Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 22. (31.5.1877)
- Date
- 1877-05-31
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 173 — Ans vollem Herzen wünschen wir, daß die Vorschläge des Kahalsmannes Berücksichtigung finden, und zwar nicht blos im Interesse der materiellen Mittel der Gemeinden — und wahrlich, dieser Grund allein ist genug schwerwiegend — sondern noch mehr im Interesse des Gottesdienstes, um demselben eine persönliche und dadurch regere Theilnahme zu verschaffen; — die Gemeinde soll nicht mundtodt beim Gottesdienste seiit. Um dieses zu bewerkstelligen, müssen populär gehaltene religiöse Musikstücke componirt, oder wenn derartige Musikstücke vorhanden sind (ich kenne diese Literatur nicht) eingesührt werden. W. Prag, 13. Mai. (Or.-Corr.) I» einzelnen unserer Synagogenvereine, oder wie sie sich lieber nennen, Synagogengemeinden, wurde es in den letzten Wochen lebhafter. In der einen Synagoge tauchte eine kleine Partei auf, welche an Orgelklang und Piutlosigkeit des Gottesdienstes nicht genug hat, sie wünscht eine Eliminirung der aus Jerusalem und die Opfer sich beziehenden Gebetstellen. Die Herren wollen diese Reformen weniger für sich selbst, da sie höchst seltene Gäste des Gotteshauses sind, sogar an den drei „furchtbaren" Tagen statten sie nur eine kurze Visite dem lieben Gott ab, sie wollen nur in der Synagoge, in welcher sie ihren Sitz bezahlen, für ihr Geld etwas Neues, ganz Modernes, ein nagelneues Gebetbuch, welches sie natürlich so fleißig benutzen würden, wie das alte. Das alte Gebetbuch aber hat eine zähe Widerstandskraft, es wird nicht so leicht das Feld räumen, wie die alten Machsorim. Eine andere hiesige Synagoge, in welcher seit einigen Jahren nebst einigen unschuldigen, freilich aber auch die Weihe des Gottesdienstes wenig fördernden Neuerungen, auch die Anordnung getroffen wurde, die Tephila nur bis nach der Keduscha von» Vorbeter laut recitiren zu lassen — der Grund war angeblich, damit die Synagogenbesucher nicht Gelegenheit finden sollen, das Bethaus gleich nach der Keduscha zu verlassen — entbehrt bis jetzt der Orgel. In Böhmen aber hat die Orgel in den jüdischen Bethäusern sich bereits Heimathsrecht errungen, in Prag selbst ertönt zum sabbathlichen und feiertägigen Gottesdienst die Orgel in zwei Synagogen schon seit Jahren (man merkt freilich nicht, daß die Herren vom Comptoir dadurch mehr zum Synagogenbesuch sich veranlaßt sehen), es soll nun diese Synagoge als dritte im Bunde eine Orgel erhalten; die armen Organisten wollen auch leben. Viel Staub hat die Anstellung eines neuen Cantors in einer hiesigen Synagoge aufgewirbelt. Dieselbe hatte bisher nur einen halbgeregelten Gottesdienst, der Piut war nämlich nicht ganz ausgemärzt, das laute Beten ging vor sich nach alter Weise, doch bestand schon Cboralgesang, in früheren Jahren sogar regelmäßige Predigt. Mit der Aufnahme des neuen Cantors zeigt sich das Bestreben, den Gottesdienst so zu gestalten, daß der Gesang des Cantors den ganzen Mittelpunkt desselben ausmachen soll; der Bethausvorstand wacht sorgfältig darüber, daß nicht durch lautes Beten der Gesang gestört werde; um den vollen Genuß zu haben, wurde das Chorpersonal durch Bassisten und Tenoristen verstärkt, das Synagogenbudget erfuhr wohl dadurch eine namhafte Erhöhung, dafür aber ergötzt man sich an dem schönen Gesang, lauscht andächtig den neuen Compositionen,' hat einen herrlichen Ohrenschmaus, und tröstet sich damit, daß zu den hohen Feiertagen gar Viele herbeiströmen werden, einen Synagogensitz für theueres Geld zu nehmen, um den guten Cantor hören zu können. In dieser Synagoge ist der Almemor noch in der Mitte postirt, von der guten alten Zeit her, wo an Wochentagen mehr Synagogenbesucher waren, als jetzt an Sabbathen. Dieser Almemor ist jetzt ein Stein des Anstoßes, -er paßt nicht gut zu dem hochmodernen Gesänge. So leichlerdings den Almemor beseitigen, gestatten viele Rücksichten nicht, aber es ist die Gefahr vorhanden, daß die Gesangestöne des Cantors das feste Gestein des Almemors zum Wanken bringen werden. So spielt sich in dieser Synagoge getreulich ein Stück ab, wie es im Leitartikel Nr. 19 d. Bl. geschildert wird, geistige Belehrung hält man für überflüssig, Einzelne hüllen sich sogar in den Mantel des Conservatismus, perhorresciren dieselbe als Neuerung, aber Obercantor mit Talar, der zur Seelenfeier deutsche Lieder absingt, ist gut jüdisch, ein Lecho dodi als Opernstück aufgeführt, daraus soll das Heil erblühen für unsere Jugend, das soll die religiöse Kräftigung sein für die Frauen, das den Schwerpunkt unseres Gottesdienstes ausmachen. Den guten Chasan hörte man auch in der alten Zeit gern, aber den Gesang des Chasan zum Mittelpunkt des ganzen Gebetes machen, ist wahrlich weder conservativ, noch reformistisch, es ist, wie Jhr Corrrespondent aus Brünn richtig bemerkt, das Product einer schädlichen Verflachung und Veräußerlichung des Judenthums. Die Cantor-Enthusiasten dieser Synagoge werden aber bald genug die Erfahrung machen, daß das Absingen der Arie allein nur für sehr kurze Zeit volle Häuser macht, die Reihen der Zuhörer beginnen sich schon sehr zu lichten, und noch einige Sabbathe, so wird der Cantor mit seinem ganzen Chorpersonale und dem kunstvollen Gesänge am Betpulle verlassen dastehen, umgeben nur von dem kleinen Häuflein der Getreuen, die mehr das Bedürfniß zu beten, als am Gesang sich zu ergötzen, das Gotteshaus zu besuchen anregt. Cantor und Choralgesang auch, aber nicht alles, —das sollte beherzigt werden, beim Gottesdienste darf zumal in unserer Zeit das Wort der Belehrung nicht fehlen, und wenn es Viele gibt, welche der Meinung sind, dasselbe entbehren zu können, so ist das gerade ein Zeichen, wie sehr nothwendig es ist, der Belehrung bedarf der am meisten, der nicht belehrt sein will. Von den hiesigen n eu n großen Synagogen gibt es übrigens noch einige, wo ganz nach alter Weise gebetet wird, in den kleinen ist es in allen der Fall, doch muß man es gestehen, daß in den Synagogen mit geregeltem Gottesdienst größere Andacht, wenigstens äußerlich, herrscht, und unter diesen ist der Tempel an Sabbathen und Feiertagen am besten besucht. Linz, a. d. Donau. (Or.-Corr.) Synagogeneinweihungen gehören zwar nicht zu den seltenen Ereignissen in dem jüdischen Gemeindeleben, denn allenthalben regt sich das Interesse für den alten Gott Israels, trotz aller Lamentationen von Hirsch und Genossen, trotz der alleinseligmachenden Synagoge der Frankfurter Religionsgesellschaft, dennoch verdient die Einweihung des Gotteshauses in der Landeshauptstadt Oberösterreichs einer besondern Hervorhebung und Erwähnung. Bis vor 25 Jahren durfte in ganz Oberö,ierreich kein Jude wohnen; der jüdische Hausirer, der in Linz übernachten wollte, bedurfte dazu einer besondern Erlaubniß, und es leben hier noch heute viele unserer Glaubensgenossen, die am Morgen des Einweihungstages, das stattliche Gebäude betrachtend, mit Thränen in den Augen, der Zeit gedachten, wo sie von einem Gensdarmen zur Stadt hinausgeführt wurden. Es war daher ein seltenes Fest, das unsere Gemeinde feierte. Zum größten Theile aus nicht sehr bemittelten Familien bestehend, hat die Gemeinde große Opfer gebracht, doch darf nicht verschwiegen werden, daß das Unternehmen auch in anderen Gemeinden, vor Allem in Wien materielle Unterstützung gefunden hat. Am 10 Mai fand die Einweihung unter zahlreicher Betheilung der ganzen Bevölkerung statt. Neben dem Statthalter, dem Bürgermeister und andern hohen Regierungs- und bürgerlichen Beamten hat auch die fast ausschließlich katholische Bevölkerung Linz's in vollem Maße ihre Sympathie dem Feste entgegengebracht. Der Vorstand der Linzer Cultusgemeinde, in richtiger Würdigung der Bedeutung des Festes für das Land aber auch vor allem für das Judenthum, hatte zahlreiche Einladungen an Gemeinde und Corporationen ergehen lassen. Die Wiener Cultusgemeinde schickte als Deputation aus ihrer Mitte den Prediger Herrn Dr. Jellinek und das Vorstandsmitglied Herrn Baumgarten. Außerdem war der Reichsrathsabgeordnete Herr Dr. Hönigsmann aus Wien erschienen Die Nachbargemeind'en Steyer, Rosenberg, Kalladey schickten ebenfalls Deputationen. Aus Anhänglichkeit und Liebe zur alten Gemeinde war auch der