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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-10 · N° 19. (10.5.1877) · p. Seite 150

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 19. (10.5.1877)
Date
1877-05-10
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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150 '! $ ft in den Kopf gesetzt hatte, für die Hochkirche in Habesch Seelen zu fischen. — Eine Correspondenz der englisch-jüdischen Blätter giebt über das Treiben des Reverend Ginsburg und seiner Lady näheren Aufschluß; Einzelheiten hier zu erzählen lohnt nicht. Es sind die bekannten Manöver; arme Juden, zweideutiges Gesindel, Kinder, Unmündige u. dergl. werden durch Geld, Arzneimittel, Bücher, Bilder, Geschenke, Dienste und Freundlichkeiten aller Art angelockt, dann ins Haus genommen und zur Taufe vorbereitet; kommen dann die Eltern, die Vormünder, Verwandten rc. rc., um die Ihrigen zurückzufordern, so giebt es Ausflüchte, Lügen, allerlei Schliche, man zerreist scrupellos die Bande der Natur, der natürlichsten und heiligsten Gefühle und berichtet, wenn es gelungen, mit ekelerregendem Augenverdrehen und frommem Phrasendunst, daß man eine verlorene Seele gerettet habe. Ballt aber einmal ein Betrogener oder ein im tiefsten Herzen tödtlich verwundeter Vater die Faust, findet er Glaubensgenoffen, die seinen Zorn theilen und dem Missionär ihre Gesinnungen kund geben, so schreit er über Gewaltthat, Verletzung der Privilegien eines geheiligten christlichen Seelenfängers und würde frohlockend, psalmensingend, eine Stadt bombardiren und tausend „Juden oder Heiden" maffacriren laffen, weil man gewagt hat, ihm ein Theilchen von der Verachtung zu bezeugen, die er verdient. Kurz, es ist immer die Mortarageschichte, nur mit dem gewaltigen Unterschiede, daß der klerikale Fanatiker nach seiner Ueberzeugung handelt, während der getaufte Missionär die Sache rein als Geschäft betreibt, jederzeit bereit, für gutes Geld sich und die von ihm Gekauften oder Gewonnenen wieder zurückzuverhandeln. Ein kurzer Bericht im „Echo d'Oran", welcher im „Arch. Jsr." abgedruckt ist, bespricht die Angelegenheit unparteiisch. Er sagt: „In Mogador herrscht unter den Israeliten große Aufregung, welche sich in heftigen Auslassungen gegen einen englischen Geistlichen ergeht, der eine sehr lebhafte Propaganda betreibt. Einige israelitische Notabeln, welche Freunde am Hofe des Sultans haben, ließen dem Herrscher Vorstellungen über die Gefahren machen, welche aus dem Eifer, mit dem der protestantische Geistliche die Bekehrung der Ihrigen betriebe, entstehen könnten. (Sie bitten also um Schutz gegen die Uebergriffe des Ginsburg, nicht aus „Fanatismus", sondern weil sie Unruhe, Aufregung und böse Folgen fürchten, was jeder Vernünftige finden wird.) Sie gehen noch weiter, sie ziehen die Muselmänner in ihr Interesse, weil 2—3 Araber zum Protestantismus übergegangen sein,sollen. Der Pastor setzt indessen unbekümmert seine Proselytenmacherei fort. Unter der niederen Klaffe der Juden ist man erbittert, und wenn unglücklicherweise die Muhamedaner die feindselige Gesinnung der Israeliten theilen sollten, so könnte die Sicherheit der Christen gefährdet werden. Der Pastor theilt gleichwohl feine Bibeln und Traktätchen und auch Geld aus, denn die Bekehrungen geschehen nicht unentgeltlich. Es handelt sich nicht um Glauben, sondern um Geld, welches der Missionär spendet. Der beste Beweis dafür ist, daß bis jetzt noch kein einziger vermögender Israelit sich bekehrt hat. (Wie ein anderer Corresp. der englischen Blätter erzählt, wurde die jüdische Wittwe einem getauften Juden, der für ein Pfund Wochenlohn im Dienste der Mission steht, verkuppelt. Ein anderer solcher „Lockvogel" kam ins Judenviertel und trat zum Judenthum zurückfließ sich dann von Ginsburg wieder taufen und nahm in Oran wieder das Judenthum an. „Da geht also englisches Geld hin", setzt der Corresp. hinzu.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Das Curatorium des Reichenheim'chen Gemein d e -W a i s e n h a u s e s hat den Herrn Dr. Jutrosinski, Director der Anstalt, veranlaßt, über die Wirksamkeit des nunmehr bald fünf Jahre bestehenden Waisenhauses einen Bericht zu erstatten. Derselbe ist erfolgt und enthält Mittheilungen über die im Laufe der Zeit erzielten Resultate und eine Darstellung der Grundsätze, welche bei der Erziehung der Kinder, namentlich in Bezug auf den wissenschaftlichen und den Religionsunterricht derselben, sowie bei der Heranbildung zu einem bestimmten Lebensberufe, beobachtet werden. Das Haus verpflegt zur Zeit 45 Knaben und 28 Mädchen. — Das pneumatische Kabinet im hiesigen jüdischen Krankenhause, nach den Angaben des unvergeßlichen Traube erbaut und mit allen Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft ausgestattet, erweist sich mehr und mehr als eine segensreiche Heilanstalt. Der j über die erzielten Heilresultate erstattete Bericht weist eine außerordentliche große Zahl von vollständig beseitigten veralteten Lungen- und Bronchialkatarrhen auf. Unter den vielen hiesigen Krankenhäusern ist das in Rede stehende bisher das einzige gewesen, welches ein derartig eingerichtetes Kabinet hat anlegen laffen können. Die Verwaltung ist sehr liberal hinsichtlich des für die Benutzung zu zahlenden Preises. Unbemittelten wird die unentgeltliche Benutzung des Apparates gestattet. Straßburg, (im Elsaß.) Das Budget für 1878 des Reichslandes beträgt für den israelitischen Cultus 142,899 Mark, 160 M. mehr, als 1877. Es wurde bei dem Landesausschuß die Beschwerde erhoben, daß der Mangel einer Rabbinerschule für Elsaß-Lothringen einen zukünftigen Mangel an Rabbinern veraussehen lasse, da die vom Staate ausgesetzten Stipendien für jüdische Theologie Studirende in Breslau und Berlin durchaus ungenügend sind. Die Regierungscommiffäre erklärten auch, daß die Zahl der jüdischen Seminaristen in den Normalschulen abnimmt, so daß in naher Zukunft es für die jüdischen Schulen an jüdischen Lehrern fehlen werde. — Aus einer Realschule wurden mehrere jüdische Zöglinge entfernt, weil sie, von der Stadt entfernt wohnend, am Sabbath sich nicht zur Schule begeben wollten. Es wurde daher von der Commiffion des Landesausschuffes das Gesuch an die Regierung gerichtet, solche Conflicte zwischen dem Schulreglement und dem religiösen Gewissen auszugleichen. (Arch. Jsr.) Alzey. Ueber die Gültigkeit der von den Israeliten den Christen geleisteten Eide hat sich in jüngster Zeit in der „Wörrstadter Zeitung" zwischen Pfarrvicar Kratz und stuck, lnsck. Wolf in Odernheim ein Streit entspannen, um dessen Klarlegung sich Letzterer an Herrn Rabbiner Dr. Rothschild hier gewandt. Derselbe hat sich dieser Aufgabe in einem längeren Schriftstück entledigt, welches das „Alz. Anz.-Bl." veröffentlicht. Man hätte glauben sollen, daß, nachdem der Eid more judaico in Deutschland glücklich beseitigt ist, die Acten über dieses Thema geschloffen seien; allein Judenhaß und Verdächtigungslust ruhen nicht, und so darf auch die Rechtfertigung nicht ausbleiben. Herr Dr. R., der sie diesmal übernommen, ist kein Neuling auf diesem Gebiete, er hat vor Jahren bereits eine Brochüre über den „Judeneid" veröffentlicht, es war ihm daher ein Leichtes, die Ignoranz und Bosheit der neuen (?) Gegner auszudecken und manche mißdeutete Stellen im Talmuo und Gebetbuch (Kol nidre) in gründlicher Weise klar zu legen. (Das betr. Gutachten in d. Bl. abzudrucken, ist j ü d. Lesern gegenüber überflüffig. (Red.) Pest. Unser Cultus-Ministerium erließ eine Verordnung an die jüdischen Gemeinden; daß jede Gemeinde nach ihrem Bekenntniß zu zeichnen hat und zwar entweder „isr. Congreßcultusgemeinde" oder „isr. Cultusgem." oder „orthodox. Cultusgemeinde" oder schließlich „autonome, orthodoxe Cultusgemeinde." Soweit ist es mit dem „Goj echod boorez" gekommen! (Ung. Jsr.) Pest. Der Ungar. Unterrichtsminister soll für das hier zu eröffnende Rabbinerseminar das Lehrercollegium bereits designirt haben. Brüx (Mähren). Ende April. Der Rabbiner Dr. A. Kisch hier ist in gleicher Eigenschaft nach Zürich berufen worden.

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