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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-17 · N° 20. (17.5.1877) · p. Seite 159

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 20. (17.5.1877)
Date
1877-05-17
Page
Seite 159 (sequence 7)
Language
German
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/ — 159 Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Zeiter Band. Erstes Kapitel. Die letzten Schimmer der Abendröthe schwanden im Westen. Einsam schritt ein Mann die Anhöhe hinauf, die sich westlich von Rolandsau erhob und eine prächtige Fernsicht über das herrliche Thal gestattete. Das gebräunte Gesicht umrahmte ein dichter schwarzer Vollbart, die hohe offene Stirn zeigte Spuren überstandener Leiden, wie überhaupt ein Zug stiller Wehmuth über die ernsten Zuge der stattlichen Gestalt gebreitet lag. Auf der Höhe stand er still und blickte sinnend und breitete die Arme weit ans, gleichsam als wollte er die theure Gegend, der er so lange fern gewesen, heranziehen und fest an die sehnende Brust drücken, um sie nimmer wieder von sich zu lassen! „O, Heimath, Heimath! Deine Fluren sehe ich wieder, der Klang deiner Glocken schlägt wonnig an mein Ohr! Die allbekannten Klänge deiner Lieder, wie tönnen sie so traut, als riefen sie mir ein „Willkommen!" zu. O Heimath, o Vaterland, welch' wonnige Gefühle weckst du der Brust! Welch' reiche Bilder tauchen aus der Vergangenheit empor, wenn ich dein gedenke. Hier ist die Stätte, wo dir die Jugend, die goldenen Spiele der Kindheit aufgegangen, hier hast du klopfenden Herzens, ohne Ahnung von Tugend und Laster, umbesorgt um das Morgen, ohne Sorgen in der reinen Brust dich in wonnige Träume gewiegt, ohne'ihre Unausführbarkeit zu ahnen. Dort die Wiese, wo Du als Kind Blumen gepflückt und Schmetterlinge gejagt, wo Du müde im grünen Grase, im Schatten des einzeln stehenden Obstbaumes erquickenden Schlummer gesucht und gefunden. Dort rauscht der Fluß, deß' Wellen Dir ein Schlummerlied gesungen, nachdem das Spiel seiner Fische dich ergötzt. In jenem Walde hast du mit den Gespielen der Kindheit gesungen und gejauchzt und in jenen Feldern hast du Cyanen und Mohnblumen in riesige Sträuße vereint. Dahin! Dahin! Die goldenen Jahre der Kindheit sind hinabgerauscht in das Meer der Vergangenheit — und nichts ist von ihnen geblieben als — die Erinnerung. Dahin! Die Träume sind entschwunden, die kalte Wirklichkeit ist au ihre Stelle getreten. Dort in des Friedhofs weiten, friedlichen Hallen, dort ruht so mancher liebe Bekannte der märchenhaften glücklichen Zeit im engen dunklen Bett. Arbeit und Mühe sind ihm freilich vorüber; die Sorgen sind von ihm gewichen, aber ein ganzes, von der Liebe beschattetes Leben ist für ihn verloren. Die Stürme brausen und wehen über sein Grab; und aus dem Brausen tönt: Vergessenheit! Und dort, — dort ist das Grab der theuren Mutter, die dich gehegt und gepflegt, an deren Hand du den ersten Gang versucht. Das Schicksal hat sie dir früh entrissen — sie starb ans Gram. O, bitteres Weh! Du hast dem Herzen eine Wunde geschlagen — die nimmermehr heilen wird." — Der Mann weinte, Thränen rollten über seine Wangen Dann nach einer Pause blickte er auf und um sich. „Sieh', dort ist ja die alte Linde noch, in deren Schatten ich manches Lied gesungen. Hast du den Stürmen widerstanden, die die Zeit gebracht? Hat das Schicksal vor dem Untergange dich bewahrt? Dich, — dich riß die grausame Hand des Schicksals hinweg, von den frohen jugendlichen Liedern, aus dem Kreise mit dir herangewachsener Freunde. Ins fremde Land hat's Dich Hinausgetrieben, fremde Luft hat dich umweht, fremde Lieder haben dich umtönt, aber eins hat dich immer von Neuem mit offenen Armen zu sich herübergelockt, Eins hat dich nicht selig werden lassen bei all der Pracht des fernen Landes — es trieb dich fort, es zog dich zurück — das Heimathland. O, Heimath, Heimath, süßes Wort! Glücklich der, der dir mit ganzem frohen Herzen naht, dem vielleicht ein liebes Wesen heiß die Arme entgegenstreckt, welch' süßes Glück birgst du an deinem Busen! Wie doppelt süß klingen ihm die Töne deiner Nachtigallen, wie lieblich murmeln deine Quellen, wie gewaltig pocht dein Herz dem Wiedersehen hold entgegen. Schweigend wanderte der Fremde des Wegs dahin, der erste Meusch, der ihm begegnete, war — Jäkel. Das Blut stieg dem Fremden bei seinem Anblick ins Gesicht, er ballte krampfhaft die Hände, er wollte auf ihn losstürzen, aber er bezwang sich und schritt ruhig auf ihn zu. „Guter Mann," redete er ihn an, „es sind manche neue Wege hier, welcher ist der kürzeste nach dem Hause des Salomon Lämchen?" „Hm, den letzten Juden meint Ihr?" lachte Jäkel. „Nun, da geht nur gradeaus. Sein Haus steht ganz auf dem alten Platz und der Alte ist ja Jedermann bekannt. „Er lebt also noch", rief der Fremde mit freudiger Stimme. „Unkraut verdirbt nicht so leicht! Steht übrigens jetzt ganz allein! Der einzige Sohn hat die Kirche bestohlen, und um sich des Scheines der Mitthäterschaft zu entladen, hat er ihn in die Welt fortgeschickt, oder verstoßen wie er sagt, und nun ist er denn allein" — „Allein? Lebt ihm nichtein zweites Kind — seine Tochter und auch eine Schwester?" „Es scheint, daß Ihr doch nicht so fremd hier seid", sagte Jäkel mißtrauisch. „Eine Tochter hat der letzte Jude allerdings gehabt — ein schönes Töchterchen, hahaha!" „O sagt — sagt — was ist's mit ihr?" „Besser keine Tochter, als eine solche! Haha! lieber Freund. Unser Heiland straft die Sünden der Väter in den Kindern?" „Ihr foltert mich. — Was ist's mit der Tochter?" „Seid wohl ein alter Liebhaber, und der kleine Engel ist Euch untreu geworden? Haha! dann habt Ihr wenigstens die Genugthuung, sie im Sumpfe der großen Welt zu sehen. Der Jude hat sie verstoßen." „Verstoßen! Rosa verstoßen? Und sie, wo ist sie? Allein hinaus in die iJöelt gestoßen. — Nein, nein, es ist nicht möglich." - Mit diesem Worte stürzte der Fremde plötzlich fort. Ehe Jäkel ihm folgen konnte, war er die Anhöhe hinab geeilt, um die Ecke — und seinen Blicken entschwunden. Rastlos durchwanderte der Fremde die Straßen, manches neugierige Auge sah ihm fragend nach. Vor dem Hause des letzten Juden blieb er unschlüssig stehen; er zögerte, den Fuß über die Schwelle zu setzen. Und doch es mußte sein — er trat in das Haus. In dem Zimmer zu ebener Erde brannte Licht. Schweigend, die Hand auf das Herz gepreßt, betrat er die wohlbekannten Räume. Leise durchschritt er den Hausflur, leise öffnete er die Nebenthüre; das Zimmer war leer. Er trat ein. Das war der Raum, der seine Kindheit gesehen, wo eine treue Mutterhand ihn geleitet, wo ihm so manches glückliche Jahr dahin geflossen. Der Mutter Bild — ja, es hing noch an dem alten Platze; noch immer blickte sie mit liebevollem Blicke ihn an. Vom Schmerze der Erinnerung übermannt, blieb er in Gedanken versunken — das Auge auf das Bild der Mutter gerichtet stehen. Der Jugend goldene Bilder tauchten auf, die vergangene Zeit drückte den vergessenen Kranz so wie im Traume auf des Mannes Haupt und rief die seligsten Erinnerungen wach. Plötzlich öffnete sich die Thür, der Fremde wandte sich, wie aus einem Traume geweckt um, es war Esther, die eintrat. Als sie den Fremden erblickte, wollte sie nach seinem Begehr fragen — aber das Wort erstarb auf den Lippen der Alten, und mit der Hand über die Stirne streifend,, rief sie: „Gott, Gott, täuschen mich meine alten Augen nicht? Das — das ist" — und zwischen Lachen und Weinen schrie sie: „Ja, ja, er ist's." t' er — „Ja ich bin's wo ist . .. Rosa? Moritz — Was macht der Vater? Wo, (Forts, folgt.)

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