Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 20. (17.5.1877)
- Date
- 1877-05-17
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Mehrere jüdische und politische Blätter, auch die hiesige „Wochenschau", haben die Nachricht von einem Uebertritt des Rabbiners von Marseille zum Christenthum verbreitet; dieses ist laut einer Depesche des Grandrabbin Isidor zu Paris (an den Red. des Hamagid, der diese Nachricht zuerst brachte) eine völlig aus der Luft gegriffene Unwahrheit und böswillige Verleumdung. Potsdam. Der unter Leitung eines Fräulein v. Brauchitsch hier eröffnete Fröbel'sche Kindergarten hat das Töchterchen unseres Rabbiners — dessen Frau eine Tochter Philippsons ist — von der Aufnahme zurückgewiesen, weil der Kindergarten „christlich" sein solle. Straßburg. Unter den aus Anlaß des kaiserlichen Besuches im Reichslande Dekorirten befindet sich auch der Oberrabbiner A. Aron, derselbe hat den Kronenorden dritter Classe erhalten. Ferner wird berichtet, daß der Kaiser dem Oberrabbiner auf dessen Bemerkung, er könne Se. Maj. nicht einladen die Synagoge mit einem Besuche zu beehren, weil dieselbe alt und baufällig sei, die Zusage gegeben habe, er werde dafür sorgen, daß der Gemeinde ein Bauplatz zur Verfügung gestellt werde. Pest. Die türkische Deputation der Softa's ist gestern abgereift, vorher erhielten sie einen Besuch hies. Rabbinatscandidaten, deren Sprecher sie in hebr. Sprache begrüßte. Der Scheik Suleiman erwiederte hierauf: „Brüder, Nachkommen Abrahams! Mein Herz ist erfreut darüber, daß im Schooße dieser uns verwandten Nation der Jude mit den den Magyaren fühlt in Freud und Leid. Viel, sehr viel haben Eure Vorfahren erduldet, aber auch unser Weg war dornig. Unser Volk hat den Juden geholfen, wo es konnte, und wir wollens, m. G. H., in Zukunft noch wirksamer thun. Wir sind dessen eingedenk, daß Jsak und Jsmael die Söhne eines Vaters waren. Ueberbringt unfern Gruß den Brüdern!" Wien. Baron Moritz v. Königswarter, der der Beerdigung seiner jüngst zu Frankfurt a/M. verstorbenen Tante beiwohnte, schenkte das ihm vermachte Haus im Werth von 100,000 Gulden der Commune Frankfurt zu Wohlthätigkeitszwecken. Anläßlich der Genesung seines Sohnes spendete derselbe auch der hies. Stadt-Gemeinde 10,000 Gulden und der isr. Gemeinde 3000 fl. Die Verstorbene hat in ihrem Testamente auch das isr. Taubstummen-Jnstitut mit 6000 Gulden bedacht. Aus Galizien erzählt „Narodny Listy" folgende Geschichte: „Am 27. Februar d. I. starb in Tzchebin, die sehr arme Wittwe M. Matschka, welche nichts anderes hinterließ, als vier Waisen, von denen die älteste Tochter erst 14 Jahre zählt. Als die Wittwe gestorben war, ging das Töchterchen zum Herrn Pfarrer und bat ihm, daß er die geliebte Mutter zum Grabe geleiten möge. Der Herr Pfarrer frug zunächst, wie viel Geld sie bei sich habe. Das Mädchen antwortete weinend, sie habe keines. „Aber Ihr habt doch ein Schwein" meinte der Pfarrer „oder die Mutter hatte doch irgend ein Federbett." Das Mädchen: Wir haben kein Vieh, aber einige Bettpolster besitzen wir. Pfarrer: „So verkauft sie und bezahlt mich." Das Kind bat den Pfarrer mit dem Versprechen, daß es in den Dienst gehen und den ersten Verdienst ihm überbringen werde. Der Pfarrer fertigte es ab mit den Worten: „Wer wird denn solange warten; ich bin schon alt und was dann, wenn ich sterben würde?" Kurz, er wollte nicht begraben, bevor er das Geld hätte. Das Mädchen nahm die Federbetten und trug sie zu einem Juden in Versatz. Den alten Juden rührte das zu Thränen und er schenkte dem Kinde so viel Geld, als es für das Leichenbegängniß benöthigte. So wurde die arme Wittwe auf den Friedhof gebracht, wo der Pfarrer das Grab mit Weihwasser besprengte. Amsterdam. In Bezug auf unsere in Nr. 17 gegebene Notiz über den Tod des Herrn I. van S. Mulder werden wir durch den „Isr. Nieuwsbode" belehrt, daß wir denselben mit seinem Vater, dem verstorbenen Dr. S. I. Mulder, verwechselt haben, dieser hatte sich in der jüdischen Literatur einen Namen erworben, der jetzt verstorbene war Jurist. Das im Uebrigen über dessen Verdienst von uns Gemeldete ist richtig. Copenhagen. Vor Kurzem erschien hier ein mehrbändiges Werk unter dein Titel (Dänisch). „Das heilige Land und dessen Nachbarländer" in Vorzeit und Neuzeit, von Johann Kolk, einem protestantischen Prediger. In diesem Buche ist über Juden und Judenthnm viel Galle und viel Hohn ausgeschüttet. So sagte der Verfasser u. a., ein Jude, der von einem von Christen geschlachteten Vieh esse, werde nach jüdischem Gesetze zu Tode gegeißelt, die Christen werden nicht als „Nächste", die man lieben solle, betrachtet, u. drgl. m. Der Oberrabbiner Dr. Wolfs hat im „Dagbladet" eine Entgegnung veröffentlicht und die Schreiberei zurückgewiesen. Er weist zunächst nach, daß das Kolk'sche Buch zum großen Theile geradezu ein Plagiat aus dem Werke: „Die Länder und Stellen der heil. Sch. von Dr. Friedr. und Ad. Strauß sei, und dann, daß der Verfasser von der jüdischen Literatur nichts verstehe, Dr. Wolff tadelt auch scharf, daß ein jüdischer Buchhändler P. G. Philipsen, — allerdings vielleicht ohne Inhalt näher zu kennen — das Buch in Verlag genommen habe. (Hamag.) Rumänien. Neuere Nachrichten, die das C.-Comit6 erhalten, berichten, daß nicht einmal der Tod vor dem Judenhaß in Rumänien Gnade findet. Fast jeden Tag schreibt man aus Bucarest, wird ein jüdisches Leichenbegängniß mit den Worten begrüßt: Azi ünü, maine dece (heute eins, morgen zehn) und diese Worte sind in der Regel das Signal zu den scandalösesten Auftritten und den Conflictm, denen der Trauerzug nur durch Flucht mit dem Leichnam entgehen kann. Diese traurigen Vorgänge haben sich vor vier Wochen, bei Beerdigung einer jüdischen Frau in Bucarest zwei Mal in einer Weise, daß die Polizei einschreiten mußte, und innerhalb 8 Tagen 3 Mal wiederholt; das letzte Mal, bei Beerdigung eines spaniolischen Israeliten, warfen sich eine Menge Rumänen auf die begleitenden Israeliten, die sie in einen Hof drängten uud hier fürchterlich mißhandelten. Der Polizeipräfect H. Ciocarlano bewies bei dieser Gelegenheit viel Muth und Energie, während ein höherer Ofsicier, Capitän Argiu, die Fanatiker ermuthigte, indem er ihnen sagte, daß die Israeliten betrunken wären. (Ber. d. A. I. U.) Serbien. Vier serbische Israeliten sind während des letzten Krieges decorirt worden, 2 für ärztliche und 2 für Waffendienste. Die ersteren sind die HH. Dr. Samuel Pops, Gemeindearzt von Belgrad, und Dr. Brüll, die den Orden des Tacovoerkreuzes erhalten haben; der dritte, H. Benjamin Russo, hat die silberne Medaille für seine Tapferkeit bei einem Angriff auf Gram ada erhalten, und der vierte, H. Michel Oser, ist derjenige, welcher den Israeliten am meisten Ehre gemacht hat und von dem man in ganz Serbien spricht; als Hornist in der Schwadron des Departements von Belgrad ist er 8 Mal im Feuer gewesen, hat sich jedesmal ausgezeichnet und ist in der Schlacht von Schumatow atz auf dem Schlachtfelde decorirt, zum Brigadir avancirt und zum Hornist des Generalstabs ernannt worden. (All. Isr. U.) Aus Südarabien. Wie man dem "Wiener Isr." von Constantinopel schreibt, beabsichtigt die türk. Regierung die Stellung der Juden in Südarabien bedeutend zu verbeffern. Es sollen ihnen eine besondere Steuerverwaltung und eigene Gerichtshöfe gegeben und für die ganze Provinz ein Großrabbiuer als höchste geistliche Person bestellt werden.