Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 23. (7.6.1877)
- Date
- 1877-06-07
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 183 — arbeiten wurden die mehrerer israelitischer Schüler^ und Schülerinnen gekrönt. In den Commissionen, die die Prämien austheilten, befanden sich einige unserer Religionsgenossen. Oberrabbiner Levi saß in der Commission der Schularbeitenausstellung, und unter der Commission, welche die Schularbeiten der Mädchenschulen zu prüfen hatte, befand sich Madame Levy, die Frau des Oberrabbiners zu Belfort. Das Rabbinat, welches seit dem vorigen Jahre leer ist, soll mit nächstem wieder besetzt werden. Bukarest, 27. Mai. In verschiedenen Orten Rumäniens werden von den Israeliten Sammlungen für die rumänischen Soldaten veranstaltet. Da sind also die Juden wieder einmal nobler, als die Christen, denn während die Rumänen selbst im Parlament sich auf das Unziemlichste gegen ihre barbarisch mißhandelten jüdischen Landsleute benehmen, sammeln diese für die rumänisch-christlichen Soldaten und zwar eher, als die Rumänen selber zur Unterstützung. Das gegeflügelte Wort, das Karl Emil Franzos in seinen Bildern aus Halbasien aussprach: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", wird dieser Thatsache gegenüber eigentlich zu Schanden. Washington. Eine Deputation amerikanischer Israeliten machte am 2. Mai dem Präsidenten Hayes ihre Aufwartung, um ihm schriftliche Darstellung der jüngst gegen die Juden in Giurgewo und Rumänien verübten barbarischen Handlungen zu überreichen. Der Präsident schien tief ergriffen von dem unglücklichen Zustande jenes hilflosen Volkes zu sein und wies die Deputation an den Staatssekretär Ewarts. In der darauf folgenden Unterredung mit Ewarts, wurde vorgeschlagen, daß das amerikanische Consulat in Bukarest, das seit der Rückkehr des Herrn Peixotto abgeschafft wurde, wieder besetzt werde. Peixotto ersuchte auf das Dringendste, daß vr. Adolf Stern, der frühere Vice-Consul, zum amerikanischen Consul ernannt werde. Die Deputation drang auch in den Staatssekretär, den amerikanischen Gesandten in Wien, Constantinopel und St. Petersburg zu telegraphiren, im Verein mit den Repräsentanten jener Mächte in dem Bestreben zu handeln, weitere Abscheulichkeiten zu unterdrücken. Daß Ewarts in der Sache thätig war, beweist die folgende Depesche: „Washington, Mittwoch, 30. Mai. Der Staatssekretär Ewarts hat dem amerikanischen Gesandten in Constantinopel Mittheilung gemacht, daß seitens zahlreicher Israeliten in den Vereinigten Staaten Vorstellungen wegen der Behandlung ihrer Glaubensgenoffen in den Provinzen der Türkei und Rumäniens eingelaufen seien. Derselbe hat mit Bezug hierauf dem Gesandten die Instruction ertheilt, bei der Pforte Schritte zu thun, um eine Besserung der Lage der Israeliten daselbst herbeizuführen." Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „Wahrscheinlich kommt die Gräfin Hohenwart wieder in Begleitung des Herrn v. F.? Die Gräfin sucht, nachdem sie sich bei Hofe durch ihre Liaisons compromitirte einen Namen für ihre Tochter, an welchen auch sie sich klammern kann — und da soll Willner verstummte plötzlich, denn Fräulein Wellheim, war an der Thür des Salons erschienen. Wer heute Rosa Lämchen — denn, wie die Gräfin richtig erfahren, war dies der eigentliche Name des Fräulein Wellheim — wer also heute Rosa sah, dem schien sie geschaffen, das Ideal weiblicher Hoheit zu verwirklichen. Was den Glanz ihrer Schönheit noch mehr erhöhte, war die Einfachl eit ihrer Toillette. Ein einfaches weißes Mousselinkleid, eine Rose in den Haaren, keine Spitzen, keine Juwelen. Seit Rosa durch den alten Willner bei der Gräfin Aufnahme fand, machte sie die Honneurs des Hauses, und die Gräfin hatte wohl Recht, wenn sie sagte: „Rosa versteht es, die Herzen zu gewinnen." „Verzeihung, wenn ich störe! Ich wollte nur mittheilen, daß die Frau Baronin von W. sich von der Frau Gräfin zu verabschieden wünscht," sagte Rosa, als sie die Gräfin im Gespräch mit Willner sah, in der Thüre stehen bleibend. „Schon! dann muß ich zur Gesellschaft zurückkehren!" und sich zu Rosa freundlich wendend, sagte die Gräfin: „Ich bin mit Ihrem Arrangement des Festes zufrieden, liebe Rosa — es zeigt von zartem Sinn und Geschmack. Auf Wiedersehen, lieber Willner!" und mit einer freundlich verabschiedenden Bewegung entfernte sich die Gräfin. Mit kummervollem Auge blickte ihr Willner nach. „Sie ist klug, aber ich fürchte, diese Klugheit ist ihr Unglück." Er wandte sich und stand vor Rosa, die an der Thüre wartete, bis die Gräfin auch aus dem anstoßenden Salon verschwunden war, dann eilte sie rasch auf Willner zu und fragte, ihre Hände aus seine Schulter legend, theilnehmend: „Was fehlt Ihnen, Sie sind so mißgestimmt — legen Ihre Stirn in Falten? Gewiß wieder Zank mit der Frau Gräfin!" Willner schwieg einen Augenblick, dann sagte er unmuthig: „Du hast Recht, es gab wieder Zank. Wie oft wollt' ich schon ein Ende machen, fortgehen und —" „Nein, nein, das werden, das dürfen Sie nicht!" rief Rosa rasch, „was sollte aus diesem Haus werden, wenn die Seele fehlt? Nein, nein, die Gräfin ist gewiß eine gute Frau — wenn auch manchmal kleine Vorfälle Ihnen trübe Stunden bereiten." „Wenn man aber auch nicht einen Funken Dankbarkeit sieht, so thut das weh," brummte Willner vor sich hin. Rosa schüttelte mit einem schmerzlichen Lächeln den Kopf. „Dankbarkeit? Mein armer alter Vater hat uns einen orientalischen Spruch gelehrt, den ein Jeder in's Herz sich schreiben sollte. Er heißt: „Thue das Gute, wirf es in's Meer, Weiß es der Fisch nicht, so weiß es der Herr." „Wenn die Gräfin ein solcher Fisch ist, der nicht weiß wie viel Gutes Sie bereits in's Meer geworfen, so wird's doch der Herr dort oben wissen und es einschreiben in das ewige Buch und wenn dann einst der große Rechnungsabschluß kommt, so wird es verzeichnet stehen." „Du hast Recht!" rief Willner, indem er Rosa's Hand erfaßte. „Nun, so will ich denn um meines verstorbenen Herrn und Freundes willen in Gottesnamen noch länger gegen den Unsinn kämpfen, und wenn ich dafür Undank ernte, will ich mir den Spruch in's Gedächtniß rufen: „Thue das Gute, wirf's in's Meer." „Weiß es der Fisch nicht, weiß es der Herr!" fiel Rosa ein, indem sie die Hand des alten Mannes drückte. Das Gespräch zwischen Willner und Rosa wurde in diesem Augenblick unterbrochen und zwar dadurch, daß ein Bedienter den Besuch des Amerikaners Master Capten ankündigte, des Mannes, welchen Willner vorhin erwähnte, als einer Persönlichkeit, mit dem das Kaufgeschäft der Eisenwerke abgeschloffen werden sollte. „Ich kehre in den Saal zurück," sagte Rosa, sich zum Gehen wendend. „Nein, nein, bleibe einen Augenblick und empfange den Fremden, während ich ihn der Frau Gräfin melde." Damit ging er rasch, ohne eine Antwort abzuwarten, nach dem Saal, den Fremden der Gräfin zu melden. Ein Diener öffnete die Thür, und Master Capten trat ein. Der Leser wird wohl errathen haben, daß Master Capten kein Anderer als der Fremde war, welchen wir vor Rolandsau und im Hause Lämchens kennen lernten, kein Anderer als — Moritz. — Wer ihn heute sah und in den Zügen des menschlichen Antlitzes zu lesen vermag, der würde i n seinen Mienen jene Unbeugsamkeit des Willens, in seinem Blicke jene Unerschrockenheit erkennen, welche allen selbstbewußten und entschiedenen Charakteren eigen ist. Rosa ging ihm einige Schritte entgegen: „Ich heiße Sie im Namen der Frau Gräfin willkommen, Master." (Fortsetzung folgt.)