Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 20. (17.5.1877)
- Date
- 1877-05-17
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 154 angestaunt und dann verworfen wird, weil sie alles auf den Sinnenreiz fetzt und nicht auf den schöpferischen Geist — und kommt dann auf die Religion, die uns am Wochenfeste zugefallen ist, wie auch diese dem Noomigeschick verfällt, wenn sie in M e n s ch e n Hände geräth. Wir lassen nun Mannheimer's eigne Worte folgen. „Ist das die Religion, die herzgewinnende, erhebende, bezaubernde? Wie steht sie da so herzlos, kalt, matt und schlaff, wo sie aus ihrem Himmel ist gefallen, und sich herausgeputzt hat für den Dienst der Menschen — und da so alt, herabgekommen und verfallen, wo sie in sinn- und seelenloser Selbstverstümmelung und Verstörung die alte Zeit, das alte Leid heraufbeschwört .... die Zeit des Untergangs und der Verwüstung, wo kein Strahl des Lichts und der Liebe in das Gotteshaus fiel! Wer erkennt sie da für die Himmelstochter, die göttliche, unsterbliche?-Ist sie es da, wo aller Schmutz und Unrath sich birgt unter dem Mantel der Frömmigkeit? Wo Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ihr die neue Robe umhängen statt des alten Tallis, ohne daß der Geist sich je verjüngt, der alte je erwacht, der neue je an ihr sichtbar werde? Ist das die Anmuthige, Liebliche, der alle Herzen zufielen und entgegenschlugen? Nun warum fallen ihr jetzt nicht die Herzen zu? . . . Wir trösten uns von Zeit zu Zeit; wir arbeiten für die Nachwelt, 8122 221 ff für die, die nach uns kommen. Die werden den Glauben retten, ihn be^elen und beseligen, und jede Zeit vertröstet sich und rM: nach uns kommen die Besseren, ‘HIH 12 Din 12 bis das ganze Geschlecht dahingegangen Das höre ich nun schon fünfzig Jahre. Jeder Schwächling und Schwätzer, der an das Heiligthum die Hand legf, der redet sich ein, von da an gehe die neue Zeit, die neue Welt, ein neues Heil und Leben aus. Nun habe ich schon ein ganzes Geschlecht und mehr als eines ins Grab gehen sehen, habe es mit ins Grab gelegt und ihm den letzten Gruß und Segen mitgegeben. Wo sind die Besseren, die Edleren, die nach denen gekommen wären? Könnt Ihr es sagen, es auch nur mit einem Schein von Wahrheit von Euch selbst behaupten, daß die das Heil haben aufgehalten und gehindert, und die nach ihnen kamen, es gefördert hätten; daß der Glaube um das tiefer in die Herzen dringe, an Anmuth, Licht und Klarheit, an Treue und Innigkeit um das gewonnen habe, und nicht Eines um's Andere wäre in Verlust gerathen?.. . Das ist so ein Behelf, daß man immer auf die Nachwelt sich vertröstet. .1312121 pbn Wollt ihr auf die warten, möchte ich mit Noomi sagen, auf die bessere Zeit? Wollt ihr verkommen und vergehen, dieweil die heranwachsen, die heut und morgen erst geboren werden und zu Männern werden?! Wir vergessen aber, daß §ie nach uns kommen, der Nachwuchs, die Ableger und Sprößlinge von uns selber sind; „hat der Lehrer nicht gelernt, woher soll der Schüler wissen?"- Wie die letzten Juden denken, reden, schreiben werden, wissen wir nicht, haben aber vom Glück zu sagen, wenn die letzten so denken, reden, schreiben werden, wie die ersten gedacht, gesprochen und geschrieben haben — um von ihrem sonstigen Thun und Schaffen nicht zu reden. — — — Nein, es taugt nichts, der Zukunft zu viel vertrauen, wenn die Zeit und die Gegenwart dabei verloren geht; namentlich, wo es die.Festigung und Kräftigung im Geiste und Glauben gilt. Zum Zusammenwerfen, Einreißen, Fallenlassen ist immer noch Zeit genug. Aber zum Stützen, Kräftigen und Festigen nicht! Da drängt die Stunde und ist jedes Säumniß unwiederbringlicher Verlust!-Täuscht Euch nicht und täuscht die nicht, die nach Euch kommen, die werden Euch wieder nur bis an die Schultern gehen!*) Laßt den Geist des Lebens einziehen unter Euch, thut ihm die Herzen auf! Rechtet und marktet nicht mit ihm! Gebet Gott die Ehre und seinem Worte und seinem Geiste, der siegend durch die Zeiten geht und an Keinem sich verleugnet hat, der ihm in Treue zufiel. IKIM b* D22112 11212 nn „mein Geist besteht unter Euch, fürchtet Euch nicht!„ Ueber unsere synagogalen Einrichtungen von einem allgemein vernünftigen und dem administrativen Standpunkte. (Schluß.) Zum Glück eröffnet sich uns eine Aussicht auf Besserung dieses Uebelstandes in der finanziellen Misere der Gemeinden. Der Cantor, ausschließlich als solcher, ist ein Luxus, den sich nur eine Großgemeinde gönnen darf, obwohl ich auch einer solchen nicht rathen würde, einem Cantor nur dieses Amt zu übertragen und kein weiteres. Diejenigen, die mit den Verhältnissen in Großgemeinden bekannt sind, werden mir Recht geben. Wer der „Abgesandte der Gemeinde vor Gott" sein soll, darf kein Leben in otium sine dignitate führen, wie dies die Beschäftigungslosigkeit mit sich bringt. Vielmehr soll er noch einem anderen Berufe obliegen, der ihn für den „Schaliach zibbur" erst recht geeignet macht, er soll an der Schule Unterricht in der Bibel und Religionslehre erth eilen. zum mindesten in den unteren Klassen, und soll darin vorwiegend seinen Beruf und seine Bestimmung suchen. Er selber genießt dann auch ein höheres moralisches Ansehen und der Gemeinde wird die Last der Erhaltung einer Lehrkraft abgenommen. Wir haben ja die Analogie sowohl bei Katholiken wie bei Protestanten, wo bis vor kurzer Zeit der Küster und Vorsänger zunächst Orgelspieler und Vorsänger in der Kirche und nebenher auch Lehrer war (was bei uns nicht einmal nebenher stattfand), während jetzt das Streben der Aufgeklärten dahin gerichtet ist, den früheren Kirchendiener vorwiegend zum Lehrer zu machen. Um wie viel mehr sollte dies im Judenthum der Fall sein, daß auf Talmud-Thora so ungleich mehr Gewicht liegt als aus Aboda. Wir sind die Letzten, welche den erbaulichen Werth einer geläuterten Vortragsweise der Liturgie unterschätzen würden — aber diese soll nur würdevoll und nicht gekünstelt sein, unter activer Betheiligung der Gemeinde im einfach stilvollen Chorgesang und nicht in Productionen von Solisten oder Quartetts erfolgen und überhaupt nicht um ihrer selbst willen, als eine musikalische Aufführung, sondern nur als die Begleitung der liturgischen Legenden aufgefaßt werden. Sich einen Sänger zur Passion und Kurzweil hinzustellen, ihn nur des Ohrenkitzels wegen anzuhören, ist eine oes Gottesdienstes unwürdige, ja geradezu kindische Einrichtung, deren sich ein Gebildeter geradezu schämen sollte. Wird man aber dabvon abkommen, statt eines Vorbeters einen Cantor, d. i. Gesangkünstler anzustellen, so wird man nicht so große Mühe haben, hierfür qualificirte Personen ausfindig zu machen, und wird dafür um so größeres Gewicht auf die Eignung für den Unterricht in der Religion legen, eine Beschäftigung, die sich nicht allein mit dem Vorbeteramt recht wohl verträgt, sondern diesem Beamten auch höchst angemessen ist. Dann aber, wenn dem Religionsunterricht eine größere Sorgfalt gewidnlet werden wird, wird hoffentlich auch *) Die Sage von Abba Schaul und der absteigenden Reihe (Nidda 24, 6) lanD*? JfJö 'S 11112 *]11K 'S 'st im Vorhergehenden, hier Weggelassenen, sehr schön ausgeführt worden.