Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 20. (17.5.1877)
- Date
- 1877-05-17
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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h. k. k. Stadthalterei die Bitte zu richten, event. neu sich konstituirenden Cultusgemeinden einen möglichst kleinen Gebietsumfang zuzuweisen, um die alten, mit überkommenen Verpflichtungen belasteten Cultusgemeinden in ihren Lebensdedingungen nicht allzu empfindlich zu schädigen. Frankreich. Paris. (Bericht der All. Jsr. Univ für April.) Neue Mitglieder 239. Ueber den Anschluß eines karaitischen Comite's in Constantinopel ist bereits im vor. Bl. berichtet. Einige von den ziemlich umfangreichen Nachrichten aus Rumänien. Serbien und Marocco geben wir unter den betreffenden Rubriken. Außerdem sind noch Actenstücke mitgetheilt in Betreff des Handelstraktats zwischen Frankreich und Rumänien, über den die Gleichstellung der Juden betreffenden Theil des Friedensschluffes zwischen Serbien und der Pforte und ein Schreiben des italienischen Ministers Melepari über denselben Gegenstand. Aus den Schulnachrichten heben wir hervor, daß der Engländer Sir James Lang auf seine Kosten ein jüdisches Schulhaus in Tatar-Bazardschik in Bulgarien erbauen ließ. Das Centr.-Comite hat ihm dafür seinen Dank ausgesprochen, worauf derselbe folgendermaßen geantwortet hat. „Herrn Senator Cremieux, Präsident des Eentral- Comite's der Alliance isr, univ. zu Paris. Tatar-Bazardschik, den 27. März 1877. Herr Präsident! Ich bin sehr dankbar für die edlen Gefühle, die sie mir freundlichst ausgedrückt haben in dem Schreiben vom 10 d. M., das Sie an mich zu richten, mir die Ehre erwiesen haben. Als ich in dieses Land kam, um Unglück und Elend zu lindern, fand ich, daß die wahre und vielleicht einzige Ursache der Leiden dieses Volkes mehr eine moralische als materielle ist. Die Gründung von Schulen war also für mich eine der ersten Pflichten, die mein Programm ausmachen. Ich bin um so glücklicher gewesen, Etwas für die Israeliten thun zu können, als Ihre Glaubensgenossen mir stets die größten Unterstützungen in Wohlthätigkeitssachen geboten haben, und namentlich bei meinem jetzigen Werke, wo die HH. Baron Alphons von Rothschild, Baron v. Hirsch, Grafen von Camondo mit ihren würdigen Vertretern zu Constantinopel mir eine mächtige Stütze gewährt haben. Sie sehen also, Herr Präsident, daß ich durch Errichtung eines Schulhauses für Ihre Glaubensgenossen zu Bazardschik in freilich nur recht schwacher, aber sehr aufrichtiger Weise einen Theil meiner Schuld von Dankbarkeit an Sie abgetragen habe. Genehmigen Sie James Long." Großbritannien. London. (Aus den Sitzungsprotokollen der Anglo-Jewish-Association.) Es liegen uns Nr. 3 und 4 der erwähnten Protokolle, das erste Quartal d. I. umfassend, vor. Was noch nachträglich im ersten über die von der Association angeregten Pariser Delegirten-Conferenz und die sich daran schließende Audienz einer Deputation bei Lord Derby berichtet ist, ist bereits bekannt. — Es schlossen sich an diese Verhandlungen und Vorgänge von der Association veranstaltete öffentliche Meetings in Birmingham, Liverpool und Manchester, welche zahlreich besucht waren, guten Erfolg hatten uuö dem Verein viele neue Mitglieder zuführten. Zweig vereine. Der in Adelaide (Süd-Australien) im Sommer vor. I. gegründet, sendet Beiträge im Betrage von 21 Pf. St., mehr als das dortige Comit6,.erwartet hatte. Ebenso lagen gute Nachrichten vom Verein in Jantaica vor. Der Verein zu Manchester sendete 30 Pf. für die Ackerbauschule^ in Jaffa uub 30 für die Schule zu Smyrna. — David Haim von der Beni Israel-Gemeinde zu Bombay (über welche durch die A. I. Aff interessante Nachrichten eingezogen waren, die hier im vor. Jahrg. mitgetheilt sind,) zeigt an, daß er dort eilten Zweigverein gegründet habe. — Die Eigenthümer des „Daily Telegraph" übersenden 25 Pf. als Geschenk für 1877 und stellen dieselbe Summen für 1878 in Aussicht. — (Aus Nr. 4.) In Plymouth ist ein Zweigverein gegründet, in Hüll bemüht sich eine Dame, Miß Rosa Jacobs, für den Verein. In Melbourne macht die Affociation gute Fortschritte. Jn Mogador hat man das Unternehmen, einen Zweigverein zu gründen, fallen laffen, weil man dadurch dem Comite der Alliance Concurrenz machen würde, was überall vermieden werden soll. — Was die A. I. A. in Betreff der Juden in Rumänien (Vaslui) und Serbien (Semendria) ermittelt und gethan hat, ist bereits bekannt. In Betreff der Schulen in Salonichi und Bagdad wirkt die Affociation zusammen mit der Alliance. Man bemüht sich in T r i p o l i eine Schule zu gründen, doch stehen die im türkischen Reiche obwaltenden Wirren zur Zeit noch hindernd im Wege. Rußland. [ Aus Warschau, 5. Mai, schreibt man der „Voff. Z.": Die ( Verlogenheit aller bisherigen, Europa Sand in die Augen streuenden ruff. Reformen mag folgende kleine Blumenlese illustriren: Von den Juden dürfen außer Kaufleuten erster Gilde, die es schon 5 Jahre anderwärts gewesen, nur die mit dem höhern Doctorgrade die Universität verlaffenden Personen in der Residenz und den andern den Juden verwehrten Plätzen ansässig sein. Nun trifft es sich oft, daß die Kinder solcher Eltern nicht gerade immer den Doctorgrad erlangen, in welchem Falle sie unweigerlich binnen 24Stunden ihr Elternhaus und den Platz verlassen müssen. Auch Ausländer-Juden, die schon eine Reihe von Jahren in der Residenz etablirt sind, trifft bei der ersten Denunciation ihrer Confessionalität dieses noch barbarischer als das spanische, die Austreibung der Juden decretirende Gesetz, welches doch eine halbjährige Frist zur Regelung der Geschäfte zugestand. Nur französischen Juden gegenüber, die energisch protestirend ihr Gesandter unterstützt, sieht man zuweilen durch die Finger. Die studirenden Juden, um überhaupt von russischen Hausbesitzern geduldet zu werden, und auch Kaufleute nicht griechisch-katholischen Glaubens, um russische Kundschaft zu haben, bemühen sich durch äußerliche religiöse Zeichen als rechtgläubige Russen zu gelten. Das Gesetz, welches Juden verwehrt, christliche Dienstboten und Ammen zu halten, oder in christlichen Häusern Unterricht zu ertheilen, ist noch nicht anfgehoben, und obgleich im neuen Strafgesetzbuchs keine besondere Strafe für Uebertretung dieses Gesetzes vorgesehen ist, giebt es doch dem Richter vielfach Anlaß zu willkürlicher Deutung und Aburtelung. Den Juden ist es verwehrt, Land zu erwerben, Schank- und Weinhandlungen in gemietheten Localen und in den ihnen verschlossenen Gegenden Brauereien, Brennereien u. drgl. zu Hallen. — Bei Aushebungen sind 38- und 40jührige jüdische Männer von Frauen und Kindern weggeriffen und als Re' kruten eingezogen, angeblich, weil Viele, um nicht dienen zu müssen, ihr Alter in der Matrikel fälschlich ändern, was, beiläufig gesagt, auch bei den Russen vorkommt, von denen sich bei der vorjährigen Aushebung zwei reiche Kaufmaunssöhne in Kiew durch Erschießen der Wehrpflicht entzogen. — Mit jedem jüdischen Osterfeste bringen die russischen Blätter im Chorus von ihren Original-Correspondenten erlogene Fälle von Christenkinderruub durch Juden, ohne je eine Rüge seitens der Regierung zu erfahren oder eine vertheidigende Entgegnung zur Vertheidigung aufnehmen zu müssen. Ja, vor einigen Jahren hat sogar ein russischer Pope in einem kaiserlichen Prinzen, ich glaube gar dem Thronfolger, gewidmetes Buch mit den blödsinnigsten Beweisen für dieses von allen Gebildeten verdammte Märchen herausgegeben, das sich einer sehr großen Verbreitung erfreut und fast überall anzutreffen ist. Diese Beispiele, die sich in infinitum fortsetzen lassen, genügen, die Lauterkeit dieses für die heiligen Menschenrechte unternommenen Krieges zn beurtheilen. (Auch die „Gerrnania" bringt einen längeren Artikel über das vielfache Unrecht, welches die Juden in Rußland erleiden müffen; freilich schreibt sie das nicht „aus Liebe zu Mordechai, sondern aus Haß gegen Haman." Red.)