Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 24. (14.6.1877)
- Date
- 1877-06-14
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Artikel aus Ungarn: „InVering'sArchiv(XXXVII,361) werden zwei interessante Rescripte der Congregation der Inquisition an veu Bischof von Neutra mitgetheilt, welche sich auf die Ausübung des Patronatsrechtes durch Juden beziehen, falls diese solche Güter erwerben, mit denen Patronatsrechte verbunden sind. In dem ersten Rescripte heißt es: „Wenn auch der jüdische Grundbesitzer durch einen Katholiken das Patronatsrecht ausübt, so bleibt es doch immer eine Abnormität, daß ein Jude als der Inhaber des Patronatsrechtes anerkannt werden soll, der nicht, wie das bei einem Heterodoxen der Fall ist, ein Sohn der Kirche, wenn auch ein rebellischer genannt werden kann, sondern der Kirche ganz fern steht, ja ein Feind derselben ist, wie das jenes Volk überhaupt ist und immer war. Wenn also sein Patronatsrecht anerkannt werden sollte, so würde die ganze Grundlage des kirchlichen Rechtes über den Haufen geworfen werden. Auf der andern Seite ist bei der traurigen Lage der Kirche und des Volkes in Ungarn und mit Rücksicht auf die kirchenfeindlichen Staatsgesetze zu fürchten, eine Zurückweisung der Ansprüche des Hebräers und Ablehnung jedes Ausgleiches möge schlimme Folgen haben. Darum ist mit Genehmigung Sr. Heiligkeit Folgendes beschloffen worden: Die Beneficien sind, mit Ausschluß jeder Anerkennung des Patronatsrechtes des Hebräers, von dem Bischof aus eigenem Rechte zu besetzen; aber es kann geduldet werden, daß über die Personen, welche der Bischof ernennen wird, indirect vorher mit den betreffenden Hebräern eine Verständigung herbeigeführt wird, so daß Personen ernannt werden, die diesen nicht weniger genehm sind. In dem Diöcesan-Schematismus ist bei den betreffenden Pfarreien zu bemerken: „sie liegen in den Herrschaften des Leopold Popper von Podhragy." — Die Juden scheinen sich mit dieser Concession nicht zufrieden gegeben zu haben; denn das zweite Rescript giebt „mit Rücksicht auf die sehr schlimmen Zeitverhältuisse und die sehr großen Bedrängnisse, unter welchen die Kirche Christi unverdient zu leiden hat", eine weitergehende Concession: wenn es nicht anders geht, kann ein von dem jüdischen Gutsbesitzer bestellter, dem Bischof genehnler Katholik, unter den von dem Bischof approbirten Bewerbern um eine Pfründe, einen ernennen, und in dem Schematismus darf gesagt werden: „Patron: Die Herrschaft des Herrn Leopold Popper de Podhragy." Zum Schluffe wird dem Bischof bemerkt: jetzt sei aber der h. Stuhl bis zur äußersten Grenze der Nachgiebigkeit gelangt; weiter dürfe er nicht gehen." L. Nakel, 1. Juni. (Oc.-Corr.) Ein Gefühl inniger Befriedigung durchzieht die Herzen unserer Gemeinde-Mitglieder. Dank dem edlen und opferfreudigen Streben unseres Rabbiners vr. Porges sind wir endlich in den Besitz einer Gemeinde-Neligionsschule gelangt. Oft genug wurde in früheren Jahren der Anlauf zur Gründung einer solchen genommen, allein es gelang nicht, und der alte Schlendrian wucherte fort. Man ließ die Kinder von dem einen oder andern der drei hiesigen jüdischen Lehrer unterrichten, oder auch — nicht. Der Religionsunterricht galt als eine Privat- Revenüe der eben nicht gut besoldeten Lehrer, und so sank er zu einer Privat- und Nebensache herab Außerdem fehlte beim besten Willen der Lehrer die Organisation, der durchdachte Plan, nach welchem das Kind von Stufe zu Stufe auf dem Gebiete des Religiösen mit fester Hand geführt werde. Es fehlte das Zusammenwirken der einzelnen Lehrkräfte zu einem Lehrsystem, zu einem harmonischen Ausbau des religiös. Lehrstoffes. Wir sind der frohen Hoffnung, es werde nunmehr anders werden. Wir haben jetzt eine Religionsschule mit 4 Klaffen für Knaben wie für Mädchen, in welcher von den Anfängen des hebräischen Lesens bis zur Lectüre der Propheten in der Ursprache, von dem beginnenden Unterrichte in der biblischen Geschichte bis zur Einführung in die jüdische Geschichte und Literatur, fortgeschritten und Stufe für Stufe das ihr angemeffene Pensum im Religionsunterrichte gelehrt werden soll. Daß diesem schönen Werke die krönende Spitze nicht fehlen wird, die C o n f i r m a t i o n, jener feierliche Act, der das Kind unter Bekenntniß und Gebet aus der Schule in die Gemeinde einführt, dürfen wir bei dem edlen Sinne unseres Seelsorgers für alles, was zur Verherrlichung unserer Religion beiträgt, sicher voraussetzen. Wie gesagt, die Errichtung unserer Religionsschule ist in erster Linie das Werk unseres Rabbiners vr. Porges. Nicht nur war er derjenige, der von der Kanzel herab die Initiative ergriff und mit begeistertem Worte wiederholentlich auf die Nothwendigkeit einer Religionsschule hinwies, sondern er war auch insofern der Ausführende, als er mit freudiger Hingebung einen wesentlichen Theil der Arbeit auf seine Schultern nahm. Durch diese thätige Mitwirkung ist nicht nur eine Lehrkraft mehr gewonnen, sondern es erlangt die junge Schöpfung dadurch eine höhere Weihe. Es steht an der Spitze der Religionsschule „der Mann der Religion", ein homo literatus, der sie nicht nur nicht in Verfall gerathen lassen wird, sondern sie über das Elementare hinaus zur Höhe des Wissenschaftlichen erheben wird. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Aus dem 4. Jahresbericht der Jsr. Allianz zu Wien für 1876.) In der am 27. Mai abgehaltenen Generalversammlung erstattetete der Vorsitzende, Herr Joh. v. Wertheimer, Bericht über die Wirksamkeit des Vereins. Es heißt in demselben einleitend: „Indem wir uns anschicken. Ihnen in gedrängter Kürze die Resultate der im verflossenen Jahre innerhalb unseres Vereines entwickelten Thätigkeit vorzulegen, drängt es uns vor Allem zu der Bemerkung, daß der Bestand unseres Institutes sich gerade in der jüngsten Zeit als das Product werkthätiger Solidarität, treuen Festhaltens und brüderlicher Mildthätigkeit zu bewähren in der Lage war. Hervorgegangen, — wie es Ihnen bekannt ist, die Sie die Anfänge der allerdings erst kurzen, dennoch ereignißreichen Geschichte unseres Vereines zu verfolgen die Gelegenheit hatten, — aus dem berechtigten Streben: „dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, denselben eine wirksame Stütze zu bieten", haben es Verhältnisse und Zuständniffe mit sich gebracht, daß vorläufig ein großer Theil der Wirksamkeit unserer „Wiener Allianz" sich auf d iese Aufgabe beschränken mußte, ein Geständniß, welches nur mit Bedauern abgelegtwerden kann. So kam es, daß wir erst in zweiter Linie jene Ziele weiter verfolgen konnten, die wir so gerne als die eigentlichen Ausgangspunkte unserer Bestrebungen ansehen würden, jenes enhabene Ziel: „Die Volkserziehung bei unseren inländischen Glaubensgenossen durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel auf jede erreichbare Weise zu fördern." Lichtere, vorurtheilslose Zeilen, die kommen müssen, werden es einst kaum begreiflich finden, daß wir die eben bezeichnete Thatsache gleichsam als Entschuldigungsgrund anzuführen genöthigt sind. Nicht in unserem Vaterlande, das seinen israelitischen Angehörigen alle Vortheile eines freien staatsbürgerlichen Daseins eingeräumt hat — sondern hart an den Grenzen desselben hatten und haben wir im abgelaufenen Jahre vorwiegend Gelegenheit, die Wirksamkeit unseres Vereines zu bethätigen. Sei es uns daher gestattet, Ihre Aufmerksamkeit auf jenen Theil unserer Thätigkeit zuerst lenken zu dürfen. Es bedarf wohl keiner weitläufigen Auseinandersetzung, daß es abermals die traurigen Vorgänge in Rumänien sind, von denen unsere Glaubensbrüder in einer an das tiefste Mitleid appellirenden Weise betroffen wurden." Nach einem kurzen Rückblick auf die Vorgänge in V a 8 l u i u. s. w. auf die von der Allianz gethanen Schritte und die Pariser Conferenz, welche durch den Abbruch der Friedens - Verhandlungen resultatlos bleiben mußte, wird weiter über die zur Unterstützung der Opfer jener Verfolgungen veranstalteten Sammlungen berichtet. Die Subscriptionen haben bei der Wiener Allianz die Summe von 15,700 Fi. ergeben, wovon vorerst 5500 Fl vertheilt wurden, weil man über das nothwendige Ziel nicht.