Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 25. (21.6.1877)
- Date
- 1877-06-21
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. Die Gräfin von Rolandsau befand sich heute mit Alfred und der Dienerschaft auf ihrem Gute Waldstraß und erwartete dort ihre Gäste zum Erndtefeft. Alfred saß gedankenvoll am Fenster und sah den Vorbereitungen der Landtleute zum Feste zu, und die Gräfin blätterte in einem Album. Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich sollte Dir böse sein. Alfred, daß Du mich seit einiger Zeit fast ganz vernachlässigst. Reisen, Jagden nehmen fast Deine ganze Zeit in Anspruch, während ich einsam mit Fremden lebe." Alfred wandte sich rasch vom Fenster ab, dunkle Röthe überflog sein Antlitz. „War es nicht Dein Wunsch. Mama, — daß ich auf Reisen ging? Ich verdiene daher nur halb den Vorwurf." Alfred liebte ferne Mutter unaussprechlich und es that ihm weh, aus ihrem Munde einen Vorwurf zu hören. Die Gräfin lächelte. „Kein Vorwurf Alfred! Im Gegentheil, ich seh' es recht gern, wenn sich das junge Herz im großen Strom des reichen Lebens badet, und Vieles durchempfindet und erlebt — es stählt das Herz — den Sinn für's Alter. Ich ließ Dich deshalb leben — schwärmen, weil ich Dich kenne! Wußte ich ja doch, wenn Du recht müde wirst, ziehl's Dich ja wieder an das Herz der Mutter." Alfred küßte ihr bewegt die Hand. Die Gräfin fuhr fort, indem sie Alfred zu sich auf's Sopha zog: „Ich weiß, ich weiß, Du liebst mich, Alfred, und weil ich Dich liebe, wie nur ein Multerherz lieben kann, ließ ich Dich ganz frei und am Altar der Romantik opfern; denn wie lange währl's — kommen die Märchen dem Menschen aus dem Sinn." „Ich glaube die Märchen der Jugend verblieben uns als süße Erinnnerung für das Alter." Die Gräfin lächelte schmerzlich. „Nicht immer, mein Sohn, denn gar oft möchte man sie verbannen. Die Zeit erscheint, wo man sich nach einer Ruhestätte sehnt und nach dem heiligen Zauber sucht, welcher uns die Scholle werth macht. Ich null — da Du das Alter erreicht, wo man zu suchen beginnt — sie dir nennen, lieber Alfred. Der Zauber heißt: „Beglückeil und beglückt sein", hast Du diesen Zauber erst gesunden, dann hast Du Ruhe vor den Dämonen der Lust, die Dich mit der Jugend Flattersinn unstät wandernd treiben. Des Frühlings Kinder hast Du satt geküßt, Du bist Mann, nun genieße des Sommers Frucht. Am heutigen Tag wollte ich den Grenzstein setzen zwischen dem was war und dem was beginnt." Alfred sah seine Mutter mit Blicken an, in denen mehr Erstaunen, als irgend etwas Anderes zu ligen schien. „Wie soll ich Dlch verstehen, Mama? Ist heute meine Jugend aus?" „Es beginnt ein neues Glück für Dich! Hör' mich an, mein Sohn. Dein Vater starb früh, nach einem prunkliebenden Leben und hinterließ mich als Wittwe mit Dir, dem einzigen Sohne. Trotz vieler Freier heirathete ich nach dem Tode meines Gatten nicht mehr, sondern lebte einzig und allein Deiner Erziehung. Da ich jedoch einsah, daß die Erziehung eines Mannes unter weiblichen Händen nicht gerathe, schickte ich Dich frühzeitig in eine Pension, dann auf die Universität und auf Reisen. So war ich denn allein, auf mich und mein Herz angewiesen. Kann es Dich befremden —■ daß ich in dieser Einsamkeit nur an Dein Glück gedacht? Die Mütter spinnen ihrer Kinder Glück oft insgeheim, auf ihre Art — und so kommt es nun, daß auch ich Dich mit einem schnellen Glücke heute überrasche. In dieser Stunde grüßest Du die Braut —" „Die Braut? meine Braut?" rief Alfred und sprang erregt auf. „So ist es. Clotilde von Hohenwart — Du kennst sie 199 — wohl — das holde Kind, das Dich auf dem Balle des ita - lienischen Consuls vor zwei Jahren so entzückte Damals schwärmtest Du für Clotilde — die zum ersten Male in die Gesellschaft eingesührt wurde. Erinnerst Du Dich noch? —" Alfred sah seine Mutter starr, mit einem Ausdruck von Zerstreutheit an, und es hatte beinahe den Anschein, als ob er das, was sie sprach, gar nicht anhöre, sie nur sprechen sehe. „Gewiß — gewiß, ja — ja", sagte er, nachdem seine Mutter eine Pause machte, als erwarte sie Alfreds Antwort. „Ich Hab' sie für mein liebstes Kind gewonnen und bin nun selig, da ich weiß, daß Du glücklich wirst." „Und bist Du dessen so gewiß?" versetzte er und seine Lippe zitterte, als er sprach. „Ich bin's. Clotilde vereint in sich, was einzeln schon beglückt." „Und vergaßt Du, daß uur die Liebe selbst der Liebe einzig Glück ist? Liebt sie mich? Wir kennen uns kaum." „Du kannst deshalb auch nicht bedauern, daß noch zu Deinem Glück die Liebe fehlt." Und seine Hand erfasiend, sagte sie innig: „Nicht wahr, Alfred, auch bei Dir sind die Zeiten der Märchen unerfüllbarer Hoffnungen vorbei? Du kennst Deinen Rang, Deinen Beruf, weißt und würdigst, was die Welt von Dir fordert und erwartet. — Ich weiß um jene romantische Neigung zu dem Mädchen aus Rolandsau." „Mutter, ich —", rief Alfred tief erschrocken. Die Gräfin unterbrach ihn und fuhr in ruhigem Tone, welcher so sehr den Contrast der innern Erregtheit bildet, fort: „Der Herr Pfarrer von Rolandsau war vor einigen Tagen im Jntereffe der Moral so gütig — nachdem er erfahren, daß Rosa unter fremden Namen in mein Haus durch den alten Willner gebracht wurde, nlich auf die Schlange aufmerksam zu machen, die ich an meinem Busen aufzog. — Ich habe Dir nicht wehe thun wollen und behielt das Mädchen, hier, da ich weiß, daß jene Neigung zu der Jüdin, zu den Märchen der Jugend gehört — die an uns vorüberziehen?" „Glaubst Du?" „Ich bin davon überzeugt," sagte die Gräfin im festen Tone. „Solches Jugendlieben gleicht dem Alles zerstiebenden Bergstrom, der von der wilden Lavine plötzlich zum Ungethüm anschwillt — dem Abgrunde zustürzt — und zum blinkenden Silberfaden wird, der sanft durch die grünen Auen quillt und die Rose der Alpen blüht verjüngt an seinem Gestade. Auch Du wirst ruhig." „Ja, ruhig wie die dunkle Lava, unter deren trügerischer Decke sich der Krater birgt," rief Alfred lebhaft, dann fuhr er im ruhigen Tone fort: „Nein, nein, Mutter, nein! Du willst mir den Frieden sichern und träufelst ätzend Gift in meine Seele. Meine Liebe zu Rosa ist kein Märchen, das mit der Jugend vergeht, sie ist zu tief meinem Innern eingegraben und harrt der Weihe eines einzigen Wortes aus Deinem Munde, mit dem schönsten Laute der Mutterliebe." „Und Du kannst es nur zu denken wagen," rief die Gräfin, bitter auflachend, „daß ich dieser .... Dirne —" „Wie ein verwundeter Löwe fuhr Alfred auf und einen Schritt auf die Gräfin zuschreitend, schrie er: „Mutter!" „Ich hab's gesagt!" rief die Gräfin lebhaft, vor Alfred stehen bleibend. Alfred sah seine Mutter, welche ruhig vor ihm stand, starr an, währenddem seine Brust sich hob, als wenn er nach Athem ränge. Seine Züge waren bleich, seine Augen traten stark hervor. Noch immer mit weicher Stimme sagte er: „O, Mutter, ich habe noch vor keinem Menschen die Knie gebeugt. Dir lege ich mein Haupt, mein Herz, mein Alles zu Füßen, zwinge mich nicht, die Blume aus meinem Herzcn zu reißen, die ich sorgsam mit aller Lied' gepflegt, zwinge nlich nicht, ein Meineidiger zu werden. O, Du kennst Rosa nicht, weißt nicht, was sie mir geopfert." „Ich weiß," sagte die Gräfin langsam, „und das ist auch der Grund, daß ich, nachdem ich Alles wußte, sie noch in meinem Hause hielt." „Du weißt es - und dennoch —" (Forts, folgt.)