habe sich eine dritte Partei gebildet, welche dahin arbeitet, daß Luther's Text unter möglichster Beibehaltung desselben der heutigen Sprachforschung entsprechend verbeffert werde. Man muß, sagt der Verf., die Bibel vor das Forum der Philologre bringen, die Bibelübersetzung in den verschiedensten Sprachen studiren und auf dem Wege der Sprachvergleichung eme correcte, leichtverständliche und im Ausdrucke decente Uebersetzung Herstellen. Besonders könne hiebe: die französische Uebersetzung als Muster dienen, wo z. B. Abraham zeugte den Isaak (Genes 25. 19) mit Abraham kut pdre d’ Jsaac übertragen wirb. „Aus der Hand der Philologte, meint H. W., wird die deutsche Schule die Bibel abermals empfangen und dieses Buch der Bücher mit seiner reichen Erfahrung

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