Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 19. (10.5.1877)
- Date
- 1877-05-10
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Triest, den 24. April. (Or.-Corr.) Vorgestern 4 Uhr Nachm, wurde hier eine Gedächnißfeier für den verewigten Menschenfreund Albert Cohn im großen Tempel abgehalten. Das Gotteshaus war entsprechend decorirt, im Mittelschiff ein Katafalk, umgeben von zahlreichen brennenden Kerzen, aufgestellt. Nachdem vom Chor Psalmen abgesungen waren, bestieg der ehrwürdige Vice-Rabbiner Herr S. R. M e l l i die Kanzel und begann die Gedächtnißrede. Mit kräftigen und ergreifenden Worten hob der Redner alle die Tugenden des leider zu früh Verblichenen und dessen Wirken für Juden und Judenthum hervor, wie er Wittwen und Waisen eine Stütze war, und wie er besonders im Orient für Juden viel gethan habe. Mit dem Verse, „Gehe aus deinem Lande rc." begann der würdige Redner die Biographie des Verewigten. Er schilderte besten Auswanderung aus Preßburg und Oesterreich nach Paris, und seinen Lebeusgang vom Anfang bis zu seinem Ende. Es war wirklich eine feierliche Rede, und sie verfehlte auch nicht ihre Wirkung auf das Gemüth der überaus zahlreichen und andächtigen Zuhörer — ganz würdig des verehrungswürdigen Philantropen A. Cohn?) I. Z. Ans Giurgewo wird Wiener Blättern gemeldet: „Acht Juden wurden in einem Pöbelexeß erschlagen und liegen die Leichnume noch auf der Straße am Argisflusse, elf andere Israeliten wurden verwundet." — Diese Nachricht kann und wird hoffentlich nicht genau sein, denn Giurgewo liegt weit oberhalb der Mündung des Argis. Aber man kann sich leider unter den jetzigen Verhältniffen, bei der durch den Krieg entfesselten Zügellosigkeit bei dem Gegentheil von Schutz, den die russische Soldatesca den Juden gewähren würde, nur übler Folgen für die rumänischen Juden gewärtig sein. Aus Rumänien meldet man der „Magd. Zeit.", daß sich hinter den ins Innere abgezogenen Truppen Räuberbanden bildeten, die es hauptsächlich auf die Juden abgesehen hätten. (Diese Räuberbanden werden wohl rumänische Bürger sein.) Algier. Ein Verein der Francs-Tireurs d' Algier schließt JSraeliten von der Mitgliedschaft aus und hat auch nach Erkheilung des Bürgerrechts an jene und nach Eintritt derselben in das französische Militair die Aufnahme verweigert. Daraufhin hat der Artilleriecommandant d e s V a l l o n s die Offiziere schriftlich aufgefordert, aus jenem Verein auszutreten, weil der Offizier nicht dulden dürfe, daß einer seiner Soldaten beleidigt oder zurückgesetzt werde. Er hoffe, setzt er hinzu, daß der Verein durch den angedrohte Austritt der Offiziere auf andere Gedanken gebracht werde, in welchem Falle daun der Austritt unterbleiben könne. (Hit. Jsr.) Constantinopel. Bis jetzt hatten die karaitischen Israeliten an der Bewegung der Alliance nicht den geringsten Antheil genommen; es schien, als ob dieses interessante Element des orientalischen Judenthums außerhalb des Wirkungskreises der Alliance bleiben sollte. Dem ist jedoch jetzt nicht mehr so; H. Charles Netter hat bei seiner Durchreise durch Constantinopel die Mitglieder der dortigen karaitischen Gemeinde besucht; dieselben haben, nach ihrem eigenen Ausdruck, „den Geist der israelitischen Solidarität in sich erwachen gefühlt." Ein karaitisches Comitee ist zu Constantinopel von 30 Mitgliedern gebildet worden. „Sie sind ein Glück für Israel, schreiben sie an das Central-Comitee; es ist zu hoffen, daß Ihr Beispiel fruchtbar sein wird. Wenn man die großen Dinge sieht, die sie täglich zu Stande bringen, und die Anstrengungen, die sie machen, um das Licht der Thora uud der Wissenschaft in die Zelte Judas eindringen zu lasten, so muß man sich verpflichtet fühlen, sich dieser heiligen Gesellschaft anzuschließen und nach seinen Kräften zu ihr beizutragen. Und Jeder muß Gott bitten, daß Er Ihnen beistehe und Sie unterstütze, und daß Er die Regierungen belohne, die Ihnen helfen und in Seinem Lichte wandeln." _ (April: Ber. d. A. I. U.) *) Der Rrdact. des „Corr. Israel" hat zu der Gedächtnißfeier ein schönes Gedicht verfaßt, welches separat gedruckt ist. (Red.) — Der Deputirte für Jerusalem im ottomanischen Parlament hat eine Petition eingebracht, (wie wunderlich diese Worte sich neben einander ausnehmen!) in der der gewählte Repräsentant Zions beantragt, daß der Zutritt zu der Höhle Machpelah in Hebron und des s. g. Bethauses Abraham's dem Publikum eröffnet werde. Bis jetzt ist es nur erlaubt gewesen, bis an die Thüre der ersteren und an das Fenster des letzteren zu treten. Unter dem parlamentarischen Regime sollten solche Beschränkungen aufhören, der klassische Boden der Alterthümer dreier großer Religionen sollte seine Geheimniffe enthüllen. Möchte dann auch die Heftigkeit der confeffionellen Gegensätze, die auf dem Boden Palästina's so heiß sind, sich in der neuen Zeit, der Ordnung und Rechtsgleichheit mildern. (Arch. Jsr.) Aus Amerika. Hr. Gottfried Morse stellte bei der Schulbehörde in Boston den Antrag, die Schulen am Sabbath zu schließen. Der Antrag wurde angenommen und soll im nächsten Semester bereits zur Ausführung gelangen. (Jew. Meff.) Feuilleton. Sprüche der Väter. Uebersetzt von Jacob Althira. (Forts, aus vor. Jahrg.) II. 2. Gar trefflich ist's, das Studium der Gesetze Mit dem Geschäft des Bürgers zu verbinden. Wer Beides treibt, wird nicht so leicht im Netze Gefangen sein verführerischer Sünden. Studieren ohne Arbeit rvird zum Grübeln, Zerfällt in sich und führt zu allen Uebeln. Doch Heil Dir, wenn mit gottgeweihten Werken Du dem Gemeinwohl dienend Dich ergiebst! Der Väter Vorbild wird das Herz Dir stärken. Und ewig blüht das Gute, das Du übst. Und will nach Wunsch nicht Alles Dir gerathen. So denk: Gott nimmt den Willen für die Thaten. Gamliel III, der Sohn des Rabbi Jehuda des Nässt, (u. 210-225) H- 3- Im Umgang mit Großen sei auf der Hut. Bedürfen sie Dein, so kommen sie gern. So lauge Du nützest, erscheinen sie gut, Doch bist Du in Noth, so bleiben sie fern. Rabbi Gamliel III. IL 4- Vertief' in Gott Dein ganzes Wollen, So wirst auch Du Erfüllung finden. Wenn Andre Dir gehorchen sollen. Mußt Du Dich selbst erst überwinden. Rabbi Gamliel III. H- 5. Im Ganzen wurzelt tief Dein eignes Wesen, Drum sollst Du nie vom Ganzen los Dich lösen. * * Bedenk', wenn Du willst Deine Tugend loben, Noch Hab' sie bis zum Tod sich zu erproben. * * Verurtheil' Deinen Nächsten nicht so schnell, Setz' erst im Geiste Dich an seine Stell'. * * Wenn Du hast öffentlich was vorzutragen, Meid' dunkle Red', undeutbar sollst Du's sagen. Versprich nicht: morgen sei es Euch erkläret, Tu weißt nicht, ob der Morgen Dir gehöret. _ Hillel II, Sohn Gamliels III, (um 230—250). *) Fortsetzung der Erzählung: Der letzte Jude — Raummangels wegen — in der nächsten Nr.