Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 25. (21.6.1877)
- Date
- 1877-06-21
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583384-9583582--3173-9583588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
— 198 i A > durchschnitten; die Synagoge wurde erbrochen, alle darin befindlichen geheiligten Gegenstände wurden auf die Straße geschleppt, unter dem Gejohle der besoffenen Meute mit Füßen getreten und in tausend Stücken zertrümmert. Der Werth der geraubten Waaren, Geld- und sonstigen Werthsachen wird auf mindestens 90,000 Dukaten veranschlagt, 400 Familien sind obdach- und brodlos geworden. Von den nach der Stadt Dorohoiu in's Spital geschafften mißhandelten Juden sind bereits mehrere ihren Wunden erlegen. Nachdem der traurige Akt vollbracht war, erschien der Präfect und der Procuror aus der Stadt Dorohoiu, nahmen mehrere Verhaftungen vor und leiteten sofort Untersuchungen ein. Nachschrift. Es bestätigt sich, daß die Furie von einem Weibe und ihre 20 griech. Diener verhaftet sind. Zugleich kommt die Nachricht aus Jassy, daß rum. Studenten in die jüd. Verkaufsläden Feuer gelegt; 20 solcher wurden zerstört. Vermischte und neueste Nachrichten. L. Aus dem Großherzogthume Sachsen. Anfangs Juni. (Or.-Corr.) A»l 29. v. M. hat zu St. Lengsfetd ein edles Lehrerherz aufgehört zu schlagen. Der emeritirle Lehrer Hirsch Hecht, der früher als Cultusbeamter zu Aschenhausen eine achtunggebietende Stellnng einahm, war im Jahre 1871 durch körperliche Schwäche veranlaßt seine Pensionirung zu erbitten, welche ihm auch in ehrenvollster Weise gewährt wurde und nahm dann seinen dauernden Wohnsitz in Lengsfeld. Unerwartet rasch erlag er dort einem Herzleiden. Derselbe hatte es verstanden, durch ein musterhaftes Familienleben, durch treue Anhänglichkeit an der Religion seiner Väter, durch Förderung aller gemeinnützigen Bestrebungen, durch freundliches Entgegenkommen gegen Alle die mit ihm verkehrten, sich alle Herzen zu gewinnen. Seine Erkrankung und sein Hinscheiden riefen die aufrichtigste Theilnahme bei allen Confessionen und Berufsklaffen des Ortes hervor. Die Sympathien, die der Verlebte genoffen, gaben sich durch ein zahlreiches Geleite zur letzten Ruhestätte, am 31. v. M. kund. Der Landrabbiner Dr. Kroner verstand es in meisterhafter Rede am Grabe des Treuen über einen braven Manne Ausdruck zu geben und wählte hierzu, in gelungener Weise anknüpfend an den Wochenabschnittt, das Bild der Menorah. Ein erhebender Grabgesang von den Lehrern des Ortes und der Umgegend schloß in würdiger Weise die ernste Feier. Das Andenken des wackeren Lehrers wird in Ehren fortleben! Karlsstadt Die hiesige jüd. Gemeinde wollte sich, um den christlichen Mitbürgern einen leuchtenden Beweis ihrer Brüderlichkeit zu geben, an der Illumination gelegentlich des jüngsten Papstjubiläums betheiligen. Da einige Mitglieder dies für unjüdisch hielten, wandte man sich rathfragend an den Pester Vorstand, welcher — wie der „Wien. Jsr." wissen will — die telegr. Antwort ertheilte, mit der Illumination bis zum 50jährigen Jubiläum ihres — Rabbiners zu warten. Paris. „Arch. Jsr." berichten einen Fall von einer aus christlicher Liebe vollzogenen Taufe eines kleinen jüdischen Kindes. Eine unglückliche Jüdin war zu zweijährigem Gefängniß verurtheilt und büßte die Strafe in Saint Lazar. Sie hatte ihr noch nicht dreijähriges Mädchen bei sich Dieses erkrankte an^der Bräune, der Kehlkopfschnitt wurde vorgenommen, ohne Erfolg; die Nonnen der Anstalt pflegten das arme Kind recht liebevoll und setzten der Mutter so lange zu, bis sie, vor Schmerz nicht mehr ihrer mächtig, einwilligte — wie jene behaupten — des Kindes Seele durch Taufe zu retten. Das Kind starb und ist nun kirchlich beerdigt. — Immer wieder fragt das empörte Gefühl und der gesunde Verstand, ob derartige nur auf Seelenfängerei hinzielende Liebe, Barmherzigkeit, Pflege u. s. w. noch den mindesten Anspruch auf jene ehrenden Bezeichnungen hat. — Unter den von der Negierung des 16. Mai removirten Präfekten befindet sich, wie fast selbstverständlich, auch Herr Hendls. London. Nachdem erst vor einigen Wochen eine neue große Synagoge in Nord-London eingeweiht worden ist, hat in voriger Woche wieder die Grundsteinlegung zu einer im Westend neu zu erbauenden stattgefunden. Die dort befindliche Synagoge in Bayswater, schon bis jetzt wohl die größte in London, ist längst unzureichend, kleine Erweiterungen genügten nicht und so wird jetzt für die eigentlich fashionable Judenheit Londons ein neues Gotteshaus erstehen. Sie soll schöner und größer werden als alle anderen älteren und neueren Synagogen in England. „Jew. Chron." bringt eine Abbildung der künftigen Hauptfacade, welche allerdings sehr schön zu werden verspricht. Constantinopel. Baron Hirsch, der der Alliance eine Million Frcs. zur Förderung der jüd. Schulen in der Türkei spendete, hat jetzt der türk. Regierung eine Anleihe von 500,000 Pfund angeboten. In W i d d i n wird ein jüd. Freii, willigencorps gebildet, dessen Führer, der Pascha Abu-Hassan | (Chasan), ein strengrellgiöser Jude ist. (Wien. Jsr) Rußland. Nach neuester Berechnung wohnen im ganzen russischen Reiche 1,630,000 Juden, davon im Kaukasus 21,600, in Sibirien 7000. Tiflis. Vor einiger Zeit, gleich beim Ausbruch des Krieges, brachten die Journale kurze telegraphische Berichte über ein in der Nähe des asiatischen Kriegsschauplatzes auf russischem Gebiet ausgebrochene Judenverfolgung. Die Nachrichten lauteten sehr unbestimmt und unzuverlässig, wir haben sie umsoweniger hier mitgetheilt, weil derartige Depeschen den Lesern ohnehin durch die Journale bekannt werden. Später las man, daß das russische Journal „Kawkas", in Tiflis erscheinend, die Berichte bestätige und Details angebe. Es liegt uns nunmehr der Bericht jenes Blattes in offenbar ganz officieller Form, in hebräischer Uebersetzung im Hazephira vor, wir geben ihn abgekürzt. „Der Gouverneur zu Tiflis, Baron Osten Sacken, berichtet dem Statthalter, Großfürst Michael, daß am 4. April in Sucom, Prov. Garai, Unordnungen entstanden sind. Der Sachverhalt ist dieser, ein Bauer, der an der Eisenbahn arbeitete, sah zwei Juden, Brüder, vorüberreiten. Alsbald folgte diesen ein Schwarm von Männern und Weibern, welche schrieen, die Juden hätten den Sohn des Dorfarztes (Zirulink) gestohlen. Jener Bauer, der auch Arzt ist, glaubte, es sei von seinem Knaben die Rede und schloß sich den Verfolgern an. Man traf den Distrikts-Pristaw und theilte ihm die Sache mit, dieser begab sich nach Surom, war aber noch nicht dort angelangt, als eine Menge von Bürgern und Bauern bereits das Haus der beiden jüdischen Brüder attakirte. Obgleich nun der Pristaw Gewaltthat verbot, stürzte sich doch jener erwähnte Bauer auf den einen der Brüder und schrie, er solle ihm sein Kind geben. Die Menge hierdurch noch mehr erregt, mißhandelte sowohl beide Brüder wie andere Juden der Stadt, bis der Pristaw Militär holte und für den Augenblick Ruhe herstellte, dann begab er sich in das Dorf, um über den Knaben Untersuchung anzustellen. Als er aber sich entfernt hatte, stürzte sich die aus 1500 Menschen bestehende Menge, der die requirirteu 20 Soldaten keinen Widerstand leisten konnten, wieder auf die Juden, und plünderten ihre Häuser unter dem Vorwände, den Knaben dort zu suchen. Von den daselbst befindlichen ca. 60 jüdischen Häusern wurde kein einziges verschont; in den Synagogen und den Bethäusern zerriß die Menge die Thorarollen und Gebetbücher und sämmtliche Utensilien. An 25 Personen sind verwundet worden, die dem Krankenhause überliefert werden mußten; selbst die Weiber und Kinder der Juden verschonten sie mit ihren Hieben nicht. — Noch während der Hitze des Kampfes kam der Beamte aus dem Dorfe zurück mit der Nachricht, daß der Knabe sich zu Hause wohl und munter befinde und gar nicht von dort entfernt gewesen sei; er hatte blos, als er vermißt wurde, mit andern Kindern hinter dem Hause gespielt. Obgleich diese Miltheilung das Volk ein wenig beruhigte, mußte der Beamte doch noch Gewalt gebrauchen, und nur mit Hilfe der Soldaten wurde die Ordnung wieder wieder hergestellt. Das Gericht hat eine strenge Untersuchung eingeleitet."