Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 16. (19.4.1877)
- Date
- 1877-04-19
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
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eine Armee zum Kriege bereitstehen hätten. Was die Vorgänge in Vaslui betrifft, sagte der Minister, hat der frühere Minister Venescu zwei Enquöten ernannt, von deren Resultaten jeder Senator und jeder Staat Kenntniß erhalten kann. — Deschliu entgegegnete darauf, daß, so oft die liberale Partei ans Ruder komme, so komme auch die Judenfrage wieder, was der Idee der Verfolgung, die man uns zuschreibt, einige Autorität verleiht. Wir muffen uns daher rechtfertigen. Der Herr Minister, schli ßt Deschliu, hat uns weder etwas über die Präfecten von Vaslui, die der Verfolgung bezichtigt sind, noch etwas über die Entschädigungen, die man von London verlangt, gesagt. Wir haben daher nicht einmal die Beruhigung, zu miffen, ob man im Auslände erfahren werde, daß unsere liberale Negierung auf die gegen sie erhobenen Anklagen nicht antworten könne — Der Minister- Präsident replicirte darauf, er glaube nicht, daß man diese Frage offiziell behandeln dürfe. Man hat Enquölen ernannt für Vaslui: der Präfecl, constatirte man, stünde ganz außerhalb der Frage (!!), und was die anderen Forderungen der Israeliten betrifft, so seien sie Sache des Gerichtes... Ein Mitglied der erwähnten Kommission theilte zum Schluffe mit, daß in Kürze der bezüglich der Petition der Juden gefaßte Beschluß dem Senate vorgelegt werden würde. — Die nichtssagenden Ausflüchte des Herrn Bratianu widerlegen nicht nur nicht den Inhalt der Londoner Depesche, sie bestätigen ihn auf das kräftigste, und daß die englische No!e eine ziemlich eindringliche sein muffe, geht klar aus den Stoßseufzern über den Mangel einer großen Flotte und Armee hervor. Die Behauptung, daß der Präfect Lupaschcu außerhalb der Frage stünde, gehört zu den größten Unverfrorenheiten des Herrn Bratianu (N. Fr. Pr.) (Es hat nachher noch eine Senatsdebatte über die Judenverfolgungen stattgefunden. Die Opposition, unter der sich immerhin einige Männer befinden, die nicht bloß die Regierung angreisen, sondern die Humanität und die Ehre der rurnäitischen Nation beschützen wollen, hat einen fieinen Erfolg, Majorität einer Stimme, erziehlt. Die Debatte ist vertagt worden, cs verlohnt daher nicht, den Sitzungsbericht ausführlich wiederzugeben.) Großbritannien. London. Der leider so frühzeitig erfolgte Tod des „russischen Maggid" R. Hirsch Dainow hat eine empfindliche Lücke geschaffen. Die zahlreichen polnischen Juden Londons hatten Die Vorträge des Verewigten schätzen und lieben gelernt, und diese übten auch einen unverkennbar günstigen Einfluß auf die bildungsbedürftigen und leider vielfach verwahrlosten Einwanderer, welche die Predigten der englischen Rabbiner aus Mangel an Sprachkennlniß nicht fassen können; abgesehen von dem durchaus verschiedenen Cultur- und Moralitäts-Standpunkte der beiden Elemente der jüdischen Bevölkerung Londons. Dte britischen Israeliten, welche die Wirksamkeit Dainow's anfangs mit Mißtrauen oder doch mit Kopfschülteln belrachteteten, haben sich auch bald überzeugt, daß dieselbe recht heilsam und Förderung verdiene. Es ist daher natürlich, daß zunächst die „Polen" sich nach einem Ersatzmann für den Seligen umsehen. Es hat sich nun so gefügt, daß der Rabbi Joseph Koh n-Zedek nach England gekommen war, um in dortigen Bibliotheken Material für seine schriftstellerischen Bemühungen zu finden. Auch er halte, ww vor ihm Dainow, in einer Synagoge russischen Juden zu Paris Vorträge in der für diese Leute geeigneten Sprache und Weise gehalten. Er bildete dann in London einen Verein, dem er Vorträge hielt, und predigte in verschiedenen Synagogen, unter andern hielt er einen Hesped auf R. Aklba Lehren s. A. in einer Synagoge holländischen Juden. Die Vorträge haben bei den Zuhörern Beifall gefunden und sind von „Jew. Chron." und „Jew. World" lobend besprochen worden. Es liegt daher der Gedanke sehr nahe, daß die früheren Zuhörer Dainow's und die Kohn-Zedek's sich vereinigen und diesen als Prediger annehmen. Es wird hoffentlich so geschehen, die Wahl würde eine recht geeignete sein, da Kohn-Zedek sowohl als Gelehrter und Redner, wie durch sein aufrichtiges Bemühen, Torahkenntniß, Frömmigkeit, Bildung und Redlichkeit vereint zu fördern, durchaus in die Fußtapfen Dianow's tritt, und ein wackerer Nachfolger desselben sein würde. Zu wünschen wäre aber, daß man dem künftigen „Maggid" genügendes Brod gebe, denn, wie fick leider zu spät herausgestellt hat, ist der sel. Dainow, trotz aller Beliebtheit und aller Ehren, doch ziemlich — Hungers gestorben! Die britischen Juden, die den „Maggid-Verein" sogar unterstützt haben, obgleich sie dessen nicht bedurften, trifft darob keine Schuld. Vermischte und neueste Nachrichten. Stettin, 11. April. „Jewish Chronicle" vom 6. d. M. veröffentlicht ein die Palästinaun terstützungs-Angele genheil betreffendes Schreiben, welches Hr. Benjamin Hirsch zu Halberstadt an den Lonrck of Deputies zu London, spezieller wohl an dessen Comite für den Montefiore-Fonds, zu Händen des Secretärs, Mr. Lewis Emanuel, gerichtet hat. Es geht allerdings nur von einem Privatmann aus, aber die Stellung, welche die Familie Hirsch mit ihren Verzweigungen und Verbindungen innerhalb der Kreise einnimmt, welche am meisten für Palästina gethan haben und noch thun, sowie die hochhervorragende Opserwilligkett und Wohlthätigkeit der Familie an sich, machen das Schreiben sehr beachtenswerth, denn es leuchtet ein, daß Hr. Hirsch nicht bloß im eigenen Namen spricht. Um zunächst kurz zu sagen, was wir in dem Schreiben beachtenswerth finden, so bezeichnen wir es als eine ausgesprochene Wendung zu gesunden Ansichten über die Palästinafrage, als einem Lossagen von dem, was die betreffenden Kreise bis jetzt st i l l s ch w e i g e n d gebilligt und gefördert haben. Wir sind und waren nämlich schon seit langer Zeit der Ansicht, daß die Freunde und Förderer der Palästinaspenden in Norddeutschland*) die Ziel- und Zwecklosigkeit des bisherigen Modus der fraglichen Almosensendungen und Vertheilungen ganz wohl eins eh en, daß sie wissen, es müsse ein anderer Weg eingeschlagen werden, wenn nicht für alle Zukunft 2"y) Tropfen auf glühende Steine gesprengt werden sollen, daß sie auch manches, was in Palästina geschieht, ebenso verwerflich und schändlich finden, wie wir und Ändere es thun; sie haben aber nicht nur geschwiegen, sondern es auch ruhig angesehen, wenn der Trost der Chaluka-Sender und Nehmer diejenigen verschmäht und verkatzert hat, welche in bester Absicht und in schonendster Weise hier und da den Finger an die wunden Stellen gelegt haben. — Wir gehen vielleicht nicht fehl, wenn wir annehmen, daß die Rücksicht auf den verewigten R. Akiba Lehreil s. A. jene Zurückstellung und jene Connivenz mit herbeigeführt hat; und wie wir den edlen Charakter und die tiefe Religiösität des Genannten yj ehren, so liegt es auch sehr fern, die Rücksicht, die man auf ihn genomnlen, zu tadeln oder nur zu bemängeln. Zu tadeln ist nur, daß man auch die Creatur e n, welche sich des Greises bemächtigt hatten nnd ihre Nichtswürdigkeit hinter dem Ehrenschilde seines Namens versteckten, schonen und gewähren ließ. Wie dem sei, das „Eis ist jetzt gebrochen," und eine Brücke zum guten und rechten Pfade hier geschlagen. Neues ist es nicht, was Hr. Benj Hirsch vorschlägt; er verlangt Abschaffung der Chaluka in Beschränkung derselben auf Greise und diejenigen, denen anders nicht mehr zu helfen ist, Centralisirung der Palästina-Hülfswerke, energische Hinweisung der *) Wir wählen diese Bezeichnung nur der Kürze wegen und um nicht ohne Noth auf Personalien einzugehen. Sonst haben sowohl in anoeren Theilen Deutschlands, wie in England >Jew. Chron.) und Frankreich (Univ. Jsr.) orthodoxe und palästinafreundliche Männer und Blätter schon oft der richtigen Erkenntnis Ausdruck verliehen.