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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-10 · N° 19. (10.5.1877) · p. Seite 146

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 19. (10.5.1877)
Date
1877-05-10
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 Gemeinden. Die Erbauung neuer Gotteshäuser erforderte die Aufnahme von Darlehen, welche die Gemeinden auf Jahre heinaus belasten, die Kosten des Cultus steigern sich, je großartiger die Bauten sind, die man für diesen errichtete, die Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder aber beginnt mit dem Ueberhandnehmen des Jndifferentismus zu erlahmen, Androhungen von Austritt aus dem Judenthum wegen zu hoher Besteuerung gehören leider zur Tagesordnung, und Fälle von gänzlicher Lossagung aus dieser Ursache kommen auch in der That vor. Solche bedauerliche Thatsachen verdienen, daß man ihnen, auf den Grund gehe und dem Nebel vorzubeugen sich bemühe. So sei es denn gesagt, daß die Erhaltung des jüdischen Cultus den Gemeindemitgliedern in der That.unverhältnißmäßigr Lasten auferlege. Derjenige Functionär, der eigentlich die Hauptperson bei jedem Cultus ist, bei uns der Rabbiner oder Prediger, ist es nicht, der den Cultus so sehr kostspielig macht, wie ein Blick in jedes Gemeinde-Budget lehrt. Und übrigens ist er ja gerade derjenige Beamte, der die Religion zu lehr e n und zu vertreten hat und somit der eigentliche Träger des Cultus und als solcher unentbehrlich. Viel namhafter sind die Auslagen für denjenigen Theil des Gottesdienstes, der mit dem Rabbinate und Predigtamte nichts zu schaffen hat, für den rein musikalischen. Das Cantorat hat sich bei uns leider ganz nach Wiener Muster zu einer Institution herausgebildet, die eine wahre Calamität für die Gemeinden ist, denn „quod licet Iovi non licet bovi“ gilt in diesem Falle sowohl von der Gemeinde Wien, als ihrem hochverdienstvollen Ober-Cantor! Sein Beispiel ist für seine Nachahmer geradezu verhängnißvoll geworden. Sulzer ist, wie wir gleich anfangs erwähnten, eine ächte Künstlernatur, die mit dem ächten Künstler-Enthusiasmus die Idee einer vocalmusikalischen Form des jüdischen Gottesdienstes erfaßt und mit großer Sach- und Fachkenntniß zur Darstellung gebracht hat. Ihm schwebte als Ziel vor, die früher verwilderte Betheiligung der Gemeinde am Gottesdienste in kunstgerechte Bahnen zu leiten und einen Gemeindegesang in würdigen kanonischen Chorälen und Responsorien zu schaffen, wobei der geschulte Chor oder die Orgel nur die Leitung der Gemeinde zu führen haben, während die Recitative in etwas freierer Weise dem Vorbeter anheimgestellt bleiben. Dieses Streben bildete seine selbsigewählte Lebensaufgabe, und dies allein war Vorwurf genug für dies Lebenswerk eines Einzelnen. Wie denn nun aber seine Nachahmer! „Wie er sich räuspert und wie er spuckt, das haben sie ihm treulich abgeguckt", aber auch nicht viel mehr. Der Gemeindegesang ist nicht zur Geltung gekommen, die Responsorien, die io sehr der jüdischen Liturgie entsprechen, werden vernachlässigt, dafür aber immer neue Bravourstücke von dem „geschulten", will sagen nichtgeschulten Chor, zur Erheiterung des Publikums „aufgesührt", das daran auch Gefallen findet, in der Meinung, Canlor und Chor seien nur dazu da, von Zeit zu Zeit, zumal an Festen, neue Compositionen aufzuführen. Es wäre aber selbst das noch hinzunehmen, wenn nicht noch ein anderer Unfug bei diesem Stande sich eingebürgert hätte: die Prätension des Künstlerthums. Ein moderner Cantor hierzulande setzt sich in eine Linie mit einem modernen Opernsänger. Er' „tritt" daher nur sehr selten „auf" und ist dabei auf möglichste Schonung seines Organes bedacht, zum Schutz vor Erkältungen fungirt er die ganze Woche über im Bethause nicht und selbst am Sabbath nur zur Hälfte. Die Vorlesung aus der Thora bleibt, als zu anstrengend, dem Unter- oder zweiten Cantor überlaffen, sowie der Ober-Priester, will sagen Ober-Cantor, überhaupt nur scenenweise vor dem Betpult erscheint, während vor und nach seinem Erscheinen der Subalterne fungirt. Da das Einstudiren der Gesänge Sache des Regens chori ist, wo ein solcher aber nicht vorhanden, überhaupt wenig einstudirt wird, so hat unser Künstler eigentlich nur von 8 zu 8 Tagen etwas zu thun, und auch dann nur, — da er sich in die Arbeit mit einem Künstler niedrigeren Ranges sowie mit dem Chore theilt, — nicht vielmehr, als ein paar Töne zu singen. Je geringer aber die Leistungen, desto größer sind die Ansprüche dieser Herren. Warum auch nicht! Sie bergen ja einen Schatz in ihrer Kehle, der heutzutage so glänzende Zinsen ab wirft, die guten Tenore werden ja immer mehr gesucht, dieser und jener Sänger bezieht ja das Gehalt eines Ministers — warum soll unser Cantor, weil seine Scene der „Ammud" ist, mit weniger vorlieb nehmen?! Ja, wenn noch die Voraussetzung eine richtige wäre, daß es musikalisch gebildete Kräfte wären, die das Gros unseres Cantoren-Standes — wenige Ausnahmen abgerechnet — ausmachen; diese ist aber eine durchaus irrige. Die Herren sind nichts als Naturalisten und Empiriker, die kaum mit den Elementen der Musik vertraut, nachsingen, was sie von ihren Meistern singen gehört, ohne alles fachwiffenschaftliche Studium, ja ohne auch nur von der musikalischen Literatur eine Ahnung zu besitzen. Da es auch mit der allgemeinen Bildung dieser „Kirchendiener" nicht zum Besten bestellt ist, so fragen wir: welchen Beruf haben diese Cultusbeamten, der den Zwecken der Religion und des Cultus entspräche?! Etwa, daß sie einmal in tbex Woche eine habe Stunde uns etwas Vorsingen — das könnte viel einfacher, meist auch würdiger vorgetragen werden von einem Manne, der kein Musikkünstler zu sein braucht. Giebt es irgend eine Religionsgenoffenschaft der Welt, die sich den Luxus gestatten würde, einen Functionär zu bestellen, zu keinem andern Zwecke, als dazu, daß er einmal in der Woche einige Stellen der Gebete singend vortrage, während er sonst gar keinen Beruf und keine anderweitige Beschäftigung hat, ja geradezu auf den Müßiggang hingewiesen ist?! Und muß es nicht geradezu einen moralisch schädlichen Einfluß auf einen solchen ausüben, daß sein Beruf eigentlich kein Beruf ist? Denn daß nach einem jüngst von dem Veteranen in Wien ausgesprochenen Wunsche der Cantor sich in eine Art segenspendenden Geistlichen und Priester verwandele, der bestenfalls mit ernster Miene Comödie spielen würde, das sich gefallen zu laffen, dazu sind unsere Gemeinden zu nüchtern. Dazu muß man denn auch in seiner eigenen Persönlichkeit mehr Prestige besitzen, als es die gewiffen, angeblich weihevollen und ehrfurchtgebietenden Gesten vermögen, mit denen unsere heutigen Cantoren ihren Vortrag zu begleiten pflegen. Das ganze Institut an sich ist somit ein höchst äußerliches und hohles und daß es so weit bei uns gekommen, daß viele Gemeinden keinen Rabbiner aufnehmen, wohl aber nicht den Cantor entbehren, daß die Bezüge der Cantoren eben so groß, wenn nicht oft größer, als die der Rabbiner sind, deutet darauf hin, wie sehr sich das Judenthum unserer Tage verflacht und veräußerlicht hat, und läßt leider keinen günstigen Rückschluß auf die Einwirkung der gottesdienstlichen Reform ziehen. *) Denn *) Hierzu nur die kleine Bemerkung, daß die Juden schon vor

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