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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-31 · N° 22. (31.5.1877) · p. Seite 174

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 22. (31.5.1877)
Date
1877-05-31
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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— 174 — frühere Rabbiner von Linz, jetzt in Cöln, Herr vr. Frank, Ehrenmitglied der Linzer Gemeinde, erschienen. Sir Moses Montesiore schickte einen werthvollen Kidusch-Becher und versprach in seinem Gratulationsschreiben, für die Gemeinde eine Sefer-Thorah in Jerusalem schreiben.zu lassen. — Die Feier begann um 6 Uhr Abends; Herr Prof. Obercantor Sulzer aus Wien, leitete den Gottesdienst und erbaute die Festversammlung mit seinen noch ungeschwächten, starken Stimmmitteln. Herr vr. Jellinek zündete unter entsprechender Ansprache das „Ner tamid“ ans; Festgesänge, vorgetragen von einem geschulten Chor, wechselten ab, bis der Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Kurrein, eine die Versammlung erbauende Rede hielt. Ein Festbanket, begleitet von ernsten und heiteren Toasten, beschloß spät in der Nacht den für die Linzer Gemeinde denkwürdigen Tag. Zum Schlüsse will ich nicht unerwähnt lassen, daß die eingeladenen Gemeinden u. A., die nicht vertreten waren, theils brieflich, theils telegraphisch warme und herzliche Glückwünsche der jungen Schwestergemeinde zuschickten. Aus der großen Anzahl der oft recht schönen und gedankenreichen eingelausenen Gratulationen, hebe ich eine hervor, die wohl in weiteren Kreisen Interesse finden wird. Es ist die Antwort unseres berühmten Glaubensgenossen, des Herrn Ludwig Aug. Frankl, in Wien. Dieser schreibt: „Sie haben mich durch gütig wiederholte Einladung zur feierlichen Einweihung Ihres neuen Gotteshauses ausgezeichnet. Ich betrachte es als eine Ungunst meines Lebens, Ihrem mir so schmeichelhaften Wunsche nicht folgen und nicht Zeuge sein zu können eines für Ihre geehrte Gemeinde und unsere Glaubensgenossen in Oesterreich gleich bedeutenden, auch socialwichtigen Momentes. Der ich einst nach Jerusalem pilgerte und an der Mauerruine des uraltheiligen Tempels stand, freue mich jedesmal, wenn ein neuer Tempel ersteht, und so rufe ich Ihnen, den frommen Gründern eines solchen, zu: Bin ich auch fern dem Freudenmahl der Feier, Erschein' ich doch als unsichtbarer Gast, Zwar kein Prophete, doch ein treuer, freier Bundesgenosse, sprechend den Toast: „Wo sich zu Tepelbau viel Geister fromm vereinen, Wird die Schechina selbst gezwungen zu erscheinen." Großbritannien. London. „Jew. Chr." veröffentlicht einen abermaligen Briefwechsel zwischen G l a d st o n e und Dr. B e n i s ch in Betreff der angeblichen Sympathien der Juden für die Türkei. Die Rolle, welche Ersterer neuerdings in der Orientfrage gespielt hat, hat ihm auf dem Continent gerade keinen Ruhm gebracht; es verlohnt kaum, auf sein Gerede zu hören, doch möge ein Auszug aus dem Briefwechsel hier Platz finden. Gladstone sagt, er könne sich nicht verhehlen, daß ein großer Theil der Juden für die Türken Partei ergreife und der Befreiung der Christen abhold sei. Diese werde aber doch sicher erfolgen. Wenn er dann noch lebe und wirken könne, werde er sehr dafür eintreten, daß die befreiten Christen auch den Juden gleiche Rechte gewähren; aber es werde dies nicht auf Grund eines von den Juden erworbenen Anspruchs auf Dankbarkeit geschehen können. Benisch antwortet, es sei nicht richtig, daß die englischen Juden türkenfreundlich genannt werden können, manche hervorragende Israeliten stehen auf der Gegenseite. Auf keinen Fall sympathire irgend ein Jude mit den U n t e r d r ü ck e r n der Christen oder mißgönne diesen Freiheit und Recht. Die Juden könnten jedoch nicht vergessen, daß die Türkei die Juden gastlich ausgenommen habe, als sie fast überall in der Christenheit schwer mißhandelt, gänzlich vertrieben oder abgeschlachtet wurden, und daß die Pforte sie immer milde behandelt habe, da man einzelne locale Ausschreitungen ihr nicht zur Last legen dürfe. Dagegen flöße das Verhalten der Rumänen, Griechen u. s. w. gegen die Juden schwere Besorgniß in Betreff des Schicksals der letzteren ein, falls die christlichrientalischen Völker ganz souverän ihre Gesetzgebebung ordnen könnten. Rußland selbst aber habe selbst in der jüngsten Zeit und unbeschadet der persönlich humanen Gesinnung des Czaren kaum begonnen, die Juden im Inlands menschlich zu behandeln. Was könne man also erwarten, wenn die heutige europäische Türkei ganz in Abhängigkeit von Rußland komme? Alles dies ist klar und wahr. Aber Dr. Benisch hat eine Hauptsache vergessen, oder als Engländer nicht aussprechen mögen. Nämlich: die Türkei hat seit einem halben Jahrhundert auf die Verwendung der europäischen Mächte zu Gunsten der Unterdrückten, Juden wie Christen, gehört und Gewicht auf sie gelegt. Wenn aber Rußland seine Knute auf die Länder legt, dann ist es mit jeder Verwendung und Fürsprache zu Ende. Es ist geradezu albern, wenn Gladstone verspricht, er oder England werde zu Gunsten der Juden in der Türkei eintreten. Wenn Rußland gebietet, dann ist die Verwendung Englands — gleichviel ob es dem Czaren - reich demnächst offen feindlich entgegentreten oder neutral bleiben wird — ganz ohnmächtig. Rußland würde Englands Fürwort zu Gunsten Unterdrückter nicht mehr achten, als das des — Central-Comite der Alliance Jsraelite. Vermischte und neueste Nachrichten. Breslau, 24. Mai. (Or.-Corr) Seit Ostern hat Hr. Dr. Brann, Hilfsprediger der hies. Gemeinde, die Ertheilung des jüd. Religionsunterrichts an den beiden städtischen Realschulen übernommen, so daß jetzt an sämmtlichen hies. städtischen Anstalten (die Töchterschulen einbegriffen) für den jüd. Religionsunterricht gesorgt ist. Nur die beiden königlichen, das Friedrichsgymnasium und das Mathiasgymnasium, lassen immer noch nichts von einer diesbezüglichen Rücksicht auf die jüd. Schüler merken: Ob man dies als die Stellung der Regierung zu dieser hochwichtigen Frage kennzeichnend ansehen darf? — Leider scheint dies bejaht werden zu müssen und die Regierung von einer Jnitative in diesen Dingen sich fernzuhalten. LiAnatura teinporw! Dresden. Nach dem dieser Tage veröffentlichten Jahresbericht über das abgeluufene Verwaltungsjahr der hies. Gemeinde beliefen sich die Gesammteinnahmen auf 34,073 Mk. die Ausgaben auf 33,065 Mk.; der Bestand ist 39,312 Mk. Nach der letzten Volkszählung vom 1. December 1875 leben in Sachsen 5360 Juden, davon kommen auf Dresden 1956, auf Leipzig 2564. — 38 neue Mitglieder traten im verflossenen Jahre der Gemeinde zu. — Die gutorganisirte Massige Religionsschule wurde von 56 Knaben und 54 Mädchen besucht. Es wird ein monatliches Schulgeld von 2 M., pro Kind erhoben; von Geschwistern zahlen die folgenden nur 1 Mark. — Von den Beschlüssen des Gemeinderathes ist von allgemeinerem Interesse die Aenderung des Trauungsrituals entsprechend den standesamtlichen Bestimmungen. Die Bezeichnung „Brautpaar" in den Anreden und die bisherige Schlußproclamation unterbleibt fortan, die hebr. Bezeichnung „Choßon und Kallo" wurde jedoch beibehalten.. Constantinopel. Der Chacham Baschi hat ein Rundschreiben an die Israel. Gemeinden in der Türkei gerichtet, in welchem er den kaiserl. Patronenfabriken auch das Arbeiten am Sabbath gestattet. (W. Jsr.) In Damaskus wollte kürzlich ein Soldat in einem Bazar einen Säbel kaufen; um die Klinge zu probiren, hieb er einem vorübergehenden Israeliten den Kopf ab und verwundete einen zweiten. Der Mörder wurde, weil er auf frischer That ertappt wurde, zum Tode verurtheilt. Kaum wurde das Urtheil bekannt, so waren überall Plakate zu lesen, daß für den Fall der Urtheilsvollstreckung kein Jude oder Christ in Da-- maskus am Leben bleiben würde. Das Urtheil ist deshalb noch nicht vollzogen. (W. Jsr.)

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