Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-06-07 · N° 23. (7.6.1877) · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 23. (7.6.1877)
Date
1877-06-07
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583564--3153-9583568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 180 theilen. Und zwar erhielten: Zwei Studirende der Jurisprudenz und ein Studirender der Medizin je 150 Mk., zusammen . 450 Mk. Drei Studirende der Jurisprudenz und ein Studirender der Medizin je 108 Mk., zusammen . 432 Mk. in Summa 882 Mk. Diese sämmtlichen Studirenden waren sehr gut qualificirt. Das rentirende Vermögen der Stiftung, welches bei der Gründung 800 Fl.— 1371 Mk. betrug, beläuft sich jetzt auf 5814 Mk. 31 Pf. Die Stiftung hat seit ihrem Bestehen die Summe von 6224 Mk. 86 Pf. in 84 Stipendien vertheilt. Diese Summe floß zum größten Theile aus Jahresbeiträgen, welche von Mitgliedern der hiesigen israel. Cultusgemeinde und unserer Nachbargemeinde Nürnberg gezeichnet sind. Bei dieser segensreichen Wirksamkeit der Stiftung dürfen wir gewiß sämmtlichen jüdischen Gemeinden Bayerns angelegentlich empfehlen, sich gleichfalls durch Beiträge an derselben zu betheiligen. Laußheim, 6. Mai. Die Ulmer Schnellpost bringt folgenden Bericht: „Gerade ein Jahr ist verstrichen, daß der emeritirte israelitische Volkslehrer Simon Tannenbaum starb, der 1821 die erste israelitische Schule hier mit dem im Tode ihm längst vorangegangeneu College» Abraham Sänger gründete. Im August 1790 in Mergentheim geboren, wurde er mit seinem Vetter Ludwig Börne, der nur sechs Jahre älter war, und der im gleichen Hause bei seinem Großvater weilte, erzogen, um später in Frankfurt, in Börne's Elternhause, sich weiter auszudilden. Den Namen Tannenbaum nahm er erst 1828 an, als den Israeliten in Württemberg gesetzlich geboten wurde, Familiennamen sich beizulegen. Er wählte diesen Namen, weil auf den Grabsteinen seiner väterlichen Verwandten in Balbach bei Mergentheim ein Tannenbaum abgebildet ist. Fast sämmtliche Angehörigen der hiesigen israel. Gemeinde waren seine Schüler. Diese beschlossen, nach seinem Tode ihrem Lehrer ein ehrendes Andenken zu stiften. Es bildete sich ein Comite, und rasch flössen reichliche Gaben zu diesem löblichen Zwecke, besonders auch von Amerika. Heute nun wurde in würdiger Feier das Grabdenkmal der Gemeindeobhut übergeben, und der Rabbiner Hr. Kahn, anknüpfend an die Denkmalsinschrift (Daniel 12, 3) hielt eine geistvolle C edächtnißrede, an deren Schluß er mittheilte, daß d:e Gaben so reichlich gestoßen, daß zum ehrenden Andenken eine Tannenbaumstiftung für Armen- und Schulzwecke gegründet werden kann." Wir fügen noch bei: Von mütterlicher Seite entstammte Tannenbaum von Rabbi David Disbeck, dem Verfasser des ab. In Frankfurt war er Schüler des Morde - chai Adler, Mitschüler der berühmten Talmudisten Bär Adler, Aaron Fuld, Salomon Geiger u. a. m. Die Lehrer an der Philantropie Heß und Weil waren seine Jugendfreunde. Der Wechsel des Lebens führte ihn im Jahre 1817 nach Laupheim, wohin ihn sein Freund, der später als Buchhändler in Ellwangen sich niederließ, Jsak Heß, berief. Oesterreich-Ungarn. B—k. Wien, im Mai. (Or.-Corr.) Ich weiß nicht, ob Sie von dem Mythos Kenntniß haben, mit welchem das Organ der ungarischen Trotzorthodoxen „Schewes Achim" die einfache Thatsache, daß Baron Albert Rothschild am ersten Pessachtage, als am Beschneidungstage seines Sohnes, mit seinem Schwiegervater, Baron Alphons Rothschild aus Paris, beim Gottesdienst im Tempel anwesend war, io majorem dei gloriam umsponnen hat. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, so kennen Sie ihn gewiß nur in der immerhin noch anständigen, den aufsteigenden Zweifel an der Richtigkeit nicht ganz verhüllenden Form, in der ein deutsches Partheiblatt ihn reproducirt hat; um die ganze Nichtswürdigkeit des Vorganges zu überblicken, müßten Sie die Originalmittheilung des „Sch. Ach." lesen. Dieses Blatt, bei dessen Namen Sie bei Leibe nicht an Ps. 133, sondern höchstens an und denken dürfen, deren Waffen und Werkzeuge noch heute dieselben „Werkzeuge der Gewaltthat" sind, wie in alten Tagen, wenn wir auch leider im Zeitalter der gefügigen Druckerpresse unser „in ihre Versammlung soll meine Ehre nicht kommen" nicht mehr mit demselben Erfolge aussprechen können, wie der greise Patriarch — dieses Blatt weiß nicht nur ganz genau zu erzählen, welche Scenen sich zwischen Baron Alphons und den „Tempelherren" abgespielt haben, sondern giebt uns auch Rede und Gegenrede, die dabei gefallen sind, mit diplomatischer Genauigkeit zum Besten. Und in einem zweiten Artikel hat der Correspondent die Frechheit, aufgetauchten Zweifeln gegenüber, denen selbst der „Israelit" sich nicht ganz verschlossen habe, die Richtigkeit jedes meiner Worte „so lange aufrecht zu erhalten, bis Herr Dr. Güdemann sie öffentlich für unwahr erklärt haben wird". Warum es dem Correspondenten und seinem hiesigen Inspirator gerade um ein Dementi des Herrn Dr. Güdemann zu thun ist, braucht Kennern der hiesigen Verhäitniffe nicht erst gesagt zu werden; ebensowenig, daß die Provocation unbeachtet bleiben wird. Das fehlte noch, daß ein Prediger der ersten Gemeinde Oesterreichs sofort zur Feder griffe, wenn der erste beste verlotterte Bachur in einem Revolverblatte ihn zur Berichtigung böswillig erdichteter Mittheilungen auffordert! denn daß diese Mittheilungen erlogen seien, braucht selbst für den, der nicht, gleich dem Schreiber dieser Zeilen, in der Lage ist, den Sachverhalt zu kennen, nicht erst erwiesen zu werben. Nehmen wir einmal an, daß wirklich Vorsteher und Prediger der Wiener Gemeinde vor Baron Alphons v. R. ad audievdum verbum gestanden und auf die scharfen Tadelsworte eines fremden Laien über hiesige Cultuseinrichtungen nur „ganz betroffen etwas hervorzustottern" gewagt haben, — nehmen wir weiter an, daß der Vorgang nicht ganz unbemerkt geblieben ist: die genauen Details über die vabei gesprochenen Worte könnten entweder nur von B. Rothschild oder von den Gescholtenen selbst zur Erhöhung ihrer Buße dem Correspondenten mitgetheilt worden sein. Wir überlaffen den Gläubigen die Wahl zwischen den beiden Alternativen und gehen zur Sache selbst über. „Die Prediger und Cantoren waren überrascht, als Baron Alphons aus Paris die Weisung gab, daß man bedeckten Hauptes sitze und sich wasche" rc. rc. Nun, Schreiber dieser Zeilen hat schon sehr vielen Beschneidungen in Wien, darunter auch in Familien, die sonst dem jüdischen Leben ziemlich entfremdet sind, beigewohnt, aber nie und nirgends ist es einem der Gäste, — von den Functionären nicht zu sprechen, — eingefallen, anders als mit bedecktem Haupte bei dem Festmahl zu sitzen. Auch ist immer und üb era ll Wasser zum Waschen bereit, wofür, wenn der Hausherr den Brauch nicht kennt, der anwesende Gemcindediener sorgt. Daß also Baron Alphons es nicht nölhig hatte, den Predigern und dem Vorstandsmitgliede Herrn Dr. Kuranda,*) — der nebenbei gesagt, mehr vom jüdischen Leben weiß, als mancher Correspondent orthodoxer Blätter —, „die Weisung zu ertheilen," sich zu bedecken, ist klar. Zum Ueberflusse aber können wir auf's Bestimmteste versichern, daß er das factisch nicht gelhan hat. Also Lüge Nr. 1! Nach dem Festmahl gingen die Ftlnctionäre, wie selbstverständlich, des domtob halber zu Fuße, nach Hause, und waren etwas überrascht, als Baron Alphons in seinem Wagen grüßend an ihnen vorüberfuhr, was er gewiß nicht gethan hätte, wenn ihm nur von ferne geahnt hätte, zu welch' wichtigen Dingen „Schew. Achim" ihn ausersehen hat. „Doch die Hauptverlegenheit", erzählt der ehrenhafte Correspondent, „spielte sich nicht bei der Mahlzeit, sondern im Chortempel ab, als der Pariser Rothschild an die Vor- *) Er war außer den Funktionären und einigen Herren aus dem Rothschild'schen Comptoir der einzige anwesende Fremde. Der „wohlunterrichtete" Correspondent zaubert die höchsten Spitzen der Wiener Gesellschaft herbei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.