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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-04-26 · N° 17. (26.4.1877) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 17. (26.4.1877)
Date
1877-04-26
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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M IS. J K*" — Der letzte Jude. (Fortsetzung.) Willner hatte den Brief aufgehoben und reichte ihn Alfred, der ibn mit fester Stimme laut oorlas. Der Inhalt desselben, nach einigen unwesentlichen einleitenden Sätzen, lautete wie folgt: „Graf Alfred von Rolandsau, der sich unter dem Namen eines Ingenieurs Becker hier aufhält, ist der Sohn des verstorbenen Gutsherrn auf Schloß Rolaudsau, welcher, nachdem er drei Jahre in Bonn studirt, wegen seines liederlichen und unmoralischen Lebenswandels nach England geschickt wurde, ein Wüstlmg dem Ehre und Tugend des edelsten Mädchens als niedere Begriffe gelten. Ein Wolf in Schafskleidern hat er sich unter falschem Namen in Euer Haus eingeschlichen, um desto sicherer sein Opfer zu erwürgen. Wollt Ihr noch weitere Beweise, so freut,Euch vielleicht die Mittheilung, daß der saubere Patron jüngst in entsprechender Gesellschaft gegen hundert Dukaten gewettet, er werde binnen zwei Monaten die Tochter des letzten Juden seinen übrigen Siegen zugesellen und Ihr seht, er ist auf dem besten Wege, sie zu gewinnen. Vielleicht ist es noch Zeit, Euer Kind und seinen unbefleckten Ruf zu retten, aber eilt, ein Wolf und ein unschuldiges Lamui in eine gefährliche Nachbarschaft." „Nun, was sagt der Herr Graf zu den freundlichen Zeilen?" fragte Lämchen „Ich kann Euch nicht niehr sagen, als daß Ihr das Opfer eines gemeinen Betrügers geworden Die Anonymität des Verfassers ist wohl der sicherste Beweis, daß decselde ein Schurke ist. Wahr ist's, ich bin der junge Graf Alfred v. Rolandsau; ich kann und will auch nicht leugnen, daß mein Leben als Student in Bonn etwas locker gewesen aber nicht mehr, als es bei Jünglingen in meinem Alter überhaupt der Fall ist. Aber gerade hier in der Nähe Eurer Tochter habe ich den Glauben an weibliche Tugend wieder gefunden; was sie vermag, beweist Euch mein Hiersein. Der Anblick Rosa's, der Umgang mit ihr, die Liebe zu ihr hat aus dein etwas hochfahrenden, Tugend und Moral nlißachlenden Grasen einen fchlichlen Burgerssohn geschaffen, und so heilig war ihm seme Liebe zu Rosa, daß er wochenlang nicht wagte, auch nur ihre Hand zu berühren. Wenn Ihr solche Liebe als Verbrechen erachtet, nun denn, so straft Eure Tochter, denn ihre Anmulh, ihre Tugend und Liebenswürdigkeit waren es, die mir dies Feuer m das Herz geworfen, ein Feuer, das zu löichen ich bis heute zu schwach bin, und das fortglühen wird, bis nrich die enge Wohnung umschließt, der wir Alle zuerlen, — das enge, dunkle Grab. — Mein Verbrechen, das Ihr zu richten habt, ist also nur die Liede und ich hoffe und glaube, Ihr könnt kein so strenges Urtheil fällen, daß Ihr mich für immer aus der Nähe Eures Kindes verbannt. Seht, das ist meine Beichte. Von wem der Brief und welchen Zweck man damit verfolgt, weiß ich nicht, ein lauterer rn cs jedenfalls nicht gewesen und der Verleumder jedeiifalls ein Mensch, der luoralrsch noch weit tiefer steht, als ich nach seiner Meinung vor der Bekanntschaft mit Eurer Tochter stand." Lämchen halte ruhig, und wie es schien, nicht unbewegt zugehörl. Auch Willner schwieg und schaute stumm auf den Grafen. Niemand beachtete, daß inzwischen die Elngangsthür des Zimmers leise geöffnet worden und zwei dunkle Gestalten lauschend in der Oeffuung erschienen. „Aber, Graf, was soll nun geschehen?" fragte Lämchen sichtlich ruhiger geworden. „Was gelten Rang und Titel", sagte Alfred lebhaft, „wenn es sich darum handelt, bas Lebensglück zweier Mentchen zu sichern. Seht, der Graf Alfred glaubie nicht an Ehre und Tugend, der nunmehrige schlichte Mann, im Gewände eiileS bürgerlichen Ingenieurs, hat sie erkannt, betet sie an. Ich bitte Euch, Länrchen, weist meine Hand nicht zurua, wenn tu, sie Euch eyevem zum Gruße reiche, verbannt mich nicht aus der Nähe des Wesens, das so veredelnd auf mich gewirkt hat; wahrlich, das ist das untrüglichste Zeichen der echten Liebe. Mir hat seit vielen Jahren die leitende Hand des Vaters gemangelt, seit Ihr mir ein zweiter Vater und ich schwöre Euch, ich will Sorge tragen, daß kein Makel durch Schuld des Sohnes Euren ehrlichen Namen belaste. Ich bitte Euch darum, und ich weiß, Ihr habt ein Herz und könnt nicht das Glück zweier Menschen vernichten." „Ihr redet — Worte und bedenkt nicht die Tragweite derselben. Was würde die Welt von mir sagen, wenn ich, nachdem mir Euer Stand und Name bekannt. Euch noch ferneren Umgang mit meiner Tochter gestattete! Sie wollen, daß ich an die Wahrheit Ihrer Empfindung glauben soll. Sie können und werden mir den besten Beweis dafür geben! Sie können beweisen, daß Ihnen die Ehre meiner Tochter wirklich heilig ist; aber nur indem Sie uns durch Ihre schleunige Entfernung aus Rolandsau vor den Verläumdungcn der Menge zu schützen suchen. „Aber ich schwöre es Ihnen, ich kann mich nicht von Rosa trennen, ich vermag es nicht. Wollt Ihr mir den guten Engel rauben, der mich auf den Pfad der Tugend zurückführte, wollt Ihr es sein, der mich rücksichtslos in das Chaos der Versuchung der Sünde znrückschleuoert? Läßt es Euer Glaube an einen gerechten und liebevollen Gott zu, so und nicht anders zu handeln?" Lämchen schwieg; er schien zu überlegen; Willner sah mit sichtlicher Freude auf den jungen Mann „Ihr schwelgt," fuhr Alfred fort; „ich weiß, es giebt nur ein Mittel, der Verläumvung auf ewig die Zunge zu binden. Ich nenne es Euch; nehmt meine Hand, ich reiche sie Eurer Tochter vor dem Altäre." Lämchen sah ihn starr an. „Graf!" sagte er, „bedenkt was Ihr sagt!" „Ihr weift mich zurück! Ihr versagt mir Eure Hand? Kann ich mehr thun. Euch gerecht zu werden?" „Aber Graf, diese Rettung vo,n Tode zum ewigen Kerker, werdet Ihr sie nicht am Ende tauseilbfach bereuen?" „Eine Rettung vom Tode zum ewigen Kerker nennt Ihr es! Nun wohl, ich werde versuchen, diesen ewigen Kerker in ein Paradies umzuschaffen, wo das Glück des Lebens als süße Blume blüht und reift, ich will der Geliebten rosige Lauben und blumige Wege darin schaffen, nur laßt diese Geliebte eben Eure Tochter sein! — Bedenkt, wenn Ihr mich von dannen stoßt, so verglstet Ihr ja auch zugleich das Dasein Eurer Tochter! Nein, das könnt, das dürft Ihr nicht." Alfred faßte Lümchens Hand, indem er dringender fortfuhr: „Ihr wollt, ich fühle es, Euer Herz drängt Euch „Ja" zu sageu, o warum noch des Herzens Drängen meistern wollen! O, ich flehe Euch an, gebt uns Eure Einwilligung, Ihr befördert dadurch nur Euer und Eurer Kurder Glück!" „Gras", sagte Lämchen. „Sie machen nur das Herz weich Mein Kuid, meine liebe Rosa; ich fühle, ich glaube, daß sie es verdient, Euer Weib zu werden, aber dennoch — nein ihr Glaube — es geht nicht" — Sie hörten nicht das unheimliche Flüstern der zwei Ge» stalten am Eingänge des Zimmers, Aller Augen, selbst die an de: Thür des Nebenziminers lauschenden der Rosa, waren unverwandt auf die Lippen des mrl dem eigenen Herzen ringenden Vaters gerichtet, von teilen das alles entscheidende Endurtheil kommen mußte. Alfred bat aufs Neue, die letzte Eisdecke schmolz sichtlich —! „Ich will mein Kino fragen, Graf, und dann —" „Wird sich die Kirche freuen, die Zahl ihrer Glieder um zwei neue, als Reuige in ihren Schooß zurückwandernde zu vermehren!" klang es unheimlich von den Lippen des rasch vorlrelenden Pfarrers, dem sein Gast, Pater Clemens, folgte, denn diese waren die lauschenden Gestickten gewesen, die auch um den Brief wußten und von seinen Wirkungen sich zu überzeugen kamen. (Fortsetzung folgt.)

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