Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 17. (26.4.1877)
- Date
- 1877-04-26
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 132 — Dr. Goldschmidt auf das Gedeihen des Vereins. Die durch Kommerzienrath Cäsar Wall he im mit warmen Worten eingeleitete Sammlung hatte ein reiches Ergebniß. — Schließlich wollen wir noch zweier bedeutenden Legate Erwähnung thun, welche dem Vereine im Laufe des Berichtsjahres zugewendet worden sind. Es sind dies 15,000 Mark, welche der kürzlich hier verstorbene Herr Herzog testamentarisch vermacht, und 12,000 Mark, welche die Schwestern N a t - horff als eine Stiftung zum Andenken an ihren verstorbenen Bruder, der ein eifriger Förderer des Vereins gewesen, diesem zugewendet hat. Leobschütz (Oberschlefsen), im März. Mit dem 1. April c. wird der jüdische Religionsunterricht nicht wie bisher in einem von der jüdischen Gemeinde genrietheten Local ertheilt, sondern die jüdischen Schüler der verschiedenen hiesigen Lehranstalten (Gymnasium, Töchterschule und Stadtschule) erhalten denselben innerhalb der Schulzeit in den bezüglichen Anstalten, vom Prediger der Gemeinde, Herrn Grün wa ld. Derselbe wird hierfür vom Staat, von der Stadt und von der jüdischen Gemeinde besoldet werden. — Das diesbezügliche Schreiben des Gymnasialdirectors an den Synagogenvorstand ist mittheilenswerth; es lautet: Leobschütz, den 25. März 187 7. Es gereicht mir zu großem Vergnügen, dem Wohllöblichen Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde anzeigen zu können, daß der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten durch Rescripl vom 10. März cr. die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an dem hiesigen Gymnasium vom 1. April cr. ab angeordnet und die an den Prediger und jüd. Religionslehrer Grunwald zu zahlende Remuneration auf die hiesige Gymnasialcasse angewiesen hat. Der Königliche Gymnasialdirector gez. Rösner. Aus der Provinz Posen, 19. April. (Or.-Corr.) Diese Woche fand in Posen eine Versammlung§der Rabbiner unserer Provinz statt.- Von 33 amtirenden Rabbinen waren 19 anwesend und hatten 8 ihr Ausbleiben entschuldigt. Sonntag Abend ward das Bureau gebildet, welches — nach der durch Unwohlsein motivirten Ablehnung des Dr. Feilchenfeld, Rabb. in Posen, — aus den HHrn. Joel (Krotoschin) als Präsident und Bloch (Posen) stellvertretender Vorsi^nder, Holländer, (Wreschen) und Lewin (Koschmin) als Schriftführer bestand. Auf der Tagesordnung stand die Seminarfrage. Nach langer Debatte, wurde für jetzt die Unmöglichkeit erwiesen, ein jüd. Seminar in der Provinz Posen zu errichten, da leider die Mittel nicht auszubringen. Dagegen sollen durch Vereinsthätigkeit jüd. Präparandcn und Seminaristen Stipendien erhalten und bei Ortsrabbinen Unterricht, daß sie zu tüchtigen Religionslehrern herangebildet werden. Periodische Wiederkehr der Versammlungen, zu welchen d i e Collegen in den Nachbarprovinzen, welche den Wunsch aussprechen, ein.eladen werden sollen — wird beschlossen und in den permanenten Ausschluß gewählt: die HH. Baek (Lissa), Bloch (Posen) und Feilchenfeld (Posen) Horovitz (Gnesen) und Joel. — Eine Denkschrift, die Stellung der Rabbinen deur Staate gegenüber, soll ausgearbeilet und an die Gemeinten versendet werden. Rach eingehenden Debatten über Simultan- oder confessionelle Schule wird der Ausschuß beauftragt nach Jahr, oder — wenn die Berathung des Schulgesetzes es früher erfordern sollte — noch früber die Conferenz einzuberufen, damit unsere Denderien betreffenden Ortes rechtzeitig vorgelegt werden können. Sohrau. (O/S.) D'e Sensationsgeschichte vom Osterblute ist bei der Staatsanwaltschaft anhängig gemacht. Wie wir hören, ist bereits ein Termin znr Zeugenvernehmung anberaumt. Wir behalten uns vor, zur Zeit die Resultate der gerichtlichen Untersuchung hier mitzutheilen. Inzwischen hat das neue Oberhaupt unserer Stadt durch entschiedene tstux pa.s, die ihm das Odium der Judenfeindlichkeit aufbürden, die Sympathien der hiesigen Gemeindemitglieder sich gänzlich verscherzt. Der evangelische Bürgermeister könnte hier von der katholischen Geistlichkeit humanes und tactvolles Vorgehen lernen. Letztere klärte von der Kanzel herab die gläubige Versammlung über die groteske Ungeheuerlichkeit auf, als brauchten die Juden Blut zu ihren ungesäuerten Bcoden. — Auf Grund der neu revidirten Statuten schritt der Krankenpflege-Verein am 1. April zur Neuwahl eines Vorstehers. Die Versammlung wählte mit überwiegender Majorität Herrn Joseph Stern zum Vorsteher. — Im vor. Monat feierte das Selig Löbinger'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Da das Jubelpaar jede öffentliche und Synagogen-Feier bescheiden ablehnte, sandte die hiesige Gemeinde eine Deputation an die Jubilars, bestehend aus der Geistlichkeit und dem Vorstände. Unser Rabbiner, Herr Dr. Deutsch, überreichte dem Jubelpaare eine angemessene Gratulationsadresse. Das rüstige Ehepaar dankte ergriffen und sichtlich gerührt. Auch die Spitzen der Behörden, viele Freunde, Bekannte und selbst ans der Ferne herbeigeeilte Verwandle verfehlten nicht, an jenem Tage die Familie Löbinger zu beglückwünschen. M. Ans Bayern, im April. (Or.-Corr.) Wenn Ihren Lesern auch wohl bekannt sein wird, daß die bayrischen Juden durch Einführung des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1869, die Gleichstellung der Confeffionen betr. in Bayern ihren Mitbürgern gleichgestellt wurden, wonach, wie der bekannte Staatsrechts- Lehrer Pözl sagt, die Frage, ob der Jsraelite in Bayern zur Uebernahme von Staatsämtern befähigt sei, welche Frage schon bisher nur bejaht werden konnte, für die Zunkunft zweifellos entschieden ist, so dürfte es doch nicht uninrereffaul sein, die practischen Ergebnisse dieser Gesetzgebung fortwährend zu beobachten. Es sind in dieser Beziehung aus der letzten Zeit mehrere wichtige Vorgänge zu verzeichnen. Ende v. I. wurde nämlich der Damalige Rechtsconcipienl Adolf E fiste in zum Affeffor am Stadtgerichte München l./J. ernannt. Er ist der zweite Jude, der in Bayern zuin Berufsrichter ernannt worden ist Vor einigen Monaten wurde der bisherige Advocat Dr. Samuel Berlin in Ansbach auf seine Bitte von dieser Stelle enthoben und zum k. Hosrath ernannt. Diese seltene Auszeichnung ist dannt einem Manne zu Tbeil geworden, der unter die kleine Zahl derjenigen gehört, die in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts lieber lange Jabre auf eine Austellimg und damit auf gesicherte Lebensverhältniffe Verzicht leisteten, als daß sie sich zu einem Religionswechsel herbelließen. Dr. Berlin war üdrigens der erste Jude, dem sich in Folge der Veränderungen des Jahres 1848 die Advocatur erschloß. Bekanntlich weigerte sich ja König Ludwig I., einem Juden die Advocatur auzuoerlrauen, und unter seiner Regierung ist auch wirklich nur ein einziger Jude, der noch lebende Dr. G r ü n s f e l d in Fürth, Advocat geworden. — In den neuesten Tagen endlich ist der Dr. jur. utr. Theodor Loewenfeld von München als Privatdocent*) in die juristische Facultät der Universität München aufgenommeii worden. Dieser Mann verdient schon deswegen hier genannt zu werden, weil er der erste Jude war, den die genannte Facultät vor 4 Jahren zunl Doctor beider Rechte promovirte. Bis dahin nämlich wurdeir Jiiden in München nur zu doolores juris civilis promovirl. Dr. Loewenfeld ist aber auch der erste Jude, der in den Lehrkörper der Münchener Universität eintritt. Sehr lehrreich sind die hieher bezüglichen nachfolgenden Zeilen, welche dieser Tage in dem Organ des in letzter Zeit wegen oec „Tölzec Affaire" vielgenannten ultramontaneii Reichslagsabgeoroneten Dr. Ratzinger enthalten waren. Der Münchener „Boltsfreuno" erhebt nämlich folgenden Schmerzensschrei: „Dr. jur. Th. Löwenselo von hier in als Privatdocent in die juristische Fakultät der k. Universität München ausgenommen worden; es ist das erstemal, daß ein Israelit in den *) Vergleiche Nr. 12 unter München. Daselbst ist aber über fe. Habilmrung von zwei jüd. Privatooce»iten ander jurist. Facultät. Dr. Loewenfeld und Dr. Lottmar, berichtet? (Ned.)