Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-03 · N° 18. (3.5.1877) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 18. (3.5.1877)
Date
1877-05-03
Page
Seite 142 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583519--3110-9583525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 142 — meiner israelitischen Schutzgenossenschaft gegenüber wiederholt, ja seit Uebernahme dieses Amtes fortwährend betont, und ihnen vorgestellt, daß es doch keinen Sinn habe, wenn ein» mal eine Sprache Unterrichtssprache sei, diese Sprache nicht auch richtig anzuwenden, und daß mit der Hebung der Bildung des Volkes dessen Religion gar nicht gefährdet sei, im Gegentheil sich die Begriffe der allgemeinen Sittlichkeit auch heben müßten. Gegen Verbesserungen auf diesem Gebiete wenden mir meine jüdischen Familienväter immer die Mittellosigkeit der Talmud-Thora-Schule ein. Ich knüpfe daher hier wieder an, indem ich es als sehr wünschenswerth bezeichnen muß, wenn sich die großartige Wohlthätigkeit der europäischen Israeliten mehr auf die Schulen würfe. Nur müßte dabei auch gleichzeitig dafür gesorgt werden, daß die Schulen sich auch wirklich heben. Ich bitte, mich hier ja nicht mißzuverstehen, als ob ich etwa religiösreformatorischen Bestrebungen huldigte. Dies liegt mir vollständig ferne. Im Gegentheil muß die Ausbildung der Jugend sich hier streng auf dem Boden des orthodoxen Glaubens halten, sollen nicht alle Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Aber beweisen denn nicht Hunderte und Tausende von frommen Israeliten in Deutschland, daß man sich sehr gut eine wissenschaftliche, ja gelehrte Bildung aneignen kann, ohne darum gleich ein Spinoza zu werden? Mir liegt es daran, daß meine jüdischen Landsleute hier nicht, sit venia verbo! — verpolen Sie sind leider dazu auf dem guten, oder vielmehr üblen Wege. Mit dem polnischen Costüm haben sie polnische Ignoranz und polnischen — Schmutz hier eingeführt. Wenn sie aber den Schutz eines großen und wahrhaften Culturstaates genießen wollen, so mögen sie sich auch dessen würdig zeigen. Und dies ist meiner Ansicht nach nur durch Hebung des Schulwesens zu erreichen. Mein innigster Wunsch geht daher dahin, daß die israelitische Wohlthätigkeit in Deutschland nebst Bewilligung der nöthigen Mittel den hiesigen Schulen eine Organisation verleihe, weiche die Heranwachsende Generation von dem polnischen Schmutze, innerlich und äußerlich, rein wasche und sie nicht zu Freigeistern, sondern zu frommen Israeliten, aber rechtlichen und tüchtigen Staatsbürgern erziehe. Frhr. v. Münchhausen, Kaiserlich Deutscher Coniul in Palästina." Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der Verein der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums" hielt am Abend des 21. d. M. eine Generalversammlung, in welcher nach dem fünfjährigen Bestehen des Instituts von dem Vorsitzenden des Curaloriums, Prof. I)r. Lazarus ein eingehender Vortrag über Entstehen und Gedeihen der Anstalt gegeben wurde, welche sich die Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung der Wiffenschaft des Judenthums zum Zwecke gemacht und an welcher demgemäß Vorlesungen gehalten, welche die gesammte Wiffenschaft des Judenthums umfassen. Der Bortragende erläuterte besonders die Bedeutung dieser Wiffenschaft und den Begriff Judenthum, unter welchem man sich nicht ausschließlich die Religion zu denken hätte. Demnächst ging er auf die Begründung und Erhaltung der Lehranstalt, auf das Lehrercollegium und die Feststellung des Lehrplans ein, woran sich Mittheilung über Localien, die Bibliothek, den Stipendien- Fonds des Instituts reihten. In den fünf Jahren des Bestehens haben 50 immatrikulirte Studirende der hiesigen Universität (ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses) die Hochschule besucht. Zum Schluffe wurde die Wahl des Curatoriums vorgenommen und den Mitgliedern deffelben Dank votirt. Die Verleihung der Rechte einer juristischen Person ist beantragt. Breslau. Zu den großartigen humanitären Stiftungen, die s. Z. der Commerzienrath JonaS Fränkel in Breslau begründete, gehört das „Zufluchtshaus" für unverschuldet herabgekommene jüd. Familien, das nunmehr bereits 25 Jahre in segensreicher Wirksamkeit besteht. Das Curatorium der Fränkel'schen Stiftungen hat einen eingehenden Bericht über dieses erste Vierteljahrhundert dieser Anstalt veröffentlicht, aus dem wir folgende Zahlen entnehmen. Die Anstalt wurde am 6. April 1852 eröffnet, nachdem sich 14 Personen zur Aufnahme gemeldet hatten, gegenwärtig haben 46 (13 männliche und 33 weibliche) Personen in der Anstalt ihr Unterkommen. Es haben im Ganzen während dieser 25 Jahre 108 Personen (43 männliche nnd 65 weibliche) in diesem „Zufluchtshause" eine Stätte gefunden, woselbst sie den Abend ihres Lebens friedlich und sorglos weilen konnten; 60 davon haben daselbst ihr Leben beschlossen. — An Legaten, resp. Geschenken erhielt die Anstalt während dieser Zeit 4810 Thlr sie verdiente seitens der reichen, wohlthätigen Glaubensgenoffen in Breslau eine größere Berücksichtigung. Wir schließen mit den Schlußworten des schön geschriebenen Berichtes: „Manch müder Wanderer hat hier nach den Stürmen des Lebens ein freundliches Heim gefunden, Manchem auch, der früher bessere Tage gesehen, aber am Abende des Lebens von jähem Glückswechsel überrascht wurde, ist unter dem schützenden Dache des Fraenckel'schen Zufluchthauses der Kampf mit drückender Sorge erspart geblieben. Möge diese Stätte wohlverdienter Ruhe unter Gottes gnädigem Beistände auch in Zukunft wachsen und gedeihen! Möge der Geist, der dies Haus gegründet, der Geist ächter, wahrer Menschenliebe in demselben fortwirken von Geschlecht zu Geschlecht!" München. Zu der Redactionsbemerkung in der „Wochenschrift" Nr. 17 „Aus Bayern" bemerke ich, daß meine Mittheilung über zwei jüdische Privatdocenten vollkommen richtig ist, daß aber die Confession des außerhalb München gegeborenen I)r. Lot mar den ultramontanen Blättern unbekannt blieb. Inzwischen sind sie wohl eines Bessern belehrt worden. Galizien. Auf den 8. April, die Jahrzeit des Rabb. Halberstamm in Neusandez, hat die Verwaltung der Tarnow- Leluchower Bahn zwei Extrazüge für die Pilger zum Grabe angekündigt. 'I'out cotnme chez .... In Plojeschti (Moldau), hat am 12. April gelegentlich eines jüd. Leichenbegängnisses, welches von gebildeten (?) Rumänen insulirt worden, eine kleine Judenhetze stattgefunden. Nur durch das energische Einschreiten des öfter. Viceconsuls, auf dessen Forderung die Judengaffe mit Militär besetzt wurde, ist eine größere Judenmetzelei verhindert worden. Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „Verzeiht, daß ich eingctreten, allein ich klopfte zweimal, ohne ein „Herein" zu hören. Ich komme in einer Angelegenheit mit meinem Freunde, und war unfreiwilliger Zeuge Ihres Gesprächs." Aller Augen wendeten sich erschrocken um. „Wie? — Was? - Was sagt Ihr?" stammelte Lämchen, den Pfarrer erkennend. „Wer giebt Euch das Recht, in diese Angelegenheit zu reden!" rief ihnen Alfred entgegen, indeß Rosa mit einem schmerzlichen „Mein Gott!" im Nebenzimmer in einen Stuhl sank. „Nun",' sagte der Pfarrer höhnisch, „es wäre ja möglich, daß die gnädige Frau Gräfin von Rolandsau über die Mesalliance ihres Sohnes hinwegsähe. Der Bürgerlichen möchte sie vielleicht noch immer in Anbetracht der reichen Mitgift ihr Haus öffnen, aber schwerlich dürfte doch diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.