Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 21. (24.5.1877)
- Date
- 1877-05-24
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 162 — { zugleich an einem Kleidungsstücke verwandt wissen wollen ' Es ließe sich leicht durchführen, daß die Scheu vor einem. Vermischen von Dingen, Gedanken, Bestrebungen die Grundlage auch einer Reihe zum Theil ethischer Gesetze bildet. So z. B. des 4. Gebots: „sechs Tage soll Jeder arbeiten, aber den siebenten ruhen", und zwar in einer so vollkommenen Weise ruhen, wie es gegenwärtig vielleicht nur ganz vereinzelt in unsern Ländern stattfinden kann. Arbeiten mit allem Ernste, aber auch ruhen, sich sammeln mit derselben Vollkommenheit, ungetheilten Abstraction von aller Erwerbsthätigkeit. So ferner die Gesetze betreffend Ehen unter Blutsverwandten, bei Geschiedenen, gegen Vielmännerei, das Verbot, daß Männer weibliche, Weiber männliche Kleidung anlegen, selbst das Verbot der Castration, durch welche eine Mischsorm zwischen männlichen und weiblichen Typus hervorgebracht wird, alles beweist, daß die mosaische Gesetzgebung ein Naturgesetz ergründet zu haben sich bewußt war, wonach alles in der Natur einem in ihm liegenden Typus folgte, der bis zu einem gewissen Grade modificirt, aber nicht vollständig umgewandelt, nicht mit einem fremden Typus zusammen einer neuen, vorher nicht existirenden, fortpflanzungsfähigen Art das Leben geben konnte. Auch die Grenzen, innerhalb deren die Modificationen wenigstens beim Menschen vor sich gehen, sind in der Bibel genau vorgezeichnet. Sie sind enthalten in dem Ausspruch: Ich will die Sünden der Väter ahnden an Kindern, Kindeskindern und Urenkeln. Stoßen wir uns nur an den Ausdruck „Sünden" nicht, und setzen wir zunächst mit Bezug auf den Körper sicher im Sinne des Gesetzgebers dafür: Abweichungen von den hygienischen Gesetzen, so ist es klar, daß Moses hier auch ein Gesetz über Erblichkeit der Krankheitsdispositionen ausgesprochen hat. Für die psychische Richtigkeit spricht die Entdeckung des unsterblichen Morel von der Erblichkeit der Geistesstörungen resp. Disposition zum Laster und Verbrechen und das Erlöschen der Fortpflanzungsfähigkeit im vierten Gliede. (In einem früheren Anfsatze habe ich versucht, nachzulveisen, wie das Gesetz der Vererbung gewisser geistiger und körperlicher Anomalien bis ins vierte Glied durch neuere Forschungen glänzend bestätigt worden ist. Was von Morel für specielle Psychosen und Verbrechen entdeckt wurde, hat Darwin in einem andern Falle für die Erblichkeit gewisser körperlicher Abnormitäten gefunden. In dem Werke: Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication, übersetzt von Carus. II. Bd. 1873. S. 14 liest man nämlich von einem durch 5 Generationen fortgesetzlen Auftreten überzähliger Finger. Mit dieser 5. Generation ist aber, was Darwin gar nicht gemerkt hat, das Ende dieser Vererbung erreicht. Es genüge vorläufig, zu constatiren, daß dieser Fall die ganze Darwinsche Theorie schlagen würde, wenn es der Typus eines allgemeinen Gesetzes wäre. Daß er es ist, hoffen wir nachzuweisen, und Darwin würde indirect das Verdienst haben, die Bibel und die dort festgehaltenen Theorien in das hellste Licht bisher zu stellen geholfen haben.) Ist so ein Uebergehen aus einer Thierspecies in eine andere etwas für die mosaische Auffassung Undenkbares, so kommt bei dem Vergleiche der Menschen mit den Thieren in der Bibel noch eine neue Art der Betrachtung hinzu. Wir haben nicht die Absicht, zu zeigen, daß die Darwinsche Theorie, wie dies in England jetzt von sehr gewichtiger Stimme behauptet wird, eine „puerile Hypothese" ist. Im Gegentheil: Auch Darwin, glauben wir, hat ein großes Naturgesetz geahnt. Aber es ist schlimm, wenn man die Bibel so oft nur aus religiöser Rücksicht vertheidigen zu können glaubt, jenes „heilige" Buch, das Jeden mit seinen ersten Worten in die philosophischen, in die erhabensten Jdeenkreise einführt, das uns zum Fragen und Nachdenken über alle Verhältnisse anregt, das uns unseren Stammbaum kennen lehrt, und so uns erst einheimisch auf der Erde macht. Wenn die Bibel aber wirklich richtigere Ansichten lehrt, als Darwin, dann kann es, je großartiger und bestechender seine Theorie, nur desto mehr Anregung sein, ihre Unrichtigkeit nachzuweisen. Mensch und Thier scheinen an manchen Stellen des Pentateuchs gar nicht so verschieden zu sein. Gott macht einen Bund mit Noah und allen Thieren. Er rächt das Blut, auch der Thiere. Er gebietet das Opfern gewisser Thiere zur Versöhnung, denn „das Blut versöhnt". Die Feindschaft zwischen den Nachkommen Eva's und denen der Schlange gehört auch zu den Beweisen für die anscheinende Gleichstellung. Endlich aber das Wesen („Nephesch") der Menschen ist ebenso wie beim Thiere an das Blut gebunden. Und doch ist das Zusammenfassen des Menschen mit dem Thiere in der Bibel nur scheinbar. Nicht aus einer niedrigeren Klasse, sondern direkt „vom Staube der Erde" ist der Mensch gebildet. Daß er den Säugethieren vollständig ähnlich ist, konnte Niemandem entgehen. Wie aber den totalen Gegensatz anders idealer auszudrücken, als daß der Mensch trotzdem nicht im Bilde der Thiere, sondern im B i l d e d e r G o t t h e i t geschaffen wurde? Worin die Aehnlichkeit besteht, ist, wie die Bibel im 2. Gebot ausspricht, unmöglich §u ergründen. Aber wohl wissen wir, worin die Verschiedenheit vom Thiere besteht. Sie besteht nämlich in der Möglichkeit, von allen Einflüssen anderer lebender Wesen in Bezug auf das Gefühl von Recht und Unrecht, Gut und Böse unabhängig zu sein. Der Grad der Unabhängigkeit bestimmt die höhere oder geringere Annäherung an das Ideal der Menschheit. Daß diese Fähigkeit auch beim Menschen wie beim Thiere an das Blut gebunden ist. beweist nicht, daß sie nicht essentiell verschieden ist. Die Bibel sagt darum auch, daß sie dem Blute der Menschen ans eine besondere Weise mitgetheilt wurde, nämlich direkt durch einen dem ersten Menschen in die Nase (also in die Lunge resp. den Blutkreislauf) geblasenen Hauch. Inwiefern sie sich beim Manne anders äußert, als bei der Frau, auch darüber giebt uns die Bibel Aufschluß. Beide haben dasselbe Blut, für beide hat die hebräische Sprache einen Namen, welcher mit dem Begriff „Feuer" zusammenhängt (Jsch, E?K) ein Beweis mehr, daß Leben und Verbrennen in der Bibel für identisch und für im Blut vor sich gehend gedacht wurde. Aber die Frau ist zur nothwendigen Gehülfin des Mannes bestimmt. Sie erhält ihre Eigenthümlichkeit erst von ihm, und während sie die Verbindung des Mannes mit der Natur vermittelt, ist er der wahre Herrscher aller übrigen lebenden Wesen. Den strengen mos. Gesetzen gegen jede Vermischung haben die Juden ihre idealen männlichen Typen und ihre echt weiblichen Gestalten zu verdanken. Darwin's Verdienste sind unbestreitbar, doch einer seiner Fundamentalsätze, die Entwickelung des Menschen vom Thiere, ist unhaltbar. Im Menschen ist etwas, was wir beim Thiere nicht wiederfinden. Wohl kann beim Menschen z. B. in der Wuth oder in gemeiner Leidenschaft Thierisches zum Ausbruch kommen, aber das dem sittlichen Untergang nicht verfallene Individuum vermag sich schließlich doch wieder zu beherrschen und den reinen menschlichen Typus wieder zu zeigen, auf dessen Vorhandensein alle unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen sich gründen. W o h l a u. Dr. H. Kornfeld, Kreisphysikus. Berichte und Correspondeuzen. Deutschland. Von der Elbe. (Or.-Corr.) Eine der wichtigsten Lebensfragen, über welche die Betheiligten meist mit unverzeihlicher Sorglosigkeit hinweggehen, ist die bezüglich der Pensionirung jüd. Beamten. Ist die materielle Stellung derselben — besonders in kleineren und mittleren Gemeinden schon während der Zeit ihrer thatkräftigen Wirksamkeit in materieller Beziehung keine sorglose, so ist ihr Geschick in der Zeit ihrer Dienstunfähigkeit ein ganz besonders trauriges. Wer sorgt für den jüd. Lehrer im höheren Alter? wer für seine Frau und Kinder im Falle eines frühen Todes? Der Appell an das jüd. Herz, an die Privatwohlthätigkeit, — wie er