Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-04-26 · N° 17. (26.4.1877) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 17. (26.4.1877)
Date
1877-04-26
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583510--3097-9583512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 130 — w \ I J Ugiöse Jntereffe wird vor dem Judenthum nicht Halt machen. Auch in unserer Mitte bereiten sich neue Kämpfe vor, zu denen bereits die Waffen geschmiedet werden. Ich kann'auf die sichtbaren Vorzeichen dieser Kämpfe nicht eingehen, das gehört nicht an diesen Ort. Aber dafür gehört ein Anderes um so mehr hierher. Ich meine nämlich, wenn das Solonische Gesetz: In seinem Staate müsse jeder Bürger Partei ergreifen, auf irgend einem Gebiete berechtigt ist, so ist es auf dem Gebiete der Religion. Wo es sich um Fragen handelt, die den Menschen in seinen höchsteu Interessen, die den tiefinnersten Kern des Menschenthums berühren, da ist doch wohl Jeder verpflichtet, sich eine Meinung zu bilden und eine bestimmte Stellung zu nehmen. Wo es sich um solche Fragen handelt, da ist Jndiffereutismus ein Beweis von Stumpfheit, das Zeichen einer Geistesschwäche, die überhaupt von allem Antheil am öffentlichen Leben ausschließt. Um jedoch Partei ergreifen zu können, dazu gehört doch wohl vor Allem eine Kenntniß des Gegenstandes, um welche der Kampf geführt wird. Soll es einfach vom Zufall abhängen, ob und wie der Einzelne sich dereinst in diesen Kämpfen entscheidet? Ich meine also, wie immer der Standpunkt der Eltern in religiösen Dingen sei, — ihre Kinder in den Quellen der Religion unterweisen zu lasien, das ist unter allen Umständen eine Pflicht der Eltern, der sie sich nicht entziehen können, wenn ihre Kinder nicht einmal die schwere Anklage gegen sie erheben sollen, daß sie wohl für alle möglichen, und auch für manche überflüssigen Dinge Sorge getragen hätten, nur nicht dafür, was am meisten noth thut, für einen festen religiösen Halt im Leben. Unsere Zeit, die Zeit der allgemeinen Wahlen, der Teilnahme des gesammten Volkes am öffentlichen Leben, der Selbstverwaltung u. s. w., ist mehr als jede andere darauf hingewiesen, alle Kreise und Stände des Volkes zu einer höheren Urtheilsfähigkeit heranreifen zu laffen, das Mitrathen in öffentlichen Dingen setzt das Gefühl der Verantwortlichkeit und ein gewiffes Maaß von Verständniß bei Jedem als eine unerläßliche Bedingung voraus. Wir Juden dürfen uns rühmen, daß dies Ideal unserer Zeit, die allgemeine Urtheilsfähigkeit Aller, wenigstens in religiösen Dingen, in früheren Tagen in unserer Mitte verwirklicht war. Die religiöse Bildung war bis vor einen» halben Jahrhundert unter den Juden eine so hohe und verbreitete, daß vielfach sogar der Unterschied zwischen Gelehrten und Laien fast verschwunden war. Daß das anders geworden ist, hat allerdings in den veränderten Verhältniffen seinen Grund. Aber ein Wenig sollten wir doch von dem Ruhm jener alten Tage in unsere Zeit hinüberretten. Sollte das gerade eine Wirkung des Fortschritts, des Liberalismus sein, mit dem »vir uns so gern brüsten, daß wir uns im Gegensätze zu jener alten „zurückgebliebenen" Zeit dieses Vorzugs begeben, uns selber und unsere Kinder zur UrtheilSlosigkeit verdammen, daß wir, die „Freisinnigen", nicht einmal unfern Freisinn uns selber verdanken sollen, sondern uns denselben von Andern auf Treu und Glauben vorschreiben laffen! DaS wäre doch wahrlich nichts weniger als eine freiheitliche Entwickelung. Ich möchte glauben, je freier und selbstständiger daS Urtheil des Einzelnen über religiöse Dinge sein soll, eine desto größere Vertrautheit mit den Religionsquellen muffe sich derselbe anz»leignen suchen. Der sogenannte Starrgläubige, dem seine Ueberzeugung unter allen Umständen unabänderlich gegeben ist, der könnte am Ende die Forschung viel leichter entbehren, er brauchte nur — was allerdings durchaus unjüdisch ist — den Extrakt seines religiösen Bekenntniffes unbesehen in sein Bewußtsein aufzunehinen, um die Beruhigung zu haben, mit seinem Glauben in Uebereinstimmung zu sein. Wer sich dagegen durch seinen „Freisinn" gedrungen fühlt, nach einer eigenen, selbstständigen Ueberzeugung zu ringen, der müßte sich doch zuvor nlindestens das Material angeeignet haben, das zur Bildung eines Urtheils erforderlich ist, sonst wird der sogenannte Freisinn — zur Phrase, die angebliche Unabhängigkeit — zur lächerlichen Karrikatur. (Die weitere Ausführung, die auf die speciellen Verhältniffe eingeht, wollen wir hier nicht wiedergeben.) H G—n. Berichte und Correjpondenzeu. Deutschland. Stettin, 19. April. Der im vorigen Blatte*) erwähnte Brief des Herrn Hirsch - Halberstadt verdient mit noch einigen Worten besprochen zu werden. Zuerst »nüffen wir einen durch Versehen entstandenen Jrrthum berichtigen, der Brief ist nicht dieser Tage, sondern vor zwei Jahren um diese Zeit geschrieben; jetzt aber hat Herr Hirsch Copie desselben mit kurzem Begleitschreiben an Herrn Sani. M o n t a g u gesendet, und dieser veröffentlicht ihn. In der Zwischenzeit hat der Brief im Pulte des Board gelegen, neben anderem schätzbarem Material. Man erinnere sich, daß die Anregung zu dem Monteftore-Fonbs weitaus nicht den erwarteten Anklang fand, daß Sam. Monlagu aus eigenem Antrieb nach Palästina reiste, um Jnforinationen einzuziehen, und von „Schäden am Hause" berichtete, daß dann der greise Sir Moses sich aufraffte, um selbst noch einmal Besseres in Palästina zu erblicken, während von dort aus in längstbekannter Weise über Montag u eine Fluth von Schmähungen ausgegoffen »vurde. Aber selbst über Herrn Guedalla, einen Reffen Montefiore's, einen hochorlhodoxen Mann, erging im „Lebanon", einem hebräischen Doppelgänger deS „Israelit," ein Ketzeranalhem, »veil der Mann gewagt halte, von „Verbefferung der Lage der Israeliten Palästina's" zu sprechen und anderes zn planen als Geldsammeln und baar austheilen — nach Kopfzahl, dem Reichen wie dem Armen, dem Säugling soviel wie dem Mann, nach Abzug erheblicher Kedima. Es war Arnsterda m, we.ches von irgend Anderem nichts hören wollte. Die Leute in Jerusalem sollten beten und „lernen", auch fasten u,»d um Mitternacht wachen, sonst »»ichts — Arbeit, Erwerb, Ackerbau galt als halber, Erziehung, Unterricht u. drgl. als vollendeter Abfall. Der freche Angriff gegen Herrn Gueoalla scheint das Maaß zum Ueberlaufen gebracht zu haben.** Der Board *) Wie aus der Notiz im „Briefkasten" vor. Nr. zu ersehen, ist unser Artikel noch, wiver unser Bermuthen, zum Abdruck gelangt. (Jene Notiz hätte danach wegbleiben sollen) Wir können aus der Ferne nicht genau bestilnmen, was „hinausgevrängl" wird — wie die Engländer sagen. — Nun hat aber der Artikel (Stettini keine Correktur pafsrrt. Emige Sätze sind so entstellt, daß wir sie verbessern müssen. Es ist zu lesen: daß der Troß (st. Trost) der Chalukah-Sender und Nehmer oiejenig n geschmäht und verketzert hat." — dann 4 Zeilen weiter Zurückhaltung st. Zurückstellung. Andere Fehler corrigiren stch von selbst. . 4 **) Bon allen diesen Dingen haben wir bisher kern Wort erwähnt. Möge man daraus ersehen, was wir schon o f t thatsächlich bewiesen habe», daß es uns sehr unangenehm ist, von Palästina-Zustanden Uebles zu berichten, und daß wir ain liebsten über solche Dmge schweigen, nichts berichten. Herr Benj. Hirsch hat also auch m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.