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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-31 · N° 22. (31.5.1877) · p. Seite 175

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 22. (31.5.1877)
Date
1877-05-31
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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— 175 Odessa, 24. Mai. Aus Tiflis verlautet, daß in Surom (Georgien, Rußl.) furchtbare Exceffe gegen die dortige israelitische Bevölkerung stattgefunden. Sechzig Wohnhäuser von Juden, sowie die Synagoge wurden geplündert und dann zerstört. Zwei Brüder waren grundlos beschuldigt worden, ein Cristenkind geraubt zu haben. Maroeco. Behufs Aufführung eines Baues wollte der Sultan sich des alten israel. Friedhofes in Fez, der seit 380 Jahren Eigenthum der Gemeinde ist, bemächtigen, und decretirte, daß die Juden ihre Todten ausgraben sollten, (was übrigens auch bei den Muhamedanern als Profanation gilt); aber trotz der Vorstellungen der Ulema's blieb oer Sultan doch bei seinem Vorsatze. Sämmtliche Israeliten, der Oberrabbiner an der Spitze, erklärten, daß sie nur der Gewalt weichen würden. Der isr. Gemeindevorstand von Tanger begab sich zum Minister und den europäischen Consuln und bat um Rücknahme des Befehls. Nach dem neuesten Bülletin der Alliance israelite wird aus Tetuan berichtet, der Sultan habe sich in Folge der Weigerung der Araber, die Leichen aus dem isr. Friedhof auszugraben, eines Andern besonnen und habe für den auszuführenden Bau einen andern Platz gewählt. Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Während der Tanz und Unterhaltung ungestörten Fortgang nahm, hatte sich die Gräfin von Rolandsan mit Willner in ein Nebenzimmer zurückgezogen. Die Gräfin war eine Dame von etwa fünsundvierzig Jahren, und verrieth durch ihr Auftreten, ihre Bewegungen, daß sie einst von großer Schönheit gewesen. Als sie in den kleinen Salon getreten, warf sie einen flüchtigen Blick über denselben, trat, ohne von der Anwesenheit Willner's Notiz zu nehmen, ans Fenster, sah gleichgültig hinaus und warf sich, nachdem sie cs wieder geschlossen, mit eleganter Nachlässigkeit in ein Fauteuill. Das ganze Wesen der Gräfin zeugte von einer gewissen geistigen Thätigkeit, unruhig bewegte sich der kleine Fuß unter der Robe hervor und suchte nach einem Haltepunkt. Der auf die Hand gelehnte Kopf schien, von Gedanken voll, ebenfalls keinen Ruhepunkt zu finden. Endlich schien sie sich des nahe der Thüre harrenden Willners zu erinnern. „Sie kommen spät, Willner. Ich erwartete Sie schon vor drei Stunden", sagte die Gräfin, ihren Kopf rasch nach jener Seite wendend, wo Willner stand. „Ich kam erst vor einer halben Stunde von den Gütern zurück," sagte Willner ruhig. „Master Capten kann nach den Berichten unseres Bankiers jeden Augenblick eintreffen, um die Eisenwerke zu übernehmen. „Sie haben mit dem Bankier gesprochen? Und seine Antwort?" fragte die Gräfin rasch. „Ist sehr einfach, daß er kein Geld beschaffen kann. Die Dings da — die Güter sind um mehr als die Hälfte des Werthes überlastet." Ein leiser, halb unterdrückter Seufzer der Gräfin begleitete Wläiic^s Rede, dann wieder an daß Fenster tretend, murmelte sie halblaut vor sich hin. „Fatal — sehr fatal; besonders in diesem Augenblick — ich hatte gehofft, das er wenigstens 10,000 Thaler —" „Nur 10,000 Thaler!" rief Willner, das Selbstgespräch der Gräfin unterbrechend. „Ich habe keinen Heller erwartet. Ich war auf diese Antwort gefaßt. Danken Sie es dem vortrefflichen Arangement unseres Bankiers, daß er die Eisenwerke an den Amerikaner Master Capten, der sie um jeden Preis haben wollte, zu so hohem Preise verkaufte und wir so einige gekündigte Hypotheken decken konnten." „Schlimm, sehr schlimm," sagte die Gräfin nachdenklich. „Und das sagen Sie so gelaffen?" fragte Willner erstaunt. „Was soll ich thun?" „Was Sie thun sollen, fragen Sie? was Sie längst hätten thun sollen. Als Graf Egon von Rolandsau starb — Gott laß' ihn selig ruhen — waren die Güter stark belastet, aber es wäre Ihnen, verehrte Frau Gräfin, noch immer so viel geblieben, um standesgemäß, und bescheiden leben zu können. Aber das war Ihnen nicht genug. Der Glanz und die Ehre des Hauses mußten aufrecht erhalten werden, Soireen, — Bälle wurden gegeben und Hypothek auf Hypothek gehäuft. Umsonst war mein Reden. Was uützte es mir, daß ich die Eisenhämmer, die Schmelzöfen, die Walz- und Eisenwerke so weit brachte, daß sie reichen Gewinn abwarfen, denn auch ein Brunnen wird ausgeschöpft!" „Herr Willner, —" „Die Frau Gräfin haben gefragt, ich antworte: Als Sie anfingen, im Sommer auf Reisen zu gehen, da ging es mit Riesenschritten abwärts und heute stehen die Frau Gräfin da — wo es eines kleinen Schrittes bedarf, um das Gesetzbuch zu fragen, welche Strafe darauf steht. Und Alles das um die Ehre, den Glanz des Hauses aufrecht zu erhalten. Die Katastrophe wäre längst über Sie hereingebrochen, wenn nicht der alte Salomon Lämchen im Besitz der meisten und größten Hypotheken und Wechsel wäre, — und aus Rücksicht für den verstorbenen Grafen wartete. „Vielleicht auch noch aus anderen Gründen, — Herr Willner. Oder glauben Sie, ich weiß nicht, wer die arme, entfernte Verwandte unseres Hauses, wer das Fräulein Wellheim ist, die Sie in mein Haus gebracht, mich so lange beredet und mir von ihrem Unglück vorerzählt, bis ich sie aufnahm. Glauben Sie, ich weiß nicht, warum sie mich beredet, Alfred immer auf Reisen zu schicken, mein ehrlicher Herr Willner", und rasch auf Willner zugehend, sagte sie mit erhobener Stimme: „Dies Fräulein Wellheim — ist keine andere, als die Tochter des Juden Lämchen." Der alte Mann stand vor Schreck, kaum der Sprache mächtig, wie ein ertappter Sünder da, indeß die Gräfin im ruhigeren Tone nach einer kieinen Pause fortfuhr: „Fürchten Sie nichts, ich werde Ihren Schützling nicht aus dem Hause weisen, wir haben ja Verpflichtungen gegen den Vater, und ich habe deshalb auch Alfred, der vor einiger Zeit von seiner Reise zurückgekehrt, von hier ferne zu halten gewußt. Rosa mag bleiben — bis sie selbst es für gut befindet zu gehen." „Frau Gräfin — ich — ich —" „Lassen wir das jetzt," sagte die Gräfin einfallend. „Sagen Sie lieber, wie wir uns aus unserer fatalen Lage ziehen können." „Ich — ich bin am Eyde mit meinem Latein," Die Gräfin lächelte und sagte: „Sie werden alt, mein ehrlicher Herr Willner — und ich sehe, daß ich mein Latein beginnen muß. Vielleicht Hab' ich ein Mittel gesungen —" „Ei, das wäre?" fragte Willner gespannt, indem er die Gräfin fragend anblickte. „Das ist mein Geheimniß — eine Ueberraschung für Sie mein lieber Willner" „Gehören vielleicht die heutigen Festlichkeiten dazu, das Dings da — das Deficit zu decken." „Vielleicht! — Noch Eins! In einigen Tagen ist das Erntefest auf Waldschloß, der Gemeindevorsteher ließ es mir gestern kund thun. Wir bekommen großen Besuch und da werden Sie wohl so gütig sein, sich um das Empfangssest daselbst zu kümmern. — Die Landleute begrüßen — wie Sie wissen — nach einer alten Sitte des Landes, die Gäste der Herrschaft mit einem Fest, vas Ihr Schützling auf meinen Wunsch arrangiren wird; o, sie versteht es, die Herzen zu gewinnen." „Darf man wiffen, wer uns beehrt?" fragte Willner. Die Gräfin lächelte und spielte mit dem Fächer. „Das Alter ist nicht nur geschwätzig, sondern auch neugierig! Nun denn, die Gräfin Hohenwart sammt Tochter befinden sich auch unter den Gästen, an denen sie hoffentlich nichts auszusetzen haben." (Fortsetzung folgt.)

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