Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 16. (19.4.1877)
- Date
- 1877-04-19
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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/ 127 — Alfred erschrak. „D-- Willner — unser—" stammelte er — „der Teufel führt gerade den hierher!" „Länlchen," hörte man die Stimme Willners wieder, „Ihr wollt stets mit dem Kopfe durch die Wand!" „Bester mit dem Kopfe durch die Wand," entgegnete der Angeredete in demselben Tone wie vorher, „als eine Wand vor dem Kopfe!" Er öffnete die Thüre und erblickte das junge Paar. „Ah," sagte er höhnisch lächelnd, „da ist ja der feine Herr!" „Das Unglückskind muß ihm auch gerade in den Weg laufen," murmelte Willner „Graf Alfred von Rolandsau!" rief Lämchen mit fester aber immer noch erregter Stimme. Alfred schrak zusammen. „Wer ruft?" sagte er sich umwendend. Rosa starrte ihn stumm an. „O, mein Gott, der Vater weiß Alles!" seufzte sie und stützte sich mit der Rechten auf die Schulter Esther's, welche mit herausgetreten war. „Wollen Sie nicht die Güte haben, sich einen Augenblick in mein Haus zu bemühen, Herr Graf?" sagte Lämchen, mit der Hand auf den Eingang deutend. „Wir dürften einige Kleinigkeiten mit einander zu besprechen haben!" Alfred folgte willenlos; auch die Uebrigen folgten in das Zimmer, in dem wir Esther vorher mit Willner verlassen. Er lud den Grafen durch eine flüchtige Handbewegung ein, Platz zu nehmen. „Nun," sagte er endlich, den Brief des Pfarrers aus der Tasche nehmend, „der Brief enthält also die Wahrheit? und der Alte dort," er deutete auf Willner, „der Alte wollte nur" — Alfred erwachte wie aus einem Traum. Keines Wortes mächtig, sah er dem Zürnenden starr in die Augen. „Was — was soll's?" „Laß mich mit dem Grafen und dem Herrn Willner allein," wandte sich Lämchen an Rosa, die noch immer bangen Herzens den Geheimnissen entgegensah, welche der Brief über Alfreds Person ans Tageslicht fördern sollte. „Tritt mit Esther ins Nebenzimmen," fuhr der erregte Vater fort, „ich werde Dich rufen lasten, sobald ich Deiner bedarf!" Rosa stürzte auf ihn zu und erfaßte flehend seine Hände. „Vater!" stammelte sie, „Vater!" „Geh, sag' ich, geh," erwiderte dieser fest und suchte sich loS zu machen. „Geh nur Kind," beruhigte Willner, „geh, ich bleibe ja hier" Sie wollte dem Befehle Nachkommen, da fiel ihr Blick auf Alfred, der mit abgewandtem Antlitz einer Bildsäule gleich dastand. Sie eilte auf ihn zu und erfaßte seine Rechte. „Alfred," flehte sie, „Alfred, mein Alfred! Nimm mir Alles, Geliebter, aber laß' mir den Glauben an Deine Redlichkeit! — Magst Du sein, wer Du willst, ein Fürst oder ein Bettler, nur laß' Dein Herz kein anderes sein, als das meine. Alfred, den Glauben an Dich verlieren-würde auch meinen Glauben an den Ewigen und Allmächtigen dort oben erschüttern, Alfred, wenn Du mich täuschtest, Du würdest mich dem Wahnsinn in die Arme treiben." Sich zu ihrem Vater wendend sagte sie, „Vaier. es ist eine ernste Stunde, die jetzt herannaht. Bedenk', es ist Dein Kind, um dessen Lebensglück es sich handelt. Es steht ihm keine Mutter schützend zur Seite, um des Vaters Strenge durch weibliche Milde friedlich auszugleichen. Bei dem Geiste der seligen Mutter beschwöre ich Dich, laß das Urtheil, das Du zu fällen gezwungen bist, ein mildes sein. Bedenk', Du urtheilst zugleich über Dein Kind!" Sie faßte seine Hand, ihre Worte klangen ängstlicher und dringender, als sie fortsuhr: „Vater, wir hoffen Gnade und Erbarmen von dem Ewigen und Gerechten, der auch sein Gott ist; wirst Du auders als nach seinem Vorbild über ihn zu Gericht sitzen wollen? Noch einmal, Vater, bitte ich Dich, kein unbesonnen bitter Wort, denn mein Leben ist ju fest an das seinige gekettet!" Sie ließ seine Hand los und trat mit Esther in das Nebenzimmer, blieb aber, des Kommenden harrend, an die Thüre gelehnt stehen. Lämchen, der indeß einige Male unruhig das Zimmer durchschritten, trat jetzt vor Alfred, sah ihn scharf in die Augen, und sagte hitzig: „Nun, Herr Graf, die Bahn ist frei, was hindert Sie noch, sie zu benützen?" Alfred konnte den zornigen Blick des Alten nicht aushalten. „Weil, weil." „Weil," fiel Lämchen ein, — „ja weil ich hoffte, daS Gute ist in Ihrer Brust noch nicht so gänzlich erloschen, als daß Sie fähig wären, zu dem ersten Verbrechen auch noch die Lüge zu fügen. Vielleicht auch, daß der Respect vor meinen greisen Haaren Sie davon abhält, vielleicht auch erinnert Sie mein Anblick an den eigenen dahingeschiedenen Vater, der, falls er noch lebte, gewiß nur schamroth werdend, des ungerathenen, unadeligen Sohnes gedenken würde!" „Unadelig!" brauste Alfred auf, „Herr" — „Soll ich Ihnen etwa den Begriff „Adel" weitläufiger desiniren? Nennen Sie es edel, —denn davon leiten sie doch ' wohl das Wort adelig ab. — nennen Sie es edel handeln, wenn Sie einem Räuber ähnlich sich unter frentden Namen in das Haus eines ehrlichen Mannes schleichen, um ihm das zu rauben, was ihm höher gilt, als sein Geld und Gut, wenn Sie ihm sein Kind und mit diesem feine Ehre rauben!" „Ich bin unkundig der Begriffe von adeliger Handlungsweise, wie sie in den Kreisen, zu denen Sie sich wohl zählen, existiren," fuhr Lämchen fort, „vielleicht gilt es dort als eine besondere Heldenthat, einen armen Mann, und noch dazu einen der so viel geschmähten Juden seines Kindes zu berauben; wir theilen diese Ansicht nicht. Uns armen Bürgersleuten ist nnn freilich die Ehre das höchste Gut Wir duelliren uns nicht darum, um uns über den todtdrohenden Schußwaffen wieder versöhnt die Hand zu reichen, aber wir suchen unsere Ehre in anderen Dingen und gerade hier halten wir um so strenger daran fest. Und nun, Herr Graf, frage ich Sie, was hat Ihnen dieses greise Haupt, was hat Ihnen mein Kind, meine Rosa gethan? Warum wollen Sie unsern Glauben an die gütige Vorsehung des Höchsten, an seinen gnädigen Schutz alles Guten wankend machen, daß Sie versuchen mein Kind zu verführen und Schande auf mein Haupt zu häufen. Warum antworten Sie nicht, Herr Graf? Der Augenblick der Rechenschaftsablegung ist gekommen; Herr Graf, ich fordere sie von Ihnen!" „Hm, das ist denn doch" — versuchte Willner beschwichtigend einzugreifen. „Was ist's, Herr Willner! Ist es etwa unbillig, Rechenschaft von dem Verführer meines Kindes, oder doch von dem, der es versuchte sie zu verführen, zu fordern?" Alfred hatte sich gefaßt „Sie reden harte Worte zu mir, Herr Lämchen; ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Eines Unrechtes habe ich mich schuldig gemacht, aber es war keine böse Absicht, die es nach sich gezogen. Ich schwöre Ihnen, meine Absicht war, ist ehrlich " Herr Kind „Ha Ha!" lachte Lämchen auf, „ehrlich!" „Der Graf von Nolandsau findet es ehrlich, das einzige eines armen Mannes zu verführen." „Lämchen" mahnte Willner, „ich fürchte. Ihr laßt Euch von Eurem Zorn fortreißen!" „Ehrlich — hm! Ihr kommt jedenfalls dabei auf Eure adeligen Begriffe zurück. Aber ich versichere Euch, dem alten Juden Länlchen gilt seine Edre um kein Procent geringer, als die eines hochadelgebornen Grasen von Rolandsau, und eine Verletzung derselben wird er eben so streng zu ahnden misten. Sehen Sie, Herr Graf, ich bin ein verachteter Jude, aber mein Lebensbuch steht offen vor Ihnen, es hat mir namenlose Schmerzen verursacht, jeden Makel davon fernzuhalten, aber ich schwöre Ihnen: Wehe den Menschen, und sei es ein Fürst oder ein König, der es zu beflecken wagte!" „Lämchen, Eure Worte sind ohne einen — Dings da — Commentar, nicht zu verstehen. „Nicht? Den Commentar kann ich Ihnen sehr leicht dazu liefern! Hier, Herr Graf, wenns etwa gefällig ist, darin nachzulesen!" Er schleuderte ihm hohnlachend einen Brief vor die Füße. (Fortsetzung folgt.) v