Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 25. (21.6.1877)
- Date
- 1877-06-21
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9583384-9583582--3172-9583587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 197 — -eil unzureichenden Mitteln, theils an mangelnder Theilnahme in den Provinzen, an den Orten also, wohin sich die Wirksamkeit zu richten hätte Es sei erforderlich, die zerstreuten Kräfte zur Mitwirkung heranzuziehen und zu dem Behufe, Zweigvereine zu bilden. Im I. 1876 sind an neun Gemeinden Subventionen für Schulzwecke bewilligt worden, im Ganzen 1200 fl. Es leuchtet ein, daß es sehr schwierig sein, ja unmöglich erscheinen muß, bei der ungeheuren Anzahl kleiner oder armer Gemeinden, die ans dem ganzen Kaiserstaate (auch ohne Ungarn) sich hülfesuchend an die Allianz wenden mögen, eine Auswahl zu treffen und bei den so großen Ansprüchen gegenüber ganz winzigen Mitteln auch nur etwas zu thun. Es ist daher am Platze, wenn wir hierüber den Bericht selbst sich aussprechen lassen: „Betreffend die Höhe und die Dauer der zu ertheilenden Subventionen ließ der Vorstand sich von dem Grundsätze leiten, daß junge oder erst entstehende Institute durch längere Unterstützung zu befestigen und lebensfähig zu machen seien. — Wohl sind wir uns bewußt, daß ein weites Feld für unsere dießdezügliche Thäligkeil in Galizien offen gelegt ist Wenn nun auch unsere Geldmittel in keinem Verhältniß zu den dießhalb vorgesteckten Aufgaben stehen, so könnte dennnoch durch kräftiges Zusammenhalten viel geschehen. Unserseits wurde so Manches eingeleitel, um dasselbe wach zu rufen, und wir würden einer Jnmative, die hieraus hervorginge, bereitwilligst entgege>lkommen. Indem unser Augenmerk unablässig hierauf gerichtet bleibt, haben wir vorerst einen kleinen Anfang gemacht, indem wir der Gemeinde Czortkow über das von derselben an uns gestellte Ansuchen eine Unterstütznng in ihren Schulzwecken bewilligten, wie es unfern Bemühungen auch gelang, einen daselbst gegründeten Handwerkerverein der Beachtung der Vorgesetzten hohen Behörde nahezulegen. Mehrere andere gleichartige Bestrebungen, die wir in die Sphäre unseres Wirkens einbezogen, entziehen sich ihrer Natur nach einer weiteren Erörterung." Schließlich wird über die dritte Richtung der programmmäßigen Thätigkeit, Unterstützung und Förderung literarischer Leistungen, berichtet, daß an verschiedene Autoren zur Herausgabe ihrer Werke Subventionen gezahlt worden und. (Darunter an Dr. Zuckermandel zur Herausgabe der Tosephta.) Weiter wird gemeldet, daß wegen Herausgabe einer „Rechtsgeschichte der Juden in Steiermark" und der „Geschichte der jüdischen Gemeinden im Olmützer Eczbisthuin" Verhandlungen gepflogen werden. — Die Gesammlzahl der Mitglieder, welche Jahresbeiträge zahle», betrug 402, mit 2448 fl. Beitragssumme. Rumänien. Auf Antrag einiger (zunächst der jüdischen) Mitglieder des Unterhauses hat die englische Regierung ein Blau buch über das Verfahren Rumäniens und Serbiens gegen die dortigen Juden vorgelegt. Es sind Depeschen. Berichte u. s. w. aus dem Zeitraum von Ende März 1867 bis Anfang April 1877. Erfährt man aus dem stattlichen Bande (359 Seiten) und der großen Anzahl von Aktenstücken auch nichts Neues, so ist doch die amtliche Bestätigung der alten Klagen der Juden werthvoll; erfreulich ist der Umstand, daß die englische Regierung sich veranlaßt findet, ein besonderes Buch über jüdische Angelegenheiten vorzulegen, was bisher noch nie und nirgends geschehen ist; wohlthuend ist endlich der Eindruck des Ganzen wenigstens in der Hinsicht, daß wir erkennen, wie die englische Regierung, zumeist in Uebereinstimmung mit den Vertretern der anderen wirklich civilinrten Länder, doch allen voraus sich unentwegt der bedrängten Inden in Rumänien und Serbien angenommen hat. Freilich im Grunde — vergeblich, denn es isr weiter nichts erreicht worden, als daß den Excessen des Pöbels und den Bubenstücken der rumänischen Regierung nach gewisser Frist eine gewisse Schranke gesetzt worden ist. Indem wir dies halb-negative Resultat des Blaubuchs und aller zehnjährigen diplomatischen Mühen constatiren und als vorerst unabänderlich auf sich beruhen lassen, geben wir auszüglich einige der Betrachtungen, welche englische Blä tter an das Blaubuch knüpfen. Man sieht nun, sagen sie, wie gerecht das Mißtrauen gegen die Russen als „Bertheidiger der Religionsfreiheit" ist, wie berechtigt die Furcht, daß die Staaten, welche gleich Rumänien und Serbien, unter russischem Patronat aus dem Leibe der Türkei zurechtgeschnitten werden sollen, den Juden eine Hölle sein werden. — Gortschakoff hat allerdings auch seine Agenten in Rumänien angewiesen, gegen die Ertränkung der Juden in Galatz und das Blutbad zu Kahul zu protestiren. Aber diese Scenen sind revolutionärer Art gewesen, dergleichen ifl Rußland überall ein Greuel; gegen legale Brutalität hat Gortschakof nichts einzuwenden; er gleicht jenem Arzt, der den Patienten ruhig todt machen läßt, wenn es nur nach den Regeln der Kunst geschieht, wenn nur der Quacksalber die Hand aus dem Spiele läßt. — Das Blaubuch, sagt „Saturday Review“, hat im Uebermaß diejenigen gerechtfertigt, welche stets behauptet haben, daß die türkischen Rajahs nicht besser seien, als die Türken. Die Geschichte der Juden in Rumänien und Serbien i)t das Gegenstück zu der Behandlung der Rajahs durch die Pforte, und wenn die Gleichheit nicht vollständig ist, so sind die Rajahs besser behandelt worden, als die Juden, zumal wenn man bedenkt, daß letztere sich nie empört und daher zu Massen- Metzleien, wie sie in Bulgarien vorgekommen sind, nie den leisesten Vorwand gegeben haben. Dagegen zeigt sich auf Seiten der Türkei nirgends jene tagtägliche Tyrannisirung, jener fanatische Haß. jenes tiefe Verlangen. Grausamkeiten zu üben, wie sie uns im Blaubuche von den Rumänen und Serben gegenüber den Juden berichtet werden. — Dasselbe Blatt spricht weiter in Ausdrücken tiefer Entrüstung über die freche und verworfene Verlogenheit, mit der die rumänischen Machthaber stets die Greuelthaten zunächst rundweg abgeleugnet haben, über die als ein Spott erscheinenden Untersuchungen, die erpreßten Aussagen, die Zurückweisung jüdischer Zeugnisse u. s. w. (Schluß folgt.) Bukarest, 9. Juni. Ueber die in vor. Nr gemeldeten Judenhetzen in Darabana erfährt man die folgenden positiven Details: Sowohl die christlichen wie auch die jüdischen Insassen des genannten Städtchens stehen mit dein Grundeigenthümer Ciumara in einem jener Lebensverhältnisse, deren Abwickelung durch spezielle Gesetze geregelt, im Zuge ist, die aber schon an vielen Orten zu Prozessen zwischen den Grundeigenthümern und den sich ablösenden Insassen geführt hat. Am 3. Juni, kam die Gattin Ciumara's von ihrer Besitzung um die achte Morgenstunde nach Darabana; sie saß in einer offenen Kutsche, hielt zwei Revolver in den Händen, hatte zwei mit langen Pistolen und Aatagans bewaffnete Arnauten vorne auf dem Kutschbock und fuhr durch das ganze Städtchen, wo es eben wegeil des Wochenmark.es von Bauern aus den umliegenden Dörfern wimmelte. Die Dame rief laut und v rnehmlich den Bauern zu, sie sollten über die Juden hersallen. sie schlagen, sie tobten und sich dann die Habe derselben als Belohnung theilen. Hinter ihrer Kutsche fuhr ein Gutsoerwalter Eiumara's, der mehrere Füßchen Branntwein auf seinem Wagen hatte, die alsbald auf der Straße abgeladen und den Bauern gespendet wurden. Jeder konnte unentgeltlich trinken, so viel ec wollte und so viel er vernwchte. Die Dame hatte auch 20 Griechen von ihrem Gute mit sich gebracht, welche die Bauern ebenfalls aufhetzten und sich — nachdem der Schnaps seine Wirkung gethan hatte — an die Spitze derselben stellten und über die Juden Hersielen. Vierhundert jüdische Häuser wurden ganz ausgeplündert. Die Waaren aus den Bilden der Juden wurden auf Bauernwagen geladen; alles Geld, Silberzeug, Schmuck geraubt, die Bücher oder Schriften verbrannt oder zerfetzt, alle Juden, ohne Ausnahme, thatfächlich mißhandelt, Weiber, Greise und Kinder nicht ausgenommen; Vielen wurden durch die Yatagans der Arnauten die Sehnen