Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 20. (17.5.1877)
- Date
- 1877-05-17
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583384-9583537--3125-9583540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 155 — die aufwachsende jüdische Generation mehr Verständniß des Judenthums besitzen, daß sie in den Synagogen etwas Anderes als die Productionen von Cantoren, mögen sie noch so gute „Stimm-Mittel" besitzen, verlangen wird. Die Aufführung der großen classischen Werke der Kirchenmusik ist mit der von uns gerügten Einrichtung nicht zu parallelisiren, denn diese sind sich als großartige musikalische Conlpositionen Selbstzweck und stehen mit dem katholischen Cultus, der dem Volke eine mehr passive Rolle beim Gottesdienste einräumt, in engem Zusammenhänge. Es muß daher unsere Sorge sein, Lehrer oder selbst auch Rabbiner und Prediger herauzubilden, die zugleich das Vorbeteramt bekleiden können. Der Gesang in der Synagoge soll ein Gemeinde-Choralgesaug sein, dem Vorbeter obliege die sinngemäße Recitation ohne Coloratar und Schnörkeleien. Der Gottesdienst wird würdevoller, wohl auch kürzer, was heutzutage so erwünscht ist, und weniger kostspielig. Die typischen Choräle werden den Kindern in der Religionsschule gelehrt, die Gemeinde wird sie bald erlernen, sobald die Kinder sie zu siugen verstehen und auch wirklich in der Synagoge mitsingen. Das Gebet und die Predigt werden zu größerer Geltung gelangen, je geringer das Interesse ist, das man dem nur als Nebenmoment berechtigten Gesänge des Vorbeters entgegenbringt. Die gottesdienstliche Reform wird so von einem Auswüchse befreit, der ihren ganzen Werth in Frage zu stellen geeignet ist. Sie giebt die triviale Veräußerlichung auf und gewinnt an Innerlichkeit. Die Gemeinde verringert ihre Lasten, indem sie den hochbezahlten Cantor sammt dem ganzen Apparat von Gehilfen aufgiebt und gewinnt einen Religionslehrer für die Jugend. Wird es nicht die bessere Einsicht sein, die diese Reform der Reform zu Stande bringt, so wird uns die Roth, anständig und nicht gekünstelt, beten lehren. Und so wäre denn nicht zum ersten Male aus der Roth eine Tugend geworden. Ein erfahrener Kahals-Mann. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg Unser Abgeordneter, Prof. v. Sybel, hat jüngst Gelegenheit gehabt, seine Judenfreundlichkeit zu documentiren. Der durch seine tüchtigen Leistungen auf dem Gebiete der Geschichtsforschung, speciell durch seine Mitarbeiterschaft an der „europäischen Staatengeschichte", bekannte Vr. Caro (Sohn des Rabbiners zu W ), den selbst Minister Mühler nicht umhin konnte zum Honorarprofessor an der Universität zu Breslau anzustellen, wandte sich jüngst behufs Erlangung einer vacanten Stelle am Archiv zu Königsberg an den Direktor des Staatsarchivs Hrn. v. Sybel. Dieser wußte es jedoch — wie die jüd. Pr. erfährt — zu veranlassen, daß sich ein protestantische Gelehrter von entschieden geringerer Begabung um dieselbe Stelle bewarb, worauf dann der jüdische Professor abgewiesen wurde. — Wie dasselbe Bl. wissen will, hat der Cultusminister Or. Falk Hrn. Landau (Jsr.) aus Schlesien als Kanzleirath in das Ministerial-Cabinet berufen, mit dieser Stelle ist das Secretariat in der Privatkanzlei des Munsters verbunden. Aus Königsberg, 3. Mai, erhalten wir nachstehendes Schreiben des Hrn. Prof. I)r. Möller: Das in dem beigeschlossenen Aufrufe namentlich genannte Comits, welches sich die Aufgabe gestellt hat, das Andenken Joh. Jacoby's durch eine in seinem Geiste wirkende bleibende Stiftung zu ehren, erlaubt sich, die Vermittelung Ihres geschätzten und weitverbreiteten Blattes in Anspruch zu nehmen, um der Sache größere Theilnahme unter Ihren Glaubensgenossen zu gewinnen, als sie bis jetzt gesunden hat. Ich erlaube mir dabei zu bemerken, daß die Kosten der Büste längst gedeckt sind, daß sich dieselbe bereits in der Arbeit befindet, und daß es sich nur noch um die in bem Aufrufe näher bezeichnet Stiftung handelt. Wir würden Ihnen zu doppeltem Danke verpflichtet sein, wenn Ihre Redaction sich der Einsamwlung von Beiträgen zu dem gedachten Zwecke unterziehen wollte. In jedem Falle aber empfangen Sie, geehrter Herr Doctor, im Voraus den besten Dank rc. rc. J)i\ I. Möller. Es wird kaum uölhig sein, zur Empfehlung etwas hinzuzufügen. Daß die Joh. Jacoby-Stiftung in Tendenz und Verwaltung confessionslos sein wird, versteht sich von selbst Daß sie den Namen des um seiner Charaktergröße und Sittenreinheit willen allverehrten Mannes tragen soll, gereicht unserer Religionsgesellschaft und unserm Stamme zur Ehre, ist ein Xiclckusosi sinsesiein. Demnach steht auch zu hoffen, daß vermögende Israeliten, welche über den Bereich des Wohnorts und der nächstligenden Interessen hinausblicken und für allgemeine ideale Zwecke Herz und Hand offen haben, der Stiftung ihre Spenden zuwenden werden. Wir sind bereit, solche entgegenzunehnien und hier gur Anzeige zu bringen. Die Red. und die Exped. der „Jsr. Woch." (Siehe den „Aufruf" unter „Inserate.") Frankfurt a. M. Aus einer Gedächtnißrede, welche Dr. Guido Weiß hier über Johann Jacoby gehalten hat, brachte die „N. Fr. Pr." einen ziemlich ausführlichen Auszug. Einige Stellen, dem Eingänge und dem Schluffe der auch stilistisch meisterhaften Rede entnommen, die wir wegen mangelnden Raumes bisher nicht bringen konnten, mögen jetzt (im Anschluß an die vorstehende Cor- resp.) hier einen Platz finden: Der Redner begann mit der Darstellung der ärztlichen Verdienste, welche sich Jacoby erwarb, als von Polenher die Cholera sich zum erstenmale über den Continent verbreitete. Minister v. Schön, der Ober-Präsident der Provinz Preußen, sagte: „Schicken wir nnr erst einmal Aerzte hinüber, die uns sagen mögen, was daran ist." Der Erste, der diesem Ruf entsprach, war Johann Jacoby. Schön empfing ihn, als er zurückgekehrt war, mit Lobsprüchen; er freute sich herzlich des tüchtigen eifervollen Arztes und dessen, was der Mann unter den schwierigsten Umständen vollführt hatte. „Ich werde auch nach Berlin darüber berichten," sagte er, „aber einen Orden, eine Auszeichnung, wissen Sie, können Sie nicht bekommen. Sie sind Jnde." „Nun, an Orden und Auszeichnungen," setzte Guido Weiß diese Erzählung fort, „lag dem Manne nichts. Ein paar Jahre später hat er es seinem Könige in's Gesicht gesagt, indem er ihn daran erinnerte, daß äußere Auszeichnungen für ihn keinen Werth hätten. Aber es brachte ihn zum Sinne«: Wie kommt es, daß ein Staatsbürger, der Gelegenheit gehabt hat, sich auszuzeichnen, unter einem Banne liegt, der ihn unter jeden Andern, mag er thätig sein oder nicht, hinunterstellt? In dieser Zeit fiel ihm eine Broschüre in die Hand von dem Geheimen Regierungsrath Sreckfuß, einem feingebildeten Mann, als Uebersetzer von italienischen Dichtern heute noch in gutem Ruf, in Allem der besten Gesellschaft angehörig, nur in Bezug auf die Judenfrage von jeder kaltblütigen, naiven Ueberzeugung, in der sich heute noch viele moderne Culturhistoriker befinden, daß, wie die Rothhäute zu nichts Besserem bestimmt seien, als ausgerottet zu werden, so diese von Gott gezeichnete Race nur eben dazu da sei, Pariadienste im Staate zu leisten. Dieser Broschüre bemächtigte sich Jacoby; es ist seine erste Schrift, sie ist heute noch merth, gelesen zu werden. Sie zeichnet sich aus durch Ruhe. Kälte, dabei eine Schärfe, wie wir sie in wenig Flugschriften der Art haben." Den Schluß bildete eine allgemeine Charakteristik Jacoby's. Sie lautet wörtlich: „Und nun, da wir das Aeußere bewältigt, noch einige Worte über des Mannes inneres Wesen. Dieser unbeugsame Sinn, dieser hartgeschmiedele Charakter muß sich also wol auch im privaten Leben spartanisch bewährt haben. In Bezug auf die schwarze Suppe ja; Nie- 8 k n n -r i l> tm *!N 'ch iie