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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-05-03 · N° 18. (3.5.1877) · p. Seite 143

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 18. (3.5.1877)
Date
1877-05-03
Page
Seite 143 (sequence 7)
Language
German
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— 143 — Bürgerliche jüdischen Glaubens sein! Möglich wäre die Verbindung eben nur, wenn Lämchen und seine Tochter sich entschließen könnten, zum katholischen Glauben überzutreten." Lämchen sah ihn starr an. „Was sagt Ihr? Einen Uebertritt — ha —" „O, die Kirche wird Euch mit besonderer Freude liebreich die Arme entgegenstrecken. Ihr seid ein angesehener Mann bei Euren Glaubensgenosien, ich zweifle nicht, Hunderte werden Eurem Beispiel folgen, Ihr erwerbt Euch ein besonderes Verdienst um die heilige Kirche und ihre Stifter." „Meinem Beispiele — Hunderte", stieß Lämchen bebend hervor, — „Unfern Glauben verleugnen —" „Um für den alten Glaube,; den neuen, zugleich Glück und Leben Eures Kindes einzutauschen, dünkt das Euch so schwer? Nom hat offene Arme für jeden neuen Bekenner," warf der Pfarrer in dem früheren, höhnischen Tone ein. Lämchen seufzte tief auf, dann richtete er sich auf und wollte sich entfernen. „Ihr bleibt uns die Antwort schuldig, Herr Lämchen" nrahnte Pater Clemens. „Ich danke Euch für Eure Mahnung, Herr," sagte dieser stolz; „sie kam zur rechten Zeit. Wenn es darauf angekommen wäre, mein Haupt dem Henkerbeile preiezugeben, um das Leben meines Kindes zu erretten, seid versichert, ich hätte keinen Augenblick gezaudert. Aber das Band zerreißen, das niich an meine Vorfahren, an Eltern und Geschwister, an die Gattin feffelt, den Glauben verleugnen, der mich bisher getröstet, den Gott rerlaffen, der mich bisher geleitet und beschirnit, dafür brauche ich Euch wohl keine weitere Antwort zu geben. „Herr Lämchen!" flehte Alfred, „o überlegen Sie!" „Gehen Sie, Graf!" sagte der Angeredete fest, „und wenn Nosa's Herz darüber bricht, dem Glauben meiner Väter bleibe ich treu und auch mein Kind soll keinen andern haben, als der Vater!" Mit diesen Worten verließ er hastig das Gemach und ging in das Nebenzimmer, wo Rosa mir Esther weilte. Willner folgte dem Alten kopfschüttelnd. „Ich Unglückseliger!" stieß Alfied hervor und eilte hinaus. Der Pater und der Pfarrer folgten ihm. „Sie sehen", sagte der Pfarrer im Heraustreten zu den, Pater, „wir einfachen Leute auf dem Lande verstehen auch Gefühlspolitik zu treiben. Ich entwickelte Euch heute meinen Plan, er wird gelingen. Wir verleiden dem letzten Juden die Gegend; er räumt uns das Feld und die heilige Kirche ninimt dt» Sieg." „Ihr macht Euch verdient um Nom und den Orden", sagte Pater Clemens. „Ich denke, das Grundstück wird unser", und damit schritten sie nach den, Psarrhause. * * * Eine Viertelstunde später traten Lärnchen und Willner in das Vorderzimmer wieder ein. Lämchen war sehr erregt. Er ging hastig auf und nieder, dann warf er sich in den Seffel und fuhr mit der Hand sich in das spärliche, sorgengebleichte Haar. „O, Willner, was muß ich Alles noch erleben! Wie grenzenlos unglücklich bin ich doch!" — stieß er seufzend hervor. „O, mein Kind, mein armes Kind, mein liebstes, letztes Kind! Sie ist mein Stolz und meine Freude gewesen, ich habe sie gehegt wie eine Blume, deren Pracht mich entzückte und jetzt, Herr des Himmels — was habe ich gesündigt, daß so schwer deine Hand jetzt auf mir lastet. Bin ich zu stolz gewesen, zu gottvergeffen. daß Tu meine Schuld heimsuchst an meinen Kindern O, Willner, die Blume, die ich mit besonderer Vorliebe gepflegt, allmorgentlich begaffen, jeden Mittag den heißen Sonnenstrahlen entrückt, — Willner, sie ist mir entriffen.... „WaS ist geschehen?" fragte Willner besorgt. „Meine Rosa . . sagt sich los von niir ... sie erklärt mir rundweg, daß Sie Alfred folgen, nur ihm angehören werde." „Nun, das können Sie ihr doch nicht verargen, das ist ja der Beruf deS weiblichen Geschlechts." „Ihr redet ja gewaltig klug und macht noch den Advo' caten für das undankbare Geschöpf", schrie ihm Lämchen zu. „Ihr versteht nicht, wollt nicht verstehen, um was eS sich hnr handelt. Seht ihr denn nicht die doppelte Kluft, die mein Kind von Alfred trennt: Geburt und Glaube! der junge Graf von Rolandsau kann und wird niemals des Juden Salamon Tochter als ehelich Weib heimführen. Und wenn Rosa, von Liebe geblendet, ihm dennoch folgen will, dann kanns nur auf Kosten ihrer und meiner Ehre, auf Kosten ihres Glaubens geschehen . . . und ehe dar geschieht, dann will ich lieber kein Kind haben " „Ich versteh' Euch nicht Lämchen" entgegnete Willner das Haupt schüttelnd — „was wäre denn das für ein so großes Unglück?" „O, man merkt's, Ihr habt keine Kinder gehabt, Willner, Ihr wißt nicht, was es heißt, ein Kind, das man in den Grundsätzen seiner Religion erzogen zu haben glaubt, sich nut einem Male so ganz entfremdet zu sehen, das es Religion und Pietät für nichts achtet. Das will Rosa mir altem Manne anlhun, der ich in Ehren grau geworden und stets stolz auf meinen Glauben gewesen bin. der ich mein Lebelang dafür gestrebt und gekämpft, den Namen „Jude" zu Ehren zu bringen — und nun will mein eigen Kind diesen Namen preisgeben? O, das ungerathene Kind, dem die Thränen des Vaters nichts gelten; ich habe weinend sie gebeten, von ihrem Vorhaben, von Alfred zu laffen . . sie will's nicht, nun denn, mein Entschluß steht fest. Ich kann nicht anders. Ich habe keine Rosa mehr!" . . . In diesem Moment trat Rosa mit verweinten Augen in daS Zinimer. Als sie den Vater sah, wollte sie zu ihm, sich zu seinen Füßen stürzen. Lämchen aber streckte ihr abwehrend die Hände entgegen. „Erst sage mir, ob Du Alfred aufgiebst, oder Deinen Glauben?" sprach er im strengen Tone. „Alfred?" - Nein, lieber mein Leben!" „Geh, Du willst vergeffen, auf Deinen angestammten Glauben zu achten, so vergesse ich jetzt, daß ich ein Kind gehabt. Geh, geh! — Du bist mein Kind nicht mehr!" Rosa war einer Ohnmacht nahe, aber sie raffte sich auf. — „O mein Gott, so ist das Band vollends zerriffen — mir bleibt nur ein Weg noch", sagte sie und wankte schluchzend aus dem Zimmer. „O, stoßet sie nicht von Euch, Lämchen! Bedenkt was Ihr thul!" „Ich hab's bedacht! Laßt mich!" „Mögt Ihr es nie bereuen!" Mit diesen Worten eilte Willner Rosa nach. Rosa war inbeß durch den Garten ins Freie dem Thals zugeeilt. Sie erreichte den ersten Arm des Fluffes und eilte längs deffelben hin, er war von einem Gewitterregen angeschwollen, jetzt passirte sie die Mühle, oberhalb derselben war eine besonders reißende Stelle, sie hatte sie erreicht, einen Augenblick stand sie still, die Wellen sollten ihr armes Herz vom innern Zwiespalt befreien; sie betete lange und inbrünstig, die Besinnung schien zurückzukehren, der Gedanke an den Selbstmord machte sie schaudern, aber was sollte sie auf der Welt, die Ungläubige, die Verstoßene? — Noch einmal wandte sie sich um, als wollte sie Abschied nehmen von dem Orte. Die Sinne schwanden ihr. Sie sank erschöpft, ohnmächtig in das Gras. Willner war Rosa gefolgt, und fand so das arme Kind. Sanft hob er die Ohnmächtige auf, und benetzte ihr Haupt mit den wenigen Thautropfen, die an den Grashalmen perlten. Endlich erwachte Rosa und sah ihn starr an — sie hatte ihn erkannt. — „Ihr, Willner, stammelte sie." „Komm an mein Herz, armes Kind", sagte der alte Mann, mit thränenerftickler Stimme, „ich will Dein Vater sein, wenn Alles Dich verstößt." Dankend drückte sie Willner die Hand und lehnte daS müde Köpfchen an feine Brust. Ende des ersten Bandes.

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