Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 17. (26.4.1877)
- Date
- 1877-04-26
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 133 — Lehrkörper der Universität München eintritt, einer Universität, die stiftungsgemäß eine katholische sein sollte, in der That aber geradezu als antikatholisch bezeichnet werden muß. Es ist unnütz, den Schmerz zu schildern, den Angesichts solcher Verhältnisse jedes kath. Herz fühlen muß, aber um so mehr muß darauf gedrungen werden, daß die kath. Abgeordneten, wenn wieder das Budget der Universitäten zu berathen sein wird, mit aller Energie an die hochherzigen Absichten des Stifters der alten Jngolstädter Universität erinnern und die Erfüllung des Stiftungszweckes durch alle gesetzlichen Mittel nöthigenfalls zu erzwingen versuchen." Möge der biedere „Volksfreund" recht bald wieder Veranlassung zu solchen Schmerzensschreien haben! Nordamerika. New-Uork. Die Correspondenz „aus We'tpreußen" in Nr. 13/14 wirft einen Seitenblick auf Nordamerika und meint, daß dort wohl Rabbiner möglich und wirklich vorhanden seien, welche Speise- und Sabbalhgesetze offen übertreten. Ein früherer Spezial-College des in jenem Artikel erwähnten vr. Schre ib e r hat neuerdings in Amerika ein drastisches Beispiel davon gegeben, was von solchen Leuten erwartet werden kann, aber auch davon, daß selbst in Amerika jegliches Ding seine Grenze findet. 1)r. Felix Adler, ein vormaliger Zögling der Berliner „Hochschule", Sohn des Rabbiners vr. Sam. Adler in New-Pork, kehrte vor Jahr und Tag in die Heimath zurück, gedachte des Vaters Adjunkt und Nachfolger im Amte zu werden und predigte in der väterlichen Synagoge, deren Publikum der entschiedenen Reform angehört, aber was der junge Mann von Berlin niitgebracht und hier auslegte, das war doch selbst den Hiesigen „zu stark"; es blieb bei einer (einmaligen?) Probepredigt, und der Rabbiner „in Hoffnung" verwandelte sich „wider Hoffen" in einen „Professor", der an einem College Vorlesungen hielt. Nachher wurde versucht, für ihn einen „Sonntagsgottesdienst" einzurichten, auch nach Berliner Muster, denn hierzulande haben die Versuche, den Sabbath auf Sonntag zu verlegen, stets auch Seitens der entschiedenen Reformer energischen Widerstand gefunden. Auch diesmal ging es nicht, es blieb also bei Sonntags-Vorträgen. Hier konnte nun der junge Mann ganz ungestört und unbehelligt seinen Radikalismus an die Männlein und Weiblein zu bringen suchen. Er lehrte Pantheismus, Atheismus, Monismus, Darwinismus und noch diverse schöne Dinge, um die sich jedoch wenige kümmerten, abgesehen davon, daß nach hiesigem Brauch über jede solche Vorlesung in den Zeitungen berichtet, lobposaunt, auch wohl gelegentlich polemisirt wurde. Dann kam der Vrofessor auf biblische Kritik und „Mythologie", sprach über Buddhismus, Parsismus, Altes und bleues Testament rc. rc, zog, ebenfalls nach hierländischem Brauch, stark polemisch gegen christliche Lehre zu Felde, das Alles war gewiß sehr sensationell gehalten, machte aber trotzdem wenig Sensation. Dann kam die „Ethik" an die Reihe, und da hat er sich denn gegen das Bundeszeichen des Judenthums in se'ir „entschiedener" Weise ausgesprochen, er nannte die Beschneidung eine schnöde Barbarei u. d. m. Damit hat er allerdings die Sensation erreicht und erregt, um die es wohl ztt thun war. Die Journale und die zahllosen Wochenblätter besprachen schon am Montag dieses vronirneinmento, die Einen höhnend erfreut, daß her Herr sich nun über den alten Brurd hermache, nachdem er solange an dem ssknen seine Kritik geübt, Andere fragend, was denn nun der jüdische Klerus dazu sage u. s w. Aber auch die jüdischen Blätter sprechen sich — soweit uns bekannt — einstimmig »nb energisch gegen Adler aus. Vertheidiger sind ihm keine eryanden. nur das machen ein paar Stimmen geltend, daß man doch den jungen Menschen ruhig reden lasten und ihn nicht verketzern solle, worauf denn ganz richtig erwidert wird, daß man ja auch so thue, und daß Adler nur um Alles sich nicht auch noch zum Märtyrer seiner fortgeschrittenen Weisheit ausblasen möge, weil man ihn derb abgefertigt, und weil e i n Blatt im ersten Eifer die Rabbiner auf gefordert, sich dagegen zu erheben. Das sei überflüssig — er möge fortfahren zu lecturiren und — je toller, je bester! Wir citiren nur ein paar Sätze aus den sonst radikalen jüdischen Blättern. Ta sagt rJew Times“ (inzwischen in „the Reformer“ metamorphosirt) u. a. „Andere Leute, die ihre moralischen Grundsätze noch aus einer Zeit geschöpft haben, welche Religion nicht als ganz veraltet ansah, verlangen, daß ein Sohn einige Rücksicht auf die Gefühle eines Vaters nehme, eines Mannes, der seit fast einem Vierteljahrhundert einen geehrten Platz aus unsern Kanzeln ausfüllt." . . Wise im „Amer. Israel." stellt nebeneinander die Abschiedsvorlesung des Professor Krieger an der Straßburger Universität, in der er die Gesetze Moses vom medizinischen Gesichtspunkte aus preist und dabei neben Speise- und Ehegesetzen ausdrücklich auch die Beschneidung hervorhebt — und die Adler'schen Ausfälle. „Nun denkt euch (sagt Wise) auf der einen Seite den anerkannten Mann der Wissenschaft, den christlichen Profeffor, auf der anderen den unreifen und unbekannten kleinen Profeffor der semitischen Sprachen. Dann denkt euch dort das wissenschaftlich gelehrte Auditorium der Universität, vor dem ein Professor seinen Abschiedsvortrag hält, und hier eine aus gewöhnlichen Geschäftsleuten, Commis, bartlosen Jünglingen und gierigen Weibern bestehende Versammlung, in der niemand befähigt ist, eine wissenschaftliche Frage zu behandeln. Sollte es da der Mühe werth sein, noch mehr darüber zu reden?! Von anderer Seite wird behauptet, der betreffende Theil des Adler'schen Vortrages sei einfach aus Voltaire entlehnt. Genug davon. Das „Entlehnen" speciell aber führ uns aus den Ausgangspunkt zurück. Ob Felix Adler auch mit Bouillon angefangen hat? Jedenfalls ist das schon geschehen, ehe er sich an eine Kanzel gemacht hat! dafür ist er auch schon bedeutend vorgeschritten; vivat sequeens? N. S. Die „Jüd. Pr." berichtet, daß Profeffor Steinthal in einem der neuesten Hefte seiner Zeitschrift die den Ideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit unumwunden läugne. vr. Felix Adler ist Schüler desselben gewesen. Was die „Jsr. Pr." über die Frage, ob solche Leugnung sich mit dem Dociren jüdischer Theologie, jüdischer Religionsphilosophie und Ethik vertrage, sagt, ist sehr richtig, ist eigentlich selbstverständlich Sie wendet sich jedoch wegen eines „Proteuirens" an die Unrechte Adresse, da die jüdische Gemeinde und die jüdischen Steuerzahler, als solche, gar nichts mit der Hochschule zu thun haben. Vermischte uiiD neueste Nachrichten. Stettin. Aus Odessa, 3—15. April 1877. schreibt uns Herr F. R e m y: „Die mir aus Berlin zngestchickie Nr. 13 und 14 Ihrer „Israel. Wochenschrift" enthält einen Artikel ans Sleltin (Literarischer Schwindel oder selbst geprellt?), hinsiyllich d.ssen Sie mir die Bille um gef. Aufnahme nachfolgender Erklärung in die nächste Rümmer Ihres geschätzten Blattes gewiß nicht abschlagen werden. Die — in der berliner „Jüdischen Presse" jetzt noch fortlaufende Novelle von O. Nabbinowilsch: „der Gestrafte" ist in Folge Aufforderung des Herrn Hildesheinlec hier, eines naben Verwandten der Familie Nabbinowilsch, eigens für dieses Blatt von mir direkt ans dem Russischen übersetzt worden. Da ich selbst kein Hebräer bin und jüdische Schriften nicht erhalle, hatte ich natürlich keine Ahnung von der Existenz einer früheren Jost'schen Uebersetznng und wenn der Verfasser jener Notiz den Vergleich beider Ardeilen über die Anfangszeilen hinaus foitgesetzt hätte, wäre ihm ein etwaniger Zweifel unter den Händen zerrönne,l, und er hätte sofort die Ueberz.'ugnng gewonnen, es hier weder mit einem Plagiat noch Nachdruck, sondern mit einer vollberechtigten zweiten Originalüberietznng zu thun zu haben Daß ich den Titel, „Strafnoi" des Originals nicht beibehielt, giebt keinen Grund, meine Uebewetzung der Unrichtigkeit zu zeihen, da mir, deutschen Lesern gegenüber, jenes aus den, Deutschen korrumpirte vieldeutige Wort dem